In meinem gleichnamigen Buch – erschienen im März des heurigen Jahres im Zuge der massiven Kritik an Joseph Ratzingers Schweigen als Münchner Erzbischof zu den Missbrauchsfällen in seiner Diözese (Trotz der Missbrauchsfälle: Schweigen im Vatikan | STERN.de) – habe ich versucht, das Schweigen von all denen, die ahnen, vermuten oder wissen, zu klären und erklären. Zum mangelnden Mut zum Ansprechen habe ich geschrieben: „Juristisches wie auch psychotherapeutisches Wissen samt kritischer Gegenpositionen wird noch immer der breiten Bevölkerung – besonders Kindern und Jugendlichen – vorenthalten (außer für Angstmache und Manipulation angepasst). Es gehörte altersgemäß aufbereitet in alle öffentlich kontrollierten Einrichtungen!“ (Seite 10.), und ich habe deshalb formuliert: „Weil wir alle Hirten sind“ – deswegen hat jede und jeder das Recht zu Vermutungen, Kritik und Protest – sie müssen nur als solche ausgewiesen und auch begründet werden.

Genau deswegen braucht es Modelle korrekter Formulierungen – vor allem, damit die Drohungen mit Verleumdungsklagen seitens der mutmaßlichen Täterpersonen obsolet werden: Verdacht kann nur durch Überprüfung beseitigt werden und Transparenz liefert das Vorbild für korrektes Umgehen.

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Vorab: Das neue zweite Buch von Yvonne Widler, Leiterin des „Lebensart“-Ressorts der Tageszeitung Kurier, „Heimat bist du toter Töchter. Warum Männer Frauen ermorden – und wir nicht mehr wegsehen dürfen“ (Kremayr & Scheriau, € 24,–) ist das beste, was ich in den letzten Wochen gelesen habe – und ich lese fast täglich ein Buch. Jede Frau und jedes Mädchen sollte es lesen.  Es wird sie desillusionieren – und das ist nicht nur grundsätzlich wichtig, sondern eben oft auch lebensrettend.

Was mir – auch als bisher einzige österreichische Universitätsprofessorin für Prävention und Gesundheitskommunikation – besonders gefallen hat, ist die intensive Recherche – auch wenn sie Kritiker:innen an den auch hier wieder genannten Täter-Motiven wie mich, nicht befragt hat. Verständlich, Widler ist Journalistin und daher kann sie einen allfälligen Vorwurf mangelnder Objektivität ignorieren, wir Wissenschafter:innen nicht – und dem Verkaufs- und Besinnungserfolg des Buches, den ich ihr von Herzen wünsche, wird die „Parteilichkeit“ nützen, und das ist auch gut so, und wenn es auch nur einer Frau das Leben rettet – und auch das Gewissen.

So habe ich erst vergangenen Donnerstag mit einer 84jährigen Frau gearbeitet, die noch immer Schuldgefühle hat, dass sie sich als 16jährige aus Angst um ihr Leben ihrem Vergewaltiger (dem Taxilenker, der sie heimbringen sollte!) „gefügt“ hat. Ja, nicht der – nicht angezeigte, es waren die 1950er Jahre! – Täter hat „lebenslänglich“, sondern die Überlebende.

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Am 10. September ist Weltsuizidpräventionstag und Anlass, dem Thema abseits der Berichterstattung über aktuelle Fälle dieser Form, aus dem Leben zu scheiden, Raum zu geben.

Dabei wird immer einerseits der „Werther-Effekt“ zitiert, so genannt, weil nach dem Erscheinen von Johann Wolfgang Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774), die der Titelheld durch Suizid beendet, die Anzahl von Nachahmungstaten zunahm.  Andererseits wird dies neuerdings durch Hinweis auf den gegenteiligen „Papageno-Effekt“ ergänzt, der sich auf die Szene in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ bezieht, in der sich der Vogelfänger Papageno das Leben nehmen will, weil er glaubt, seine künftige Frau Papagena ewiglich verloren zu haben, aber die „Drei Knaben“ erscheinen und erinnern ihn an das wundersame Glockenspiel, auf dessen Klang hin Papagena wieder erscheint. Mit dem Schlagwort vom Papageno-Effekt soll darauf hingewiesen werden, dass man Suizidgedanken mit Hilfe anderer Menschen überwinden kann.

So einfach wie in Mozarts Oper ist das aber nicht. Ich habe in meinem Buch „Komme was da wolle … Krisenkompetenz. Ein Beitrag zu Gewaltprävention, Resilienz und Salutogenese“ (edition roesner 2020, Seite 87 ff.) dieses Thema auch behandelt, und weil die Propagandisten des Papageno-Effekts anregen, Personen, die sich letztlich von dieser „Erlösungshoffnung“ befreien konnten, mögen davon Zeugnis ablegen, auch eine meiner eigenen Erfahrungen beschrieben.

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Gestern hat sich der Psychoanalytiker Harald Picker mit einem Herzinfarkt von dieser Welt verabschiedet. Ihm verdanke ich den Berufswechsel von der Juristerei zu Psychoanalyse – und zwar zu der „im Feld“, dort, wo sich die problembelasteten und „bindungsfreien“ Menschen „herumtreiben“.

Ich hatte damals, 1975, als „flankierende Maßnahme“ zur Fristenlösung, an der ich selbst mitgearbeitet hatte, über Anregung von Rosemarie Fischer – heute Santha – eine Familienberatungsstelle gegründet, und wir durften einmal in der Woche die Räume des Sozialtherapeutischen Instituts in der Wiener Puchsbaumgasse (einer ehemaligen Mutterberatungsstelle) in Anspruch nehmen (ein Foto von uns befindet sich auf www.perner.info bei meiner Biographie). Hausherr dort war Harald Picker — und der bildete dort auch psychoanalytisch fundierte Sozialtherapeut:innen aus. Da die Ankündigungen der Seminare an den Wänden hingen, meldete ich mich zu dem einen oder anderen an und erwarb einen anderen, tiefenpsychologischen Blick auf Menschen in Krisensituationen als den gefühlsvermeidenden juristischen. Und dann sagte Harald Picker einmal zu mir, ihm falle auf, dass andere Leute andauernd ihre eigenen Charaktereigenschaften auf mich projizierten: Die Faulen sagten, „Die arbeitet ja eh nix!“ und die Fleißigen „Pah, was die alles schafft!“, die Geduldigen sagten, „Die hat ja eine Engelsgeduld! Ich hätte schon längst alles hingeschmissen!“, und die Aggressiven sagten „So eine wehrhafte Frau! Die lässt sich nichts gefallen!“, und die Intriganten sagten „Wer weiß, was die schon wieder im Schilde führt!“, während die Friedfertigen sagten, „Die lässt sich nicht zu Untergriffen provozieren …“ und so weiter … und dann sagte Harald: „Mach doch einen Beruf daraus – werde Psychoanalytikerin!“

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In dem Monumentaldrama „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus (1874–1936), das sich weitgehend auf tatsächliche Zitate stützt, gibt es einige Passagen, in denen die Volkes-Stimme („Menge“) mit Hetz- und Vernichtungsparolen laut wird, aber gleich darauf in ein „Loßts es gehn! Mir san net aso …“ kippt (z. B. im 1. Akt, 1. Szene).

Daran muss ich denken, wenn jetzt – nach den auffällig kurz nacheinander auftretenden angeblichen Gebrechen an der Ostsee Pipeline Nord Stream 1 – die um die Unveränderlichkeit ihres Lebensstandards Besorgten von der Billigung der Sanktionen gegen Russland Abstand nehmen. (Hatte ursprünglich „abrücken“ geschrieben, dies aber wegen des darin kaum erkennbaren Militärausdrucks verworfen. Dazu ein Hinweis: Ich lese derzeit das unbedingt empfehlenswerte Buch „Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“ von Matthias Heine, Dudenverlag, Berlin 2019.)

Dabei war eigentlich von Anfang an damit zu rechnen, dass Russland nach Wirtschaftssanktionen mit gleicher „Waffe“ zurückschlagen wird – aber offenbar wurde nicht so weit vorausgedacht. Und genau das kann – und sollte – man lernen. Deswegen plädiere ich für die Propagierung strategischer Spiele in Schulen.

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Wenn man einen Klienten betreut, der permanent enttäuscht wird, weil er zu optimistische Erwartungen an Berufs- wie private Beziehungen pflegt, bei den privaten dazu noch unrealistische, denn eine Partnerperson wird kaum in allen Interessen gleichgestimmt sein – das wäre ja dann auch ohne neue Impulse und langweilig – dann fällt es meist leicht, sanft und geduldig in kleinen Schritten die notwenige Realitätssicht nahe zu bringen.

Wenn man selbst enttäuscht wird und an sich den Anspruch von Fairness in der Beurteilung erhebt, wird dies zur Gratwanderung. Mir geht es derzeit so. Da las ich doch im Standard vom 19. August auf Seite 23 – „Kommentar der Anderen“ – den spannenden Artikel der Journalistin Alexia Weiss „Weg mit dieser Schule!“ und fühlte mich (als seinerzeitige Universitätsprofessorin für Prävention und Gesundheitskommunikation an der Donau Universität unter anderem Begründerin und Leiterin des Masterstudiums der PROvokativpädagogik) gleichgesinnt angesprochen und verschlang daher ihr in diesem Artikel beworbenes Buch „Zerschlagt das Schulsystem … und baut es neu!“ (Kremayr & Scheriau 2022) voll Vorfreude – und auch vager Hoffnung, dass sie die eine oder andere Anregung aus meinen Anti-Schul-Gewalt- und PROvokativpädagogik-Büchern übernommen hätte.

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Bei dem Wort Abwehr denken viele meist an körperliche Verteidigungsmaßnahmen, die Hand (oder im Kampfsport: Faust) vor dem Gesicht, oder wie im „Phantom der Oper“ neben dem Hals (um der Drahtschlinge des verrückten Komponisten zu entgehen).

In der Psychoanalyse bedeuten „Abwehrformen“ die unbewussten Spontanhandlungen, mit denen Inhalte, die das Bewusstsein nicht ertragen würde, „umgestaltet“ werden. Sigmund Freuds Tochter Anna (1895–1982) hat ein ganzes Buch dazu geschrieben („Das Ich und die Abwehrmechanismen“), und manche dieser Reaktionen haben Eingang in die Alltagssprache gefunden. Projektion etwa: Man unterstellt in voller Überzeugung der Richtigkeit dieser Sichtweise das eigene Verhalten dem Anderen – so wie es in der Bibel (Bergpredigt (Mt 7,3–5 EU) heißt: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Das kennen wir wohl alle aus unseren Alltagskonflikten, vor allem aber aus den politischen Schmutzkübelkampagnen: Wer anfängt, hat die Themenführerschaft – auch wenn viele von Parallelgeschehnissen der in den jeweils anderen Parteien wissen.

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