Seit heute ist der App online, mit dem die Schülerschaft die Kompetenz ihrer Lehrerschaft bewerten kann – und die Widerstands-Wellen gehen hoch (Salzburger Nachrichten, 15.11.2019: „Die neue App … hat bereits im Vorfeld die Wellen hochgehenlassen.“), und die Lehrergewerkschaft drohe sogar, dagegen vor Gericht zu ziehen.

Nun ist die Lehrergewerkschaft bekanntlich eine sehr effiziente, die sich meist sehr erfolgreich gegen Arbeitsplatzgefährdungen ihrer Wählerschaft einsetzt – das ist ja auch die Aufgabe von Arbeitnehmervertretungen, und auch mehr oder weniger kompetente Berufstätige haben ein Recht, ihren eigenen Lebensunterhalt (und den der von ihnen Abhängigen) zu erarbeiten. (Ich verzichte bewusst auf die Formulierung „verdienen“, denn dies beinhaltet auch einen Doppelsinn, der die Angriffsfläche bietet, etwas als „unverdient“ abzuwerten.) Allerdings gehört Kompetenz auch vermittelt, überprüft und gefördert – beispielsweise durch individuell designte Fortbildungen, und die fehlen weitgehend, denn dazu braucht man interdisziplinäres Wissen und Können, und darüber verfügt kaum jemand. Feedback durch Schüler*innen – aber auch Eltern, denn auch die sind wichtige Feedbackgeber für Wertschätzung und soziale Gesprächskompetenz! – bildet daher einen konkreten Ansatz für Mitarbeitergespräche (für die auch Lernbedarf besteht!) wie auch individuelle und kollektive Bildungsangebote.

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Menschen, die unangenehme Erfahrungen „überlebt“, aber nicht kritisch reflektiert und „ausgedrückt“ haben, neigen dazu, diese unbewusst an andere weiterzugeben. Die häufigste solcher „unangenehmen Erfahrungen“ ist das Erleben, zu etwas gezwungen zu werden: Das beginnt schon bei den Kleinsten mit dem Zwang zu essen – dabei ist Ekel oft der erste Hinweis für eine Nahrungsunverträglichkeit, gefolgt vom Zwang zum Still-Sein oder Still-Halten, Dulden unerwünschter Berührungen, Zwang zu bestimmten Tätigkeiten aber auch zum Ertragen unerträglicher Belastungen (wie lange andauernder Lärmbeschallung – Streit der Bezugspersonen mitinbegriffen – Kälte, Dunkelheit, Angstmache, Drohungen, körperliche „Züchtigungen“, Einsperren etc. – alles, was es so an Miss-Handlungen gibt).

Der US-amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater Bruce D. Perry beschreibt in „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“, wie traumatisierte Kinder oft ihre ganze Aufmerksamkeit der Vorsicht zum Schutz vor neuerlichen Übergriffen widmen müssen und daher nicht fähig sind, sich dem Unterricht zuzuwenden. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich in meiner psychotherapeutischen Arbeit mitfühle, was manchen erwachsenen Menschen in ihrer Kindheit angetan wurde. Manches davon entspricht etwa dem, was im Film „Shining“ die Grenze psychischer Toleranz überschreitet (dann nämlich, wenn der mordversessene Vater, gespielt von Jack Nicholson, aus dem Blickwinkel des Kindes gezeigt/gefilmt und so die Zuseherschaft zur Identifikation mit dem lebensbedrohten Buben genötigt wird).

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Von der „Publikumsbeschimpfung“ zur „Medienbeschimpfung“ habe ich mir gedacht, als ich Peter Handkes verbale Müllabfuhr anlässlich seiner geplanten Ehrung in seinem Geburtsort Griffen (Kärnten) im Fernsehen miterlebte. Leider finde ich heute keine Dokumentation im Internet, aber ich erinnere mich, dass er mindestens zweimal das Wort „Scheiße“ in Richtung der angereisten Journalisten in den Mund nahm. Dafür fand ich heute ein Interview zum Thema „europäische Werte“ aus ORF III (https://www.youtube.com/watch?v=hyfmL74lKHg), in dem ihm das Wort „Arschlöcher“ von den Lippen perlt. (Nicht auszudenken, wie die Reaktion wäre, wenn eine Schriftstellerin wagen würde, sich derart daneben zu benehmen!)

Es stellen sich für mich folgende Fragen bzw. Interpretationen: Ist es nur eine Form von narzisstischer Kränkung, wenn ihn Journalisten danach fragen, was er (geboren 1941) – Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2019 – zu der wohl nachvollziehbaren Kritik von Saša Stanišić – geboren 1978 in Višegrad, Träger des Deutschen Buchpreis 2019 – an Handkes „eigenwilliger“ Position zu dem Massaker von Srebenica sage, statt ihn ausschließlich zu seinem Werk zu befragen? Will er dafür keine Verantwortung übernehmen – gar nicht daran erinnert werden?

Oder sind Fragen zu seiner Person tabu? Hält er sich für sakrosankt? Will er abblocken, dass ein Kollege der Söhne-Generation möglicherweise ein Tribunal zwecks Vatermord heraufbeschwört? Oder hat ihn die Preisvergabe in eine Krise gestürzt, wie es ja oft vorkommt, wenn jemand ein langersehntes Ziel erreicht, und er war „außer sich“? Aber warum hat er sich dann nicht nach einer Ruhepause entschuldigt? War ihm alles zu viel und es ist Verzweiflung über zuviel Aufmerksamkeit bzw. Verlust von Privatheit, die aus ihm herausgebrochen ist? Oder steckt in dem optisch zarten Mann bloß ein brutaler Rüpel, der zwar stark im Geben aber schwach Im Nehmen ist?

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