Einträge von Rotraud A. Perner

Still-Neid?

Da las ich doch unlängst in der Zeitung Österreich (11.08., S. 11), in Texas habe sich ein Mann in einem Restaurant aufgeregt, weil eine Mutter „öffentlich“ ihr Baby gestillt hatte. Sie solle sich gefälligst bedecken, habe er verlangt – und darauf hatte diese ihr Haupt verhüllt – wie das Belegfoto zeigte, das ihr Partner ins Internet gestellt hatte.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass es in den späten 1970er Jahren meist eine Generation ältere Frauen waren, die sich gegen Stillen in der Öffentlichkeit lautstark empört hatten – die Mütter sollten sich doch diskret auf die Toilette zurückziehen. Wie wenn das der passende Ort wäre, einem Baby Mutterliebe zu vermitteln! Damals wurde die La Leche Liga in Österreich gegründet (www.lalecheliga.at), die sich aktiv fürs Stillen engagierte: Babynahrung immer und überall verfügbar, immer in der richtigen Temperatur und – kostenlos, daher kritisch beäugt von all den Pharmariesen, die Muttermilchersatzprodukte in ihrem Programm hatten […]

Flirten auf der Straße?

In Frankreich ist es neu, in Belgien und Portugal nicht mehr: Strafbarkeit der öffentlichen sexuellen Belästigung von Frauen. Das Wort „anmachen“ in seinem Mehrfachsinn beschreibt das Phänomen exakt: Durch unerwünschtes distanzloses Verhalten wird jemand nämlich nicht nur verdinglicht – als einer „verfügbare“ Sache definiert – sondern auch entwürdigt, gestresst und energetisch beschmutzt. Mit Flirten – Oe24-TV titelt am 06.08. „Wird Flirten auf der Straße jetzt verboten?“ – hat das nichts zu tun!

Flirten ist ein gegenseitiges freiwilliges Spiel auf gleicher Wellenlänge und meist auf „kindlichem“ Niveau […]

Dezentralisierung

Als kleine Kinder schauen wir aus der Froschperspektive erwartungsvoll auf die Großen, und je nachdem erleben wir Zuwendung oder Ablehnung, Fürsorge oder Vernachlässigung, Wertschätzung oder Verachtung, Förderung oder Überforderung. (Wenn ich hier formuliere „erleben wir“, will ich damit auf die subjektive Entschlüsselung verweisen – objektiv kann alles ganz anders sein, als wir „wähnen“.)

Diese Sichtweisen und Erwartungshaltungen bewahren manche Menschen bis weit ins Erwachsenenleben – nicht nur gegenüber ihren Lebenspartner_innen sondern auch gegenüber Vater Staat oder Mutter Partei, welche auch immer das sein mag, also nicht nur politische. Je weiter weg diese Elternersatzobjekte stehen, desto eher wachsen diese Phantasien. Das beginnt bei abwesenden Vätern und endet in Verschwörungstheorien wie etwa über die Illuminaten etc. Wenn sich Jugendliche so Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts von Elternfiguren „ablösen“, zeigt sich begleitend meist Enttäuschung, Entillusionierung, Protest und Flucht – und sei es nur in die virtuellen Welten des Internet. (Manche „Braven“, die das in der Adoleszenz verabsäumt haben, holen die nötige Ablösung, um ihre ureigene Individualität zu suchen, im „Wechsel“ nach und opponieren dann gegen ihre Partnerpersonen, beruflich Vorgesetzten oder „die Gesellschaft“ überhaupt.)

Finanzielle Gewalt

Eine Form der Gewalt, die vielfach dem Verschweigen anheimfällt, ist die finanzielle. So erinnere ich mich an einen Klienten aus den ersten Jahren meiner Beratungstätigkeit, einen hohen Staatsbeamten kurz vor seinem Pensionsantritt, den seine gleichaltrige Frau verlassen hatte. Er konnte nicht verstehen, weshalb. „Ich habe doch alles für sie getan!“ klagte er mir, „Ich bin einkaufen gegangen, ich habe gekocht, sogar ihre Nylonstrümpfe habe ich für sie gewaschen …“ „Und was hat sie tun dürfen?“ fragte ich ihn. Er sah mich verständnislos an. Er sah die Einschränkung nicht – für ihn war es sein besonderer Liebesbeweis, dass er ihr alles abgenommen hatte, womit seine Mutter ihre permanente Überlastung demonstriert hatte. Insgeheim wollte er aber auch sicher gehen, dass sie keine Eskapaden (dieser Begriff umfasst auch Ausbruchsversuche) wagen wollte. Damit hatte seine Mutter immer gedroht.

Jede Budgeterstellung, egal ob privat, unternehmerisch oder staatlich, zeigt Werthaltungen.

Eine Form von Gewalt besteht darin, das, was jemand anderem ein hoher Wert ist, demonstrativ nicht wertzuschätzen.

MARAC-Konferenzen

Durch eine Pressekonferenz der Interventionsstellen gegen Gewalt in der Familie wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass in Zukunft keine MARAC-Konferenzen mit Polizei-Beteiligung stattfinden würden. (MARAC bedeutet Multi-Agency Risk Assessment Conference, zu deutsch Multi-institutionelle Risiko-Fall-Konferenzen.)

Ich selbst habe in der Zeit meiner Professur für Kommunalprävention an der Donauuniversität Krems in dem 2007 von mir konzipierten Masterstudium „Präventionsmanagement“ basierend auf in Deutschland entwickelten Stadtteils-fokussierten Kooperationskonferenzen zu allen Fragen der Gewaltprävention versucht, das dazu nötige Rüstzeug für alle in Frage kommenden Berufsgruppen verfügbar zu machen […]

Strafwut

Am 2. August zeigte der ORF „Am Schauplatz“ eine Dokumentation zum Thema „Wenn Männer Frauen schlagen“; sie enthielt einige der wesentlichen Aspekte dieser leidigen Gewaltform – und bewies unter anderem auch das Phänomen, dass Personen, die psychologische oder psychotherapeutische Betreuung in Anspruch nehmen, dann die Psychosprache ihrer Berater_innen übernehmen. (Das Gleiche kann man auch bei sexuell ausgebeuteten Kindern beobachten: Sie verlieren ihre spontane Ausdrucksweise, wenn sie durch Befragungen fachkundiger Personen neue Sprachformen kennen lernen – Betonung auf „lernen“.)

Es gibt mehrere Theorien über die Entstehung von Aggression und Gewalt (nachzulesen in meinem Buch „Gewaltprävention im Alltag“) […]

Soziale Teilhabe

Als ich 1971 als Funktionärin der Jungen Generation in der SPÖ gemeinsam mit etlichen Mitgliedern des Wiener Vorstands erstmals auf Schulung zu den Jusos nach Deutschland fahren durfte, war das Ziel ein Gewerkschaftsheim in Malente in Schleswig-Holstein.

Einmal während dieser Bildungswoche waren wir bei dem späteren Wissenschaftsminister und auch Ministerpräsidenten Björn Engholm eingeladen – privat! Das war ganz ungewohnt für uns Ösis, und überhaupt für mich als permanent „unbegleitete“ Frau. Meine privaten Einladungen in eine Familie kann ich an einer Hand abzählen … Mein verstorbener Ehemann hingegen wurde oft privat eingeladen – er allein, von Leuten, die sich bei ihm, damals ein Herr Wichtig im Wiener Rathaus, beliebt machen wollten […]

Überleben mit 150,– €

Als ich noch Bezirksrätin (und Landtagskandidatin) in Wien Favoriten war, betreute ich ein Vorarlbergerin, die von jedem der drei Väter ihrer drei Kinder, davon zwei geistig behindert, verlassen worden war. Alimente bekam sie keine. Von Beruf war sie Schneiderin. Ihre Jugendamtsbetreuerin riet ihr, ihre gewerbliche Nähmaschine zu versetzen, um über die nächste Runde zu kommen – gleichsam das Huhn zu schlachten, das vielleicht goldene Eier legen könnte … Da ihr mittlerer Sohn im Alter meines Zweitgeborenen war und von ihr aus geschenkten Anzügen selbst genähtes schönes Gewand hatte, kaufte ich ihr dieses ab und brachte ihr wieder neues „Material“.

Wenn man will, fällt einem immer etwas ein, wie man jemand legal helfen kann […]

Betrifft: Sex mit den eigenen Schülern

Schon wieder hat sich eine amerikanische Lehrerein mit einem minderjährigen Schüler eingelassen, lese ich im heutigen „Oe24 am Morgen“. Bei uns sind es eher die Lehrer, die sich an Schülerinnen heranmachen. Eher. Als ich noch in der von mir mitbegründeten Sexualberatungsstelle arbeitete, erlebte ich einmal eine ratsuchende Lehrerin, die sich in einen 11jährigen Schüler verliebt hatte und unbedingt eine dauerhafte Liebesbeziehung zu ihm aufbauen wollte. Sie war in ihrer Ehe einsam und – noch – nicht Herrin ihrer Phantasien. Aber das kann man lernen.

Sexuelle Beziehungen mit institutionell Abhängigen – Schüler und Schülerinnen, Patienten und Patientinnen in Krankenanstalten, Hafteinsitzenden etc. – sind verboten. Sie sind es deswegen, weil die Gefahr besteht, dass die „Mächtigen“ die weniger Mächtigen unter Druck setzen und sexuelle Dienstleistungen erpressen könnten. Oft kippt aber auch die „verhängnisvolle Affäre“ und die erwachsene Person wird erpresst – und/oder auch bloßgestellt, geht ja so leicht und unbedacht, in Zeiten von Facebook und Co.

Das ist ein Blickwinkel und ein Ziel.

Es gibt aber noch zwei wesentliche andere […]

Impulskontrolle 3

In der von mir sogenannten „3. sexuellen Revolution“ in den 1960er und 70er Jahren (siehe mein Buch „Sexuelle Reformation“, LIT Verlag, Berlin) wurden viele Verbote und Gebote verworfen, ohne alle innewohnenden Ziele auf Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Meist war das geheim Ziel, unterwürfige „brave“ Soldaten und unterwürfige „brave“ Hausfrauen und Mütter heranzuziehen. (Ziehen!) […]