Da postete jemand heute auf Facebook ein Bild aus einem Artikel vom Handelsblatt, aus dem abzuschauen war, dass es einen „Bildungstrichter“ gibt: Oben ist die Ausgangslage gleich breit für 100 Kinder, die einen aus Akademikerfamilien, die anderen aus Arbeiterfamilien, und darunter die jeweiligen Schulstufen bis zum Hochschulabschluss, und die Breite war bei den Akademikerkindern nur minimal verkleinert, aber bei den sogenannten Arbeiterkindern nur mehr winzig. (Kinder aus Nichtakademikerfamilien haben es in Deutschland schwer (handelsblatt.com))

Mir ging dabei einiges ab: zuerst die Unterscheidung in naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Studienrichtungen; weiters bei genau dieser Zweiteilung die Unterscheidung nach Geschlechtern; dann aber auch die Unterscheidung zwischen erstem und zweiten bzw. dritten Bildungsweg.

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„Das Problem ist, wenn Ungleichbehandlung mit Abwertung verbunden ist“, schrieb die Grünen-Nationalratsabgeordnete Mag.a Faika El-Nagashi anlässlich der heurigen Wiener Regenbogenparade („Die Weiblichkeit wird abgesprochen“, Salzburger Nachrichten, 11.06.2022, S. 2).

In ihrem Buch (gemeinsam mit der Wiener Ärztin und SPÖ-Landtagsabgeordneten Dr.in Mireille Ngosso) „Für alle, die hier sind“ (Kremayr & Scheriau, 2022) schreibt es die ungarisch-ägyptisch-stämmige Politologin noch deutlicher: „Jede Partei hat ihre Versprechen. Bei den Grünen waren es für mich die von der Durchsetzung von Menschenrechten“ (S. 59). Dort heißt es in Artikel 3 EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention): „Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ – und das gilt nicht nur als Verbot für Staaten, sondern für uns alle, denn die Staaten, die die EMRK unterzeichnet haben, müssen dies auch durch nationalstaatliche Gesetze garantieren. (So erklärt sich auch die jüngste Anzeige gegen einen Elementarpädagogen, der angeblich ein Kind in die Toilette eingesperrt haben soll.

Da ist noch viel an Antidiskriminierungsgesetzgebung fällig, wie das stete Bemühen des engagierten Rechtsanwalts Helmut Graupner beweist – denn noch immer gibt es Bevölkerungsgruppen, die fern jeder Wissenschaftsinformation gleichgeschlechtliche Liebe ihrer fundamentalistischen Erziehung entsprechend für Krankheit, Verbrechen oder Sünde halten. Ich – die allen drei Berufen zugehört, in denen diese „Etikettierungen“ verteilt werden – sehe darin vor allem ein Instrument gezielter Bevölkerungs- und Kriegspolitik („Der Führer braucht Soldaten“).

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Als ich vor wenigen Tagen mein letztes Buch „Das Schweigen der Hirten – Kirche und sexuelle Grenzüberschreitungen“ einer interessierten Kolleg:innenschaft vorstellen durfte, in dem es um die vielen Formen des Schweigens wie auch – hochaktuell! – des Vertuschens geht, entwickelte sich danach eine intensive Diskussion über Homosexualität, Pädophilie, die Attraktivität pädagogischer Berufe für diese Personengruppen und ob der Zölibat „schuld“ daran sei, dass es im kirchlichen Bereich so viele sexuelle Übergriffe auf Kinder gäbe bzw. gab.

Ich war froh, gerade in unserer Berufsgruppe klar stellen zu können, dass die Hauptgruppe der Täter bei sexueller Ausbeutung von Kindern immer noch in den Familien zu finden sei, und, wie ich im Buch ausführlich darlege, Pädophilie (Neigung, Schwärmerei), Pädosexualität (eine sexuelle „Vorliebe“ oder Fixierung) und Pädokriminalität (Vermarktung von – nur als grober Überbegriff gemeint – pädosexuellen Darstellungen) voneinander unterschieden werden müssen, auch wenn sie in der Biographie einer Person (nebst anderen Besonderheiten) verbunden auftreten sollten.

Was mir aber wert schien, mich ausführlich damit zu befassen, war die – oft nur als Machtmittel „in Beziehung“, in der Sache jedoch unpassende Verwendung des Wortes „Schuld“.

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In seinem neuen Buch „Die dunkle Leidenschaft. Wie Hass entsteht und was er aus uns macht! (Gräfe und Unzer, 2022), listet der sensible – ich habe ihn selbst mit meinen Student:innen bei einem Vorarlberger Mordprozess als höchst respektvollen Gerichtsgutachter erlebt, Kompliment! – Psychiater und Bestsellerautor Reinhard Haller (* 1951) das breite Spektrum all der Untaten auf, die in den Medien Stoff für Sensations- wie auch Aufklärungsberichte liefern – und einige eher unbeleuchtete. Zu diesen gehört das „toxische“ Schweigen (S. 45 ff.)

Haller unterscheidet das meditative, kreative, andächtige, rücksichtsvolle vom frustrierenden, eisigen bis zum aggressiven und hasserfüllten Schweigen, das die eigene Machtdemonstration zum Ziel hat.

Derzeit berichten die Zeitungen über eine andere Art des toxischen Schweigens, das auch mit Macht zu tun hat: Das beharrliche Verschweigen sexueller Übergriffe wie auch schwarzpädagogischer Maßnahmen in pädagogischen – aktuell konkret elementarpädagogischen, sprich Kindergärten – Einrichtungen („Chefin der Wiener Kindergärten abgesetzt“, Der Standard, 08.06.2022, S. 8).

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Die Hacker der Kärtner Landesregierung geben nicht auf, lese ich in orf.online Hackerangriff: Land dementiert Datenleak – kaernten.ORF.at und drohen und erpressen weiter. Offenbar sind sie sich ihrer Schläue und Digi-Kompetenz total sicher … aber das ist eine bekannte Begleiterscheinung krimineller Energie. Jedoch: Wieso gerade Kärnten?

Vor mehr als einem Monat hatte ich Gelegenheit, an einer Podiumsdiskussion im Radiokulturhaus teilzunehmen (kurz bevor es zugesperrt wurde und nun Geschichte ist – und auch Teil meiner Biographie als nebenberufliche Medienarbeiterin), in der es um das Interesse an Gold ging – und auch um Bitcoins. Sehr spannend – noch nachzuhören unter Zier, Rausch, Gier | MO | 30 05 2022 | 16:05 – oe1.ORF.at – es war auch ein echter Goldgräber dabei, ich hatte gar nicht gewusst, dass es bei uns in der Steiermark Hobbyschürfer gibt.

Das Spannende ist die Mentalität: Dass Abenteuer und Risiko vielen einen Kick verschafft, der sie aus ihrer latenten Depressivität herausholt, kenne ich von vielen meiner Patienten, und in Flüssen Gold herauszuwaschen ist rein von der körperlichen Betätigung gesünder als stundenlang im Spielcasino zu sitzen und die Identität als Naturbursch wie im Wildwestfilm wohl auch friedlicher als James Bond zu kopieren.

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Und wieder ein Massenmord an Schüler:innen in den USA („Amerika und sein Waffen-Elend“, Kurier, 26.05.2022, S. 3; Amerika und sein Waffen-Elend | Kurier (genios.de) ), und wieder Kritik an den Republikanern als Fürsprechern der Waffenlobby (National Rifle Association, NRA) … und wieder Ruf nach strengeren Waffengesetzen … dafür aber Waffenverbotskontrollen morgen (27.05.) bei deren Jahrestagung der NRA in Houston (Texas) damit dort nichts passiert.

Viele Angehörige der psychiatrisch-psychotherapeutischen Berufsstände, nicht nur ich, verweisen seit langem darauf hin, dass sich das „wirk“-liche „Waffenarsenal“ im menschlichen Gehirn befindet und dass die „Aufrüstung“ schon lange vor der Ver“wirk“lichung der mörderischen Phantasien bemerkbar wäre … man müsste halt wahr-nehmen und deeskalierend reagieren. Ich habe in in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends zu Gewalt im schulischen Bereich geforscht und meinem multidisziplinären Stil entsprechend mit Opfern wie auch potenziellen Tätern gesprochen. In meinem Buch „Feindbild Lehrer?“ (aaptos Verlag 2009, bestellbar bei mir) gibt es mehrere Beiträge – Titel eines von mir dazu – zum „Phänomen School-Shooting – Ätiologie und Prävention“.

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Vergangene Woche wurde über zwei Bildungseinrichtungen berichtet, in denen es zu „Missbrauchsfällen“ gekommen sein soll.

Diese Formulierung entspricht der Unschuldsvermutung, und die hat so lange eingehalten zu werden, bis es eine rechtskräftige Verurteilung gibt – nur gerichtskonforme Beweise allein entkräftigen sie nicht. Es ist ja auch Sache der Gerichte, den jeweilig inkriminierten Sachverhalt einem Tatbestand zuzuordnen – und auch das ist nicht immer leicht und muss gelegentlich sogar während des Strafprozesses geändert werden. Richter:innen müssen ja auch die Menschenrechte der Beschuldigten schützen – das gehört zu ihren Gerechtigkeits-Pflichten.

Das alles erklärt zum Teil, weswegen sich so viele Aufsichtsbehörden mit ihren Schutzpflichten schwertun: Sie wollen erst ein möglichst präzises Bild der zur (internen?) Anzeige gebrachten Vermutungen gewinnen, bevor sie ihre Amtsverschwiegenheit aufgeben. Der andere Teil des Verstummens aus Schock oder Taktik, wer weiß, liegt in mangelnder Kommunikationskompetenz. Denn wenn heute auch vielfach ausbildungs- oder institutionsintern Kommunikationsseminare angeboten werden (und der – nicht immer freiwillige – Besuch nicht immer Erfolge zeitigt), fehlen den meisten Unterrichtenden einerseits die eigenen Erfahrungen im Bewältigen extrem herausfordernder Gespräche im Zwischenbereich zwischen Recht und Psychologie, und nur durch Lesen von Fachliteratur kann man höchstens Theorien vermitteln, nicht aber die Einstellungen und Stimmungen, die in Stresssituationen helfen, kühlen Kopf und eine deeskalierende Sprache zu gewinnen und zu bewahren.

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Herman Melvilles berühmter Roman „Moby Dick“ beginnt mit dem Satz des Ich-Erzählers „Nennt mich meinethalben Ismael“. Das macht die Kommunikation leichter: Er stellt sich vor.

In den Salzburger Nachrichten von Samstag, 21. Mai 2022, Seite 13, lese ich die Überschrift „Falsche Anrede soll sexuelle Belästigung sein“ und im Artikel, die Schulbehörde einer Mittelschule im US-Bundesstaat Wisconsin habe den Streit um die korrekte Bezeichnung eines oder einer nicht-binären Mitschüler:in als sexuelle Belästigung „eingestuft“. Daraus schließe ich, dass die weiterhin weibliche Anrede durch die Mitschüler in keinem wertschätzenden Ton erfolgt ist. Offensichtlich konnten oder wollten diese den vermutlich intersexuellen Kollegen nicht als ihresgleichen akzeptieren – oder hänseln.

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In einem Wiener Kindergarten soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein („Missbrauchsverdacht im Kindergarten und Vertuschungsvorwürfe“, Der Standard, 17.05.2022, S. 9) – und das vor gut einem Jahr. (Der Pädagoge wurde umgehend vom Dienst enthoben, heißt es im Artikel.)

Nachdem trotz Bitte um Verschwiegenheit die Informationen mit großer Zeitverzögerung an die betroffene Elternschaft und in der Folge in die Medien gelangte, steht der Vorwurf der Vertuschungsabsicht im Raum. Der kann nur entkräftet werden, wenn minutiös alle Schritte zur Behandlung der Vorkommnisse nachgewiesen werden – genau dafür gibt es Dokumentationspflichten – und diese dann beweisen, dass eben nicht vertuscht wurde. (Dazu: Ich kenne aus Beratung und Supervision viele Fälle aus mehreren Bundesländern, in denen nicht nur vertuscht, sondern auch gedroht und eingeschüchtert wurde – die sind aber schon lange her.)

Was dabei vergessen wird: Es liegt an der fehlenden Fachsprache, wie in solchen Fällen exakt zu formulieren wäre. Denn spontan werden die meisten dazu berufenen Personen von Empörung erfasst – und in der Hochemotion lässt sich nicht leicht vernünftig denken.

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Soeben hat mich eine entsetzte Kultur-Expertin kontaktiert und mir das Festwochen-Plakat zu „Madame Butterfly“ gemailt – und ich bin jetzt ebenso entsetzt: Noch geschmackloser geht es wohl nicht.

Bekanntlich handelt Puccinis tragische Oper von der sexuellen Ausbeutung einer Japanerin durch einen verantwortungsscheuen amerikanischen Soldaten, der sie mit ihrem Kind im Stich lässt, heimgekehrt eine Amerikanerin heiratet und dann zurückkommt, um „seinen“ Sohn nach Amerika zu holen. (Auch das überlässt er feig seiner Ehefrau.) Butterfly suizidiert sich darauf mit dem Dolch ihres Vaters nach dem Ehrencode der Samurais: Sie begeht Harakiri – sie schlitzt sich den Bauch auf (und dabei fällt man normalerweise nach vorne).

Auf dem Plakat sieht man hingegen ein auf dem Rücken mit geöffneten blutbeschmierten Beinen hingestreckt liegendes Mädchen mit geschlossenen Augen – ob sie lebt oder tot ist, bleibt unklar, aber: Was suggeriert wird, ist, noch dazu ästhetisiert, der Zustand nach einer brutalen Vergewaltigung.

In einer Ausstellung in geschlossenen Räumen oder in einem Kunstbuch würde mich diese Darstellung nicht entsetzen – aber im öffentlichen Raum auf Plakaten?

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