Vergangene Woche wurde ich in einem Zeitungsinterview gefragt: „Die Passionsgeschichte ist auch die Geschichte einer Frau, die ihr Kind verliert. Wundert es Sie, dass Frauen dieses Thema kaum für sich reklamiert haben?“, und ich antwortete: „Nein – wir alle, die wir hier Erfahrungen haben, wollen in Ruhe trauern und uns nicht damit wichtigmachen.“

In der Darstellung der Kreuzigung von Matthias Grünewald ist Maria eine, die nicht klagt – sie hält den Mund geschlossen, muss aber gestützt werden, denn sie ist dabei zusammenzubrechen. (Die Kreuzigung, aus dem Isenheimer Altarbild, c.1512-15… (#155221) (meisterdrucke.at)) Josef von Nazareth, der gesetzliche Vater Jesu, fehlt. Er soll schon früher verstorben sein (Josef von Nazaret – Wikipedia). Liegt es daran, dass die Trauer eines Vaters nicht wahrgenommen wird? Oder liegt es am Modell des „starken Mannes“, dass seine Trauer als „Schwäche“ tabuisiert wird? Wo doch der Mut, zu Trauer zu stehen und sie nicht zu verbergen, wahre Stärke bedeutet!

Der Journalist Golli Marboe hat diesen Mutschritt gewagt – sogar einen doppelten, denn er musste und muss immer wieder nicht nur den Tod seines Sohnes tragen, sondern auch die Tatsache dessen Suizids. 28 Jahre war er alt.

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Mit „Ja zur Familie, Nein zu Gender“ haben die Regierungsparteien Polens heute einen Antrag zum Austritt aus der Istanbul-Konvention des Europarats  eingebracht. Die Türkei ist schon vor einer Woche ausgetreten. Nun steht zu befürchten, dass diese Staaten auch „hinter den Kulissen“ andere Staaten, die sie als gleichgesinnt vermuten, zum Austritt bewegen könnten.

Zur Erinnerung: Die Istanbul-Konvention verpflichtet Staaten, Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu ahnden und ihnen Schutz zu verschaffen.  (Istanbul-Konvention des Europarates – humanrights.ch)

Nun könnten diese Staaten natürlich argumentieren, dass diese Gewalt bei ihnen nicht vorkomme – es hängt schließlich davon ab, wie man Gewalt definiert. Dass Gewalttäter vor Gericht 1. derartige Tatsachen (im wahrsten Sinn des Wortes) abstreiten, 2. jegliche „Schuld“ von sich weisen, sondern den Menschen, die sie so zum „Objekt“ verdinglichen, zuschreiben, und 3. auf ihr eigenes Opfersein berufen, ist hinlänglich bekannt und gut beforscht. Sie übernehmen einfach keine Verantwortung Weiterlesen

Dass Dichtestress eine Belastung darstellt, kennen viele aus der U-Bahn in Stoßzeiten – oder aus Liften, in die sich eine Person zu viel hineindrängt (oder eine, die für zwei zählt).

Im trauten Heim ist er eher ungewohnt – außer bei umfangreichem Verwandtenbesuch, so man den nicht auf mehrere Gästezimmer aufteilen kann. Aber der geht meist schnell vorbei.

Anders ist es, wenn zwei Home-Offices und mehrere Home-Schoolings um Prioritäten um den einzigen Laptop, so überhaupt vorhanden, argumentieren müssen. Da wird schnell Rivalität daraus, Kampf um Vorrang und damit qualifizierter Dichtestress – nicht nur wegen der langen Dauer, sondern auch, weil „Nachsehen haben“ auch konkrete Nachteile mit sich bringt.

In dem höchst interessanten Buch „Rebellinnen und Rebellen der Pädagogik“ des Vorarlberger Waldorf-, Montessori- und Waldpädagogen Rainer Wisiak (* 1963), soeben im LIT-Verlag erschienen, haben mich seine Hinweise auf die lange Tradition des „Home-Schooling“ in den Vereinigten Staaten überrascht. Weiterlesen

Als ich ein junges Mädchen war und Jus studierte, weil mir Gerechtigkeit ein hoher Wert war (und noch immer ist), waren Morde eher selten: der Engleder, der Gufler, der Weinwurm – die Eckhardt. Man wusste: Der erste wollte sich an Frauen rächen, der zweite ihr Geld haben, der dritte kam mit seiner Sexualität nicht zurecht und bei der einzigen Frau unter diesen kriminellen Berühmtheiten war man sich nicht sicher, ob es nicht doch Ekel war und nicht finanzielle Not (oder Begehrlichkeit – wie man es eben gewichtet, bei Frauen fallen die Urteile fast immer härter aus, weil von ihnen permanente Aggressionshemmung verlangt wird; erst #MeToo hat da einiges zurechtgerückt: Irgendwann „läuft das Fass über“ und die Unterdrückung quillt heraus).

Die Tatwaffen waren ein Maurerfäustl (Alfred Engleder: Der Mörder mit dem Maurerfäustl | Nachrichten.at)), Gift (Max Gufler – Wikipedia), nur einer ein Messer (Josef Weinwurm – Wikipedia) – und die Frau einen Fleischwolf (Mordfall Johann Arthold – Wikipedia).

Heute dominieren Messer. „Cavalleria rusticana“.

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Seine Sexsucht sei der Grund gewesen, weswegen er acht Frauen – sechs davon asiatischer Abstammung – in drei Massagesalons in Atlanta ermordet habe, sagte der 20jährige Robert Aaron Long (Massagesalon-Massaker: Eltern verrieten Atlanta-Killer an die Polizei – News Ausland – Bild.de). Und er wollte noch in Nachbarstaaten weiterziehen und auch dort „die Versuchung beseitigen“ – wurde aber von der Polizei daran gehindert. War es das, was den zuständigen Polizeisprecher davon sprechen ließ, der geständige Täter habe „einen schlechten Tag gehabt“? USA: Flapsiger Spruch über Massaker – Polizeisprecher in der Kritik (berliner-zeitung.de).

Männer neigen dazu, die Schuld wo anders zu suchen, als bei sich selbst – im Gegensatz zu Frauen, die meist sich selbst als die Schuldigen anklagen. Das hat einerseits mit dem Erziehungsstil des gleichgeschlechtlichen Elternteils zu tun – und andererseits damit, wem in der Familie die jeweilige Schuld zugeschoben wird. Diese Zielscheibe ist üblicherweise die Mutter.

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Warum bleiben Frauen bei gewalttätigen Partnern, wurde ich in einem Facebook-Kommentar gefragt.

Robin Norwood (* 1945), US-amerikanische Ehetherapeutin und Autorin des Longsellers „Wenn Frauen zu sehr lieben“ samt Nachfolgebüchern (Robin Norwood – Wikipedia) meint, dass sie durch gewalttätige Väter „konditioniert“ werden, Gewalt als normal zu betrachten. Und in dem Film „Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen“, der in den 1980er Jahren in Frauengruppen zur „Dekonditionierung“ eingesetzt wurde, lässt sich die Hauptdarstellerin immer wieder durch Entschuldigungsgejammer und Besserungsversprechungen vom Verlassen abhalten – bis sie von Sozialarbeiterinnen bei der schwierigen „Entwurzelung“ unterstützt wird.

Ich selbst als Psychoanalytikerin sehe die Auflösung destruktiver Verbindungen komplex – d. h. aus vielen Bausteinen aufgebaut – und konzentriere mich daher immer schon auch auf prägende biographische Erfahrungen wie ebenso auf die gegenwärtigen Ressourcen (wie beispielsweise Zufluchtsorte, Helferpersonen, Selbsterhaltungsfähigkeit etc.) aber vor allem: auf den Druck der Familien.

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Die Glaubenskongregation der römisch-katholischen Kirche hat also festgestellt, dass ihre Priester homosexuelle Paare nicht segnen dürfen, weil deren Lebensform Sünde sei. (Vatikan-Dekret: Keine Segnung homosexueller Paare – ZDFheute)

Als evangelische Pfarrerin habe ich gelernt, wofür ich bitte und wie ich segne – mit dem „Aaronitischen Segen“:

4. Buch Mose 6, 24–26 (Luther 2017)
Der Herr segne dich und behüte dich;
d
er Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Und als ausgebildete Prana-Heilerin (seit 1999) öffne ich mich dabei dem Heiligen Geist und bitte um Inspiration und gebe das an die zu Segnenden weiter.

Nun rätsle ich:
Wieso soll man Liebende nicht segnen dürfen, dass ihre Liebe und Treue wächst und sie einander beistehen, in guten wie in schlechten Zeiten? Denn Gott ist ja Liebe.

1. Johannesbrief 4, 16
Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen.
Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

Wieso darf man Waffen segnen – mit denen getötet und das 5. Gebot so massiv verletzt wird, dass es ärger gar nicht geht – aber Liebende nicht?

Oder liegt es an den sexuellen Phantasien der Mitglieder der Glaubenskongregation, dass sie sich Liebe nicht vorstellen, sich in Liebende nicht einfühlen können? Dass sie nur homosexuelle Handlungen im Sinn haben – aber die gibts unter Menschen, die sich heterosexuell bezeichnen, ebenso …

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Mit dieser Wortschöpfung habe ich (in meinem Buch „Madonna UND Hure“ 1997, vergriffen) eine Methode der unterschwelligen Abwertung von Frauen bezeichnet, die darin besteht, dass man sie weit unter ihrem gesellschaftlichen Status behandelt – beispielsweise indem man sie unerlaubterweise duzt oder als letzte nach allen Männern begrüßt … So beobachte ich auch immer wieder mit Interesse, welche Personen ORF-Anchor-Man Armin Wolf mit ihren akademischen Graden anspricht und welche nicht – auch so eine Geste des subtilen Respekts bzw. der Respektsverweigerung.

Mir ist so etwas heute wieder einmal widerfahren: Zuerst sprach mich der – wesentlich jüngere – Mann mit „Gnädige Frau“ an, und ich bat ihn, das nicht zu tun, denn wir wären ja in einem Berufsgespräch und diese Anrede passe nur bei einer privaten Einladung zu mir, z. B. zum 5-h-Tee – die ich bei dieser Gelegenheit gleich ausspräche. Darauf folgte die zweite Runde mit verbalem Tiefschlag: Nun sprach er mich mit „Frau Pfarrerin“ an – und ich gab es auf; er wollte mich offenbar vera…schen Weiterlesen

„Stalker tötete Ex-Geliebte aus Eifersucht“ und „Brand-Attentat aus krankhafter Eifersucht“ – zwei Titel in der online-Ausgabe von „Österreich“ ÖSTERREICH (epaper-oesterreich.at) am heutigen Frauentag.

Nun weiß man ja, dass diese Zeitung reißerische Formulierungen bevorzugt – aber sie spiegelt gerade mit solchen wie den beiden heutigen das wieder, was in der breiten Bevölkerung zu den Morden an Partnerinnen gedacht wird: „Er war halt eifersüchtig“ – und: Sie wird ihm schon Grund gegeben haben; oder „Er hat sie halt zu sehr geliebt“ – und: Sie hat das halt nicht verstanden; oder: „Er hat sich in seiner Ehre gekränkt gefühlt“ – und: Hätte sie ihn halt nicht gereizt.

Solche Formulierungen führen dazu, dass die Bedrohlichkeit der Geisteshaltung dieser Täter verharmlost wird – vor allem auch deswegen, weil die ersten Anzeichen (Besitzdenken, Kontrollzwänge, Strafwut) ignoriert bzw. entschuldigt werden, nicht nur von Familienangehörigen und Freund_innen, sondern leider oft auch von Behörden, denen Drohungen nicht Beweis genug sind, um „einzuschreiten“. Dabei würde einfache „Nachschau“ und ein deeskalierendes Gespräch möglicherweise schon zur „Ernüchterung“ beitragen.

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Zur Ethik bestimmter Berufe gehört es, eigene wie auch fremde Motive und Motivationen genau zu hinterfragen, bevor man Handlungen – dazu zählt auch was man spricht – setzt.

„Elternersatzberufe“ beispielsweise – darunter verstehe ich solche, die in Beziehungsformen großer Nähe und Abhängigkeiten ihrer „KundInnen“ arbeiten, also Ärzteschaft und andere Medizinberufe mit Körpernähe, PsychotherapeutInnen, PädagogInnen – sollten besonders auf die Einhaltung sozialer, insbesondere sexueller Grenzen achten. Im Klartext heißt das: Man kann nicht solch eine Berufsbeziehung haben und gleichzeitig SexualpartnerIn sein – oder KreditnehmerIn (sich Geld ausborgen).  Erfahrungsgemäß kommen solche Konfliktsituationen dort vor, wo die Hilfe suchende Person bereits in ihrer Vergangenheit sexuell oder finanziell ausgebeutet wurde und sich nun eine parallele Situation wiederholt („Übertragung“ bzw. „Gegenübertragung“ in der Fachsprache); das gehört in Sprache bearbeitet – nicht „ausagiert“, und dafür braucht es Supervision.

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