Es ist zwischenzeitlich schon wissenschaftlich – nämlich nach der altmodischen Definition von Wissenschaft à la Kant und Wilhelm v. Humboldt – gut bearbeitet, dass diejenigen, die im Gefolge der „Postmodernisten“ deren wie auch andere „Konstruktionen“ von Wissenschaft kritisieren (außer logischerweise ihre eigenen), zwar die dahinter liegende Machtausübung aufdecken – ihre eigene aber als die einzig richtige selbst ziemlich gewaltsam durchsetzen wollen.

Der Blickwinkel auf innewohnende Machtstrategien gefällt mir. Ich pflege ihn ja auch. Deswegen weise ich immer wieder darauf hin, wie mit dem Versuch, Scham- und Schuldgefühle auszulösen, Macht ausgeübt wird. Andersdenkende sollen „mundtot“ gemacht werden – und das ist auch eine Form von Tod – zumindest aber verachtenswert. Kann man seit diesem Jahrhundert tagtäglich in der hohen Politik in den USA und mit Zeitverzögerung auch in Österreich beobachten.

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Seit den mal mehr, mal weniger zielführenden Anti-Corona-Maßnahmen stehen sich teilweise erbitterte Gegner und Gegnerinnen gegenüber. Warum sich jemand für oder gegen eine Impfung entscheidet, interessiert sie nicht – das wäre ja sonst ein Beziehungsangebot – sondern allein die Tatsache, dass keine Gefolgschaft geleistet wird, reicht, um in hocherregte Kampfstimmung zu geraten. Erinnerungen an Religionskriege werden wach – aber auch an rassistische Ideologien: Gegner müssen vernichtet werden. (Politische Verfolgungen lasse ich jetzt aus, weil es die immer gegeben hat, primär wie auch immer sekundär, wenn es leicht ging, unliebsame Konkurrenz oder Kritik zu vernichten, indem man nahestehende ideologische Lager verstärkte … geschieht ja auch in Familien und Betrieben!)

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In der Auflistung der Vorschläge zum gendergerechten Schreiben für die Kärntner Amtsstuben findet sich auch: „Bemuttern – fürsorglich sein, umsorgen“ (s. „Es soll nicht mehr ,bemuttert‘ werden“, Der Standard, 16.12.2022, S. 7).

Für mich war dieser Vorschlag gestern nur ein Beispiel unter all den übereifrigen unbedachten Fleißaufgaben, sich einem „woken“ Trend anzuschließen – bei mir erlebte ich keine emotionale Reaktion. Heute schrieben mir aber Leserinnen meines gestrigen Briefes z. B. „Auch genderpeople fühlen sich als Mutter und wollen gerne als solche gesehen werden“ oder „Darf man, soll man nicht emotional sein, das ist hier die Frage?“ oder „Ich bin für Einbeziehung aller, möchte aber Mutter bleiben dürfen und mich als solche ,auch‘ identifizieren dürfen!“

Mich erinnert dies an den psychoanalytischen Begriff des „Gebärneids der Männer“ als konträres Symptom zum sogenannten „Penisneid“ von Frauen (auch nicht aller!). Ich bin meinen Feedbackgeberinnen von heute aber sehr dankbar für ihre Anmerkungen – sie geben mir Gelegenheit zur Verbreitung einer Information aus der Wissenschaftspublizistik des Jahres 1978 (!) – auf Deutsch 1985, die also längst bekannt sein sollte.

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Dass sich Sprache ändert, sollten wir alle, zumindest oberflächlich, im Schulunterricht gelernt haben – Stichwort Lautverschiebungen (Beitrag germ. Lautverschiebungen.pdf (uni-leipzig.de)) oder Erinnerung an die „Invasion“ französischer oder englischer Wörter in die Alltagssprache (von den tschechischen oder jiddischen Gastwörtern sprechen wir weniger gern – und schon gar nicht von den „Eindeutschungen“ in der NS-Zeit s. Spielleiter statt Regisseur etc.). So weit so gewohnt.

Nun sorgt ein Leitfaden für diskriminierungsfreies Formulieren aus der Kärntner Landesregierung für Verwunderung bis Empörung – auch wenn er, wie erklärt, nur als Anregung gedient haben sollte (Kärntner Gender-Leitfaden: Umstrittenes Wörterbuch wird zurückgezogen | Kleine Zeitung). Mich empört das nicht – ich finde ihn, bzw. die Beispiele, die ich in den Tageszeitungen lesen konnte (z. B. „Das Gendern erregt die Kärntner“, Der Standard, 16.12.2022, Seite 7), einfach nur peinlich schlecht gemacht. Dabei gab es an der Uni Klagenfurt sogar einst einen Experten, Heinz-Dieter Pohl (*1942), der z. B. in seinem Beitrag „Wie die ,politische Korrektheit‘ die Wissenschaftsfreiheit einschränkt – aus sprachwissenschaftlicher Sicht“ in dem Buch „Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit“ (Hrsg. Harald Schulze-Ehrentraut / Alexander Ulfig) aufzeigt, dass bei Geschlecht zwischen dem generischen Maskulinum (der Bär), dem generischen Femininum (die Katze), dem grammatikalischen Geschlecht (der, die, das) und biologischen (männlich, weiblich) zu unterscheiden ist, wobei die biologische Form zum generischen auf grammatikalische Weise in der Endung ausgewiesen wird (meist mit „in“ feminisiert wie bei „Bärin“) (Seite 63 ff.).

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„Da streiten sich die Leut herum“ beginnt das berühmte Hobellied aus Ferdinand Raimunds „Verschwender“ (Hobellied – Wikipedia) – in der Politik zwar derzeit nicht um „den Wert des Glücks“, sondern umgekehrt, wie man „den Anderen“ möglichst viel Unglück bereiten kann … denn, so scheint es mir, es wird keine noch so kleine Banalität ausgelassen, den politischen Gegner runterzumachen („Kleine Kunde des Grüßens“, Der Standard, 10./11.12.2022, Seite 43).

Letzthin war es die „Frechheit“ des Niederösterreichischen ÖVP-Landesgeschäftsführer Bernhard Ebner, das versammelte Tribunal mit „Grüß Gott“ zu begrüßen, worauf ihn der SPÖ-Fraktionsführer K. J. Krainer bissig schulmeisterte „Bei uns heißt das ,Guten Tag‘!“

Ein Witz aus meiner Zeit als Mandatarin der SPÖ (1973–1987, die damals noch Sozialistische Partei hieß, ehe der Name unter Vranitzky „verharmlost“ wurde), fällt mir ein: Warum sollen Schnecken nicht mit „Tempo!“ grüßen – Sozialisten grüßen ja auch mit „Freundschaft!“

Hochaktuell – gelt?

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Nun ist zu der Permanentberichterstattung über sexuelle Übergriffe eines – inzwischen toten – Sport- und Freizeitpädagogen eine Salzburger Lehrerin wegen „versuchten Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses“ ins Visier der Justiz geraten (Kurier, 03.12.2022, Seite 25).  Diese Versuche – besser wohl Versuchungen – beschreibt die Zeitung als Aufforderung, der 14jährige solle sich vorstellen, sie würde ihn küssen, und habe ihm auch selbst einmal im Klassenzimmer einen Zungenkuss gegeben, und sie hätte ihm Nacktfotos von sich geschickt und auch solche von ihm verlangt. Der Bericht endet mit „Die Frau, die nicht mehr unterrichtet, entschuldigte sich für ihr Verhalten“ und das Gerichtsverfahren endete mit Diversion (d. i. ein meist finanzieller Interessenausgleich).

Mich erinnerte dies an eine Klientin aus dem vorigen Jahrhundert, die genau aus diesem Motiv zu mir in Beratung bzw. Therapie kam: Sie hatte sich in einen Schüler in ähnlichem Alter verliebt – und merkte, wie sie dabei „den Kopf verlor“. Die verheiratete Frau und Mutter hatte Zwangsgedanken, wie sie sich ihm annähern könnte und erkannte, dass ihre Selbstbeherrschung immer weniger wurde. Es war also goldrichtig, sich einer psychotherapeutischen Fachkraft – die ja unter Schweigepflicht steht – anzuvertrauen und sich „aus-zu-reden“.

„Selbst-Ausdruck“ befreit – und zwar bereits der verbale.

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Da berichtete doch Conrad Seidl am 29. November 2022 im Standard (Seite 32) unter dem Titel „Demokratie braucht Streit“ und „Untertitel „Der Ruf nach starker Führung hat dennoch seine Berechtigung“ – die beide möglicherweise nicht von ihm stammen? – dass laut dem Demokratiemonitor des Sora-Instituts jeder neunte Befragte meinte, es sollte einen starken Führer geben und der bräuchte sich dann nicht um Parlament und Wahlen zu kümmern und weitere 15 Prozent hielten dies für „ziemlich richtig“. Gleichzeitig sagten 87 Prozent, dass Demokratie die beste Staatsform sei. (Dass jeder 50. Befragte dies ablehnte, will ich nicht gelten lassen – es fehlt im Artikel nämlich die Angabe der Zahl der Befragten.)

Seidl meint, dieser Widerspruch basiere auf dem Eindruck, dass in der Politik nur gestritten werde – und er resümiert, Demokratie brauche eben diesen Streit, „ein Ringen um die besten Lösungen“. Genau deswegen stört mich das Wort bzw. der Begriff „Streit“: Streit ist eben kein Bemühen um eine Problemlösung – er besteht im energetischen nicht nur verbalen – denken wir an Mimik und Gestik und oft noch mehr – Krafteinsatz, um sich durchzusetzen. Es geht darum, Sieger zu sein – immer mit Ausblick auf die nächsten Wahlen.

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Üblicherweise wird Charakter als „verfestigtes Verhalten“ interpretiert – jedoch wird damit suggeriert, dass man Verhalten nicht ändern könnte. Man kann! Aber viele Bezugspersonen wollen das ja nicht – sie wollen eher, dass man einschätzbar ist und daher möglichst unveränderlich. Wer hat noch nie den Satz gehört „Bleib wie du bist!“? Eigentlich insgeheim ein Fluch gegen persönliches Wachstum. Dabei ist es doch eine Lebensaufgabe, die eigenen Begabungen bestmöglich zu entfalten – nicht nur zum eigenen Besten, sondern auch zu dem des Umfelds.

Aus psychoanalytischer Sicht durchlaufen wir alle körperliche wie mentale Lernphasen, in denen wir bestimmte Verhaltensweisen einüben (wenn man uns lässt): Die erste, so ab Geburt bis etwa die nächsten 18 Monate, wird die „orale“, zu Deutsch „Mund“-Phase genannt, weil die Überlebenskraft des Babys davon abhängt, sich – wie auch immer, etwa durch Gebrüll – Nahrung zu verschaffen, nicht nur materielle, sondern auch soziale, nämlich Zuwendung, und auch die Zeit zum Genießen. Wird die verunmöglicht (z. B. durch Zeitdruck), fällt später diese „Kompetenz“ aus (wie etwa bei vielen Kriegskindern, da die Flucht in den Luftschutzkeller immer vordringlich war), und man neigt dann dazu, sich wie auch anderen Genuss zu verbieten.

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1969 – ich war knapp ein halbes Jahr verheiratet und mein Ehemann vom ORF Wien in den Pressedienst des Wiener Rathauses übergewechselt – lernte ich die Medienexperten der SPÖ Wien kennen, die für den aktuellen Gemeinderats- und Landtagswahlkampf verantwortlich waren, denn es gab ein Abendessen „mit Damen“. Es blieb mir vor allem aus zwei Erlebnissen in Erinnerung: Erstens sagte Vizebürgermeister Felix Slavik zu meinem Mann (damals sein Pressereferent) „Solche Frauen wie deine brauchen wir – schick sie uns in die Partei!“ (dabei war ich bereits seit 1955 beim VSM und danach ab 1962 im VSStÖ, aber halt noch nicht besonders aktiv), und zweitens sangen er (geb. 1912) und Bürgermeister Bruno Marek (geb. 1900) zu fortgeschrittener Stunde „Wir sind jung und das ist schön!“ (das Kinderfreunde-Lied), was einer gewissen Pikanterie nicht entbehrte …

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Derzeit vergeht kein Tag, ohne dass die Tageszeitungen von einem neuen sexuellen Übergriff auf Kinder und Jugendliche berichten: Das begann mit einem Kindergarten in Wien, dann noch einen, dann einen in Graz („Missbrauch in Kindergärten: Es soll 7 Opfer geben“, Salzburger Nachrichten, 24.11.2022, Seite 12), dann Schulen, dann Heime, in Sportvereinen und jetzt wiederum in einer Familie …

Im Grazer Fall hat der Verdächtige die Arbeitsstätte gewechselt, stand da zu lesen. Ich kenne aus meiner Praxis etliche Fälle, wo die Eltern bei Verdacht, dass in der Familie etwas nicht stimmen könnte, den Wohnsitz gewechselt haben – offenbar überwiegt die Angst vor der „Obrigkeit“ das Schutzbedürfnis gegenüber den Kindern (auch in den Institutionen?) – und irgendeine Ausrede findet sich schon, wenn dann gefragt wird, weshalb man sich örtlich verändert.

Vielleicht liegt es aber an der Kommunikation: Wie sollen wir „Ungehöriges“ oder sogar Kriminelles „akzeptabel“ ansprechen? So, dass die angesprochene Person nicht sofort „mauern“ muss, oder flüchten, oder zu einem Gegen-Angriff schreiten? Wie kann man einen Angriff zu einem Anrühren vermindern? (Steht in meinem letzten Buch „Sprechen ohne zu verletzen“ – aber auch, dass es die Entscheidung der angesprochenen Person ist, ob sie sich „entscheidet“, mit einer Demonstration von Verletztheit zu reagieren.)

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