Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Es war einmal … ein Bundeskanzler, der hielt Stellung trotz Dialyse. Eine Gesundheitsministerin, die führte ihre Geschäfte trotz Chemotherapie. Ein Außenminister, der führte Österreich in die EU trotz schwerster Parkinson-Symptome. Ein Nationalbankpräsident, der lenkte Österreichs Währungspolitik trotz Schlaganfall, Aphasie und Rollstuhl. Menschen mit Verantwortungsgefühl eben.

Es gibt aber auch Menschen, die steigen aus, wenn es für sie nicht mehr stimmt … und wagen sich in eine unsichere Zukunft hinein. Aber sie bestellen vorher ihr Haus. Franz Werfels Novelle vom „Tod des Kleinbürgers“ fällt mir ein, der sein schwindendes Leben hinauszögern will, damit seine Frau in den Genuss seiner Versicherungsprämie kommen kann…

Und dann gibt es Menschen, die schmeißen alles hin, wenn es sie nicht mehr freut. Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Wie kommt es, dass manche Leute wildfremden Anrufern Geld oder kompromittierende Sexfotos von sich selbst anvertrauen, wurde ich unlängst gefragt. Weil sie es schaffen, ihre Ausbeutungs-Opfer in bestimmte Gefühlszustände zu versetzen, lautete meine Antwort, und: Weil viele Leute „Höflichkeit“ höher wertschätzen als Mißtrauen, Zögerlichkeit oder Widerstand.

Es sind vor allem Personen mit altertümlich klingenden Vornamen, die sich diese Telefongaukler heraussuchen, um ihnen Angst zu machen, ihrem Kind oder Kindeskind drohe eine Anzeige und nur sie als vermeintliche Polizisten könnten dies abwenden. Andere geben sich als Inkassobeauftragte aus und behaupten forsch bei Jüngeren, sie hätten eine offene Rechnung einzutreiben. Oder man hätte ihr Auto beschädigt … oder den Gartenzaun … Es geht immer darum, psychischen Druck auszuüben und das gelingt, wenn man der anderen Person so ungute Gefühle macht, dass sie alles tut, um aus dieser Bedrängnis (strafrechtlich je nach Wortwahl: Nötigung oder Erpressung) herauszukommen.

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Halt! Gewalt!

Efgani Dönmez kanns nicht lassen. Mein Vergleich mit den lykischen Fröschen, die unentwegt weiterquaken (mein Brief gegen Gewalt Nr. 69, „Froschmänner“ s. www.haltgewalt.at, wo alle meine Briefe zu finden sind) vom 03.09.2018) hat sich bewahrheitet … dennoch wirft seine „Aggressivbeschwerde“ gegen „Binnen-I-Feministinnen, welche nicht Informationsarbeit, sondern Erziehungsarbeit, statt Aufklärungsarbeit einseitig verkürzte Meinungen verbreiten“ (www.oe24.at/oesterreich/politik/Wirbel-um-Anti-Sexismus-Trainings/348099137?sc_src=email_1457217&sc_uid=sZOUbgJkX1&sc_llid=3270&sc_eh=a5d69149b3c4f2131)  Licht auf einen Umstand, der es meiner Ansicht nach wert ist, genau diskutiert zu werden: Wie „erzieht“ man „unerzogene Menschen“?

Christine Bauer-Jelinek, gelernte Volksschullehrerin und selbsternannter Wirtschaftscoach (als Psychotherapeutin verfügt sie offensichtlich über keine Zusatzbezeichnung, ist daher keiner „Schule“ zuzuordnen, was ich sehr schade finde, weil damit fachlicher Diskurs über Grundlagen, Sichtweisen und Ziele ausgeschlossen wird) neigt ausbildungsgemäß zu einem pädagogisierenden Stil (wobei ihre „Stundenzusammenfassungen“ am Ende ihrer Buchkapitel ja durchaus hilfreich sind!). Dass das manchen Lernunwilligen nicht recht ist, kann wohl gut nachvollzogen werden. Nur: Jede Lernverweigerung weist darauf hin, dass die „Didaktik“ der Unterrichtswilligen verbesserungsbedürftig ist.

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Halt! Gewalt!

Man solle doch nicht alles gleich hochspielen, lassen sich manche professionelle Kommentatorinnen vernehmen (vgl. profil 37/ 08.09.2018, Seite 11), wenn es um den Vorwurf sexistischer Diskriminierungen geht, manche redeten halt gelegentlich „dummes Zeug“. (Interessanterweise kommen solche Abwiegelungsversuche bei rassistischen Entgleisungen nicht vor!)

Ursprünglich nur auf Frauen bezogen, kann Sexismus heute geschlechtsneutral unterschieden werden in einen direkten, in dem Betroffene ohne sachlichen Grund konkret abgewertet bzw. ausgeschlossen werden, und einen indirekten, bei dem die dementsprechende geistige Einstellung maskiert wird – beispielsweise als Kontaktversuch, naive Frage oder Scherz. Allerdings hat schon Sigmund Freud in seiner Abhandlung über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten zwischen tendenziösen, also eigentlich aggressiv auf Verletzung zielenden, und nicht tendenziösen (einfach nur albern-lustigen) unterschieden. Diese Unterscheidung ist auch bei der Bewertung von Sexismus-Vorwürfen hilfreich. (Das steht auch in meinem Buch „Heilkraft Humor“.)

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Halt! Gewalt!

Und wieder hat ein Referent des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) einen Afghanen, der als Fluchtgrund seine Verfolgung als Homosexueller angegeben hatte, nicht geglaubt, und diesmal deshalb, weil er auf dessen Smartphone keine Homosexuellen-Pornos gefunden hatte (Der Standard, 8./9. 9. 2018, Seite15).

Ich frage: Muss man (oder frau) zum Beweis der geschlechtlichen Orientierung Pornos schauen? Und sich vielleicht an ein Biofeedback-Gerät anschließen lassen, damit der Herr Referent (denn ich vermute, dass es ein Mann war, der sicher ist, dass seine eigenen sexuellen Gewohnheiten „normal“ im Sinne von Alltagsgewohnheit sind, d. h. von allen anderen Männern geteilt werden) an den Reaktionszeichen überprüfen kann, bei welchen Bildern die Erregungskurve des jeweiligen Probanden steigt? (Hoffentlich habe ich jetzt die Mitarbeiterschaft des BFA nicht auf diese menschenrechtsverletzende Idee gebracht – die hatten nämlich schon einige Wissenschaftler.)

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Halt! Gewalt!

In Ovids Metamorphosen gibt es die Geschichte von den lykischen Bauern, die von der Göttin Altona in Frösche verwandelt wurden, weil sie ihr das Trinken aus einem See verweigerten – aber sie lernen nichts daraus sondern quaken weiter böse Worte: lateinisch klingt dies lautmalerisch „Quamvis sunt sub aqua, sub aqua maledicere temptant“, d. h. Wort für Wort übersetzt: „Wenn sie auch sind unterm Wasser, unter Wasser übelzureden versuchen sie weiter“. (Das „sub aqua, sub aqua“ ahmt das Froschgequake nach.) Daran musste ich denken, als ich die üble Nachrede – das Übelgequake – des 42jährigen Nationalratsabgeordneten Efgani Dönmez las (https://orf.at/stories/2453419/2453420), indem er auf die Frage, wie die 40jährige, verheiratete Diplompolitologin Sawsan Chebli in Deutschland SP-Staatsekretärin geworden wäre, ätzte, man(n) möge sich doch ihre Knie ansehen (Klartext: Möglicherweise weil sie einflussreiche Männer kniend sexuell bedient habe).

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Halt! Gewalt!

Zur Kunst der strategischen Infamie zählen Pejorationen, also Bedeutungsverschlechterungen oder auch Verkürzungen oder winzige Veränderungen eines Wortes oder Namens, aus dem sich eine Abwertung ergibt. Beispiele dafür sind „Gutmensch“ statt „(bewusst) guter Mensch“ oder „Emanze“ statt „(geistig von Mannesdominanz) emanzipierte Frau“ (denn rechtlich sind das alle Österreicherinnen seit der Familienrechtsreform 1975). Wenn solch eine sprachliche „Variation“ aber unbewusst „passiert“, spricht man aus psychoanalytischer Sicht von einer „Fehlleistung“, in der sich das wahre denken Durchbruch verschafft. So soll sich Erwin Ringel bei der Frage, welches Zimmer dem Gastprofessor David A. Jonas zugewiesen werden sollte, mit „Wo werden wir ihn denn umbringen?“ statt „unterbringen“ versprochen haben – und tatsächlich verschied Jonas dann in Wien (persönliche Mitteilung von Gernot Sonneck).

Multitasking bedeutet die Ausführung von zwei oder mehreren Aufgaben zur gleichen Zeit. Man könnte scherzhaft von „Muttitasking“ sprechen – denn für Mütter von Kleinkindern ist das alltägliche Herausforderung: Gemüse putzen, Fleisch braten, Salat zubereiten, nebenbei gleich abwaschen und immerzu Kind/er und womöglich noch Haustiere wie auch Insekten und andere Eindringlinge im Auge behalten … und wenn Eltern oder Göttergatte (und die sind natürlich keine Eindringlinge – oder doch natürliche Eindringlinge? – Achtung! Scherz!) anwesend sind, die auch noch charmant mitbetreuen …

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Halt! Gewalt!

Von Christian Morgensterns (1871–1914) Gedichten ist vor allem ein „Palmström-Vers“ bekannt, in dem der Titelgeber von einem Wagen überfahren wird, sich juristisch schlau zu machen versucht und entdeckt, dass dort ein Fahrverbot bestand, er daher den Unfall geträumt haben müsste. Daher schließt das Gedicht mit dem berühmten Satz: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

An diesen Satz musste ich denken, als ich im Kurier (24.08.2018, Seite 2) las „Anhaltende Kritik: Ein Mann, sieben Funktionen“.  Untertitel: „Harald Mahrer: Rote sprechen von ,Postenschacher‘, Macht des Notenbank-Präsidenten ist relativ“. Dass die SPÖ sich aus welchen Gründen auch immer (Rat der Spin-Doktoren?) entschlossen hat, ihre Oppositions-Rolle leider nur als ewige Nörglerin anzulegen, hat sich im vergangenen Halbjahr der türkis-blauen Regierung deutlich gezeigt: Das will ich als deren Strategie respektieren. Was ich aber nicht unwidersprochen lassen will, ist das Phänomen, worauf sich der Postenschacher-Vorwurf bezieht. Den kenne ich nämlich aus der Zeit, als ich noch Mandatarin der SPÖ war, nur zu gut: Wenn jemand „gefördert“ werden sollte, wurden ihm (nie ihr) viele Funktionen „zugetraut“ (d. h. entsprechend paktiert), damit er möglichst viele Anhänger (d. h. künftige Wählerschaft) gewinnen konnte – wollte man jemand verhindern, egal wie kompetent er war, rief man Postenschacher oder Funktionsvielfraß und unterstellte ihm Karrieregeilheit oder Ärgeres.

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Halt! Gewalt!

Vor allem aus dem Bereich von Lehrenden wie vor allem auch Lehrlingsausbilder höre ich immer wieder Klagen, dass die „Jugend von heute“ nicht mehr grüße, nicht mehr pünktlich sei und überhaupt Respekt vor Älteren vermissen lasse. Auf meine Frage, was die Beschwerdeführer dagegen zu unternehmen planten, kommt meist ein unsicherer Blick in die Leere, manchmal noch die zage Frage „Mit dem Jugendvertrauensmann reden?“. Ich schlage dann immer vor, das „Problem“ direkt anzusprechen, als (Fachausdruck) „Selbstoffenbarung“: „Mir ist wichtig, dass wie einander grüßen – und wenn es nur ein Kopfnicken, Lächeln, „Hi“ ist … aber am liebsten wäre mir, wenn Du/Sie mir einen Guten Tag wünscht und umgekehrt.“

Von dem amerikanischen Lyriker und Schriftsteller Robert Bly (*1926), der vor allem durch sein Buch „Eisenhans“ als einer der Väter der „mythopoetischen“ Männerbewegung bekannt wurde (die mit Hilfe von Märchen, Sagen und Mythen Initiationswege zum Mannsein aufzeigen will), stammt auch ein Buch mit dem Titel „Die kindliche Gesellschaft“. Darin schreibt er, die erziehende Stellung der Mutter habe sich ab dem Zeitpunkt verändert, als sich die Unterhaltungsindustrie zwischen sie und die Kinder gedrängt habe, und er bringt ein Beispiel: „Die Musikindustrie erkannte bald, dass sich Riesenprofite machen ließen, wenn jede Generation dazu gebracht werden könnte, ihre eigene Musik zu haben. [ – ] Die Eltern hatten dabei keine Chance. Die Stars der Unterhaltungsbranche waren tausendmal interessanter als die eigenen Eltern. Die Jugendlichen ,verstehen‘ die neue Musik, und bald hören sie nur noch diese. Sechs-, Siebenjährige hören jetzt Rap, dessen Texte offen Hass auf Frauen artikulieren. Tatsächlich beziehen unsere Kinder die meisten Werte aus Musik, Video und Kinofilmen …“ Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Wenn jemand gesellschaftliche Spielregeln bricht (wie US-Präsident Donald Trump bei der Queen https://www.krone.at/1739579), stellt sich die Frage: Macht er das absichtlich um zu zeigen, dass er nichts von Erbmonarchien bzw. gekrönten Häuptern hält – oder ist er nur ungebildet oder unbelehrbar – oder will er das überspielen wie in einem Slapstick? Oder wie in einem Wildwest-Film, in dem der linkische bis ungehobelte Held erst von einer liebenden Frau „gezähmt“ werden muss?

Bei Jugendlichen sind es oft Mutproben wie etwa: Wer traut sich mehr, die Lehrerschaft zu provozieren? In Filmen finden das viele Zuseher lustig (weil späte Rache an eigenen Schultyrannen) – aber wenn dann der eigenen Nachwuchs aktuell vor dem Schulverweis steht, meist nicht mehr … (In der von mir konzipierten PROvokativmethode gilt es, mögliche „Kampfangebote“ in „Spielangebote“ umzudeuten nach dem „homöopathischen“ Motto „Verhaltensauffällige Schüler brauchen verhaltensauffällige Lehrer“).

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