Halt! Gewalt!

Das Projekt „Halt! Gewalt!“ wurde 2004 auf Initiative von Landeshauptmann Dipl. Ing. Dr. Erwin Pröll zur Motivation für ein gewaltverzichtendes Leben und Verbreitung dazu dienlicher theoretischer wie praktischer Informationen gestartet.

Die Konzeption und Durchführung liegt in Händen der Gewaltforscherin Prof. Dr. iur. Rotraud A. Perner, die als Juristin, Sozialtherapeutin und Diplommediatorin, mehrfach ausgebildete staatlich lizensierte Psychotherapeutin (Zusatzbezeichnung Psychoanalyse), Gesundheitspsychologin und akademisch zertifizierte Erwachsenenpädagogin sowie evangelische Theologin (und Pfarrerin im Ehrenamt) gewohnt ist, mehrperspektivisch auf soziale Phänomene zu blicken.

Sie sagt:
„Die Wurzel der Gewalt liegt im Vergleich: Wenn man sich mit anderen „misst“ und vermeint, schlechter abzuschneiden, kann man mit Aktivierung oder passiver Resignation reagieren.
Aktiv werden viele aber nur, indem sie diejenigen abwerten, niedermachen, wegdrängen oder gar vernichten (zu Nichts machen), die bei ihnen Angst und/oder  Zorn auslösen.
Man kann aber auch aktiv werden, indem man an sich arbeitet, nicht um besser zu werden als wer anderer, sondern um das eigene Potenzial zu entwickeln und immer wieder zu optimieren.“

Die „Briefe gegen Gewalt“ sind außerdem ein Forschungsprojekt: Es wird anonym festgehalten, nach welchen „Briefen“ Bestellungen bzw. Abbestellungen erfolgen. Im letzteren Fall bittet Dr. Perner persönlich um Bekanntgabe der Gründe, die dann – wieder anonym – geclustert werden.

Ebenso wird festgehalten, wann auf diese Bitte nicht geantwortet wird – denn Kommunikationsverweigerung ist auch eine Form von Gewalt, d. h. tiefenpsychologisch entschlüsselt: Welcher Brief-Inhalt hat eine subtile Gewaltbereitschaft (z. B. Ärger als minimalste Form von Aggression oder aber Frustration) ausgelöst.

Dies dient einerseits der Erkenntnis, welche Sichtweisen wie ankommen und in welcher Form beantwortet werden, andererseits unterstützt es die Selbstreflexion der Verfasserin.

All denjenigen, die offenherzig antworten, sei hier besonderer Dank ausgesprochen.

Briefe gegen Gewalt

In den „Briefen gegen Gewalt“ werden aktuelle Ereignisse durch üblicherweise unbeachtete tiefenpsychologische Sichtweisen ergänzt um die Leserschaft auch für subtile Gewalt zu sensibilisieren. Vieles scheint dabei gegen den Mainstream angedacht — tatsächliche sind es die unbeleuchteten Schattenseiten (im Sinne C. G. Jungs).
„Denn man sieht nur die im Lichte, die im Schatten sieht man nicht.“ (Bert Brecht, Dreigroschenoper)

Um unbedachte „Schnellschuss-Reaktionen“ zu vermeiden, ist dazu keine Möglichkeit anonymer Postings vorgesehen. Sehr wohl kann man aber mit Dr. Perner über mail  korrespondieren. Derartiger Mail-Verkehr wird geclustert und evaluiert und findet im Forschungsbericht Eingang.

Anfragen zum Thema Gewalt

Ein anderes Tool zur Bewirkung primärer Gewaltprävention sind die Möglichkeiten, „Anfragen zum Thema Gewalt“ zu stellen. Dieses Angebot besteht jenseits von Beratung oder Therapie in vertiefter Information über Ursachen, Dynamiken, Eskalationen von Konflikten aller Art sowie der Möglichkeiten von Selbsthilfe samt Anleitungen dazu. Diese Anfragen unterliegen absoluter Vertraulichkeit und der professionellen Schweigepflicht von PsychotherapeutInnen bzw. PfarrerInnen. Auch hier werden die Themen anonymisiert geclustert und statistisch erfasst.

Selbsthilfegruppen zum Thema Gewalt

Intensivseminare und -workshops zur Gründung von „Selbsthilfegruppen gegen Gewalt“ für besorgte BürgerInnen wie auch ZeugInnen bzw. Mitwissende von Gewalt sollen Personen, die solche Gruppen vor Ort initiieren wollen, das nötige Rüstzeug vermitteln.

Texte zum Thema Gewalt

Bei den „Texten zum Thema Gewalt“ hingegen handelt es sich um vertiefte Ausarbeitungen zu bestimmten Gewaltformen bzw. -aspekten.

Literatur zum Thema Gewalt

Unter „Literatur zum Thema Gewalt“ empfehlen und kommentieren Dr. Perner und ihr Team Bücher und andere Produkte künstlerischen Schaffens, die sie selbst als hilfreich bewerten.

Verschiedenes

Andere Aktivitäten werden unter „Verschiedenes“ angekündigt.

Halt! Gewalt!

Still-Neid?

Da las ich doch unlängst in der Zeitung Österreich (11.08., S. 11), in Texas habe sich ein Mann in einem Restaurant aufgeregt, weil eine Mutter „öffentlich“ ihr Baby gestillt hatte. Sie solle sich gefälligst bedecken, habe er verlangt – und darauf hatte diese ihr Haupt verhüllt – wie das Belegfoto zeigte, das ihr Partner ins Internet gestellt hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es in den späten 1970er Jahren meist eine Generation ältere Frauen waren, die sich gegen Stillen in der Öffentlichkeit lautstark empört hatten – die Mütter sollten sich doch diskret auf die Toilette zurückziehen. Wie wenn das der passende Ort wäre, einem Baby Mutterliebe zu vermitteln! Damals wurde die La Leche Liga in Österreich gegründet (www.lalecheliga.at), die sich aktiv fürs Stillen engagierte: Babynahrung immer und überall verfügbar, immer in der richtigen Temperatur und – kostenlos, daher kritisch beäugt von all den Pharmariesen, die Muttermilchersatzprodukte in ihrem Programm hatten [...]
Halt! Gewalt!

Flirten auf der Straße?

In Frankreich ist es neu, in Belgien und Portugal nicht mehr: Strafbarkeit der öffentlichen sexuellen Belästigung von Frauen. Das Wort „anmachen“ in seinem Mehrfachsinn beschreibt das Phänomen exakt: Durch unerwünschtes distanzloses Verhalten wird jemand nämlich nicht nur verdinglicht – als einer „verfügbare“ Sache definiert – sondern auch entwürdigt, gestresst und energetisch beschmutzt. Mit Flirten – Oe24-TV titelt am 06.08. „Wird Flirten auf der Straße jetzt verboten?“ – hat das nichts zu tun! Flirten ist ein gegenseitiges freiwilliges Spiel auf gleicher Wellenlänge und meist auf „kindlichem“ Niveau [...]
Halt! Gewalt!

Dezentralisierung

Als kleine Kinder schauen wir aus der Froschperspektive erwartungsvoll auf die Großen, und je nachdem erleben wir Zuwendung oder Ablehnung, Fürsorge oder Vernachlässigung, Wertschätzung oder Verachtung, Förderung oder Überforderung. (Wenn ich hier formuliere „erleben wir“, will ich damit auf die subjektive Entschlüsselung verweisen – objektiv kann alles ganz anders sein, als wir „wähnen“.) Diese Sichtweisen und Erwartungshaltungen bewahren manche Menschen bis weit ins Erwachsenenleben – nicht nur gegenüber ihren Lebenspartner_innen sondern auch gegenüber Vater Staat oder Mutter Partei, welche auch immer das sein mag, also nicht nur politische. Je weiter weg diese Elternersatzobjekte stehen, desto eher wachsen diese Phantasien. Das beginnt bei abwesenden Vätern und endet in Verschwörungstheorien wie etwa über die Illuminaten etc. Wenn sich Jugendliche so Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts von Elternfiguren „ablösen“, zeigt sich begleitend meist Enttäuschung, Entillusionierung, Protest und Flucht – und sei es nur in die virtuellen Welten des Internet. (Manche „Braven“, die das in der Adoleszenz verabsäumt haben, holen die nötige Ablösung, um ihre ureigene Individualität zu suchen, im „Wechsel“ nach und opponieren dann gegen ihre Partnerpersonen, beruflich Vorgesetzten oder „die Gesellschaft“ überhaupt.)
Halt! Gewalt!

Finanzielle Gewalt

Eine Form der Gewalt, die vielfach dem Verschweigen anheimfällt, ist die finanzielle. So erinnere ich mich an einen Klienten aus den ersten Jahren meiner Beratungstätigkeit, einen hohen Staatsbeamten kurz vor seinem Pensionsantritt, den seine gleichaltrige Frau verlassen hatte. Er konnte nicht verstehen, weshalb. „Ich habe doch alles für sie getan!“ klagte er mir, „Ich bin einkaufen gegangen, ich habe gekocht, sogar ihre Nylonstrümpfe habe ich für sie gewaschen ...“ „Und was hat sie tun dürfen?“ fragte ich ihn. Er sah mich verständnislos an. Er sah die Einschränkung nicht – für ihn war es sein besonderer Liebesbeweis, dass er ihr alles abgenommen hatte, womit seine Mutter ihre permanente Überlastung demonstriert hatte. Insgeheim wollte er aber auch sicher gehen, dass sie keine Eskapaden (dieser Begriff umfasst auch Ausbruchsversuche) wagen wollte. Damit hatte seine Mutter immer gedroht. Jede Budgeterstellung, egal ob privat, unternehmerisch oder staatlich, zeigt Werthaltungen. Eine Form von Gewalt besteht darin, das, was jemand anderem ein hoher Wert ist, demonstrativ nicht wertzuschätzen.
Halt! Gewalt!

MARAC-Konferenzen

Durch eine Pressekonferenz der Interventionsstellen gegen Gewalt in der Familie wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass in Zukunft keine MARAC-Konferenzen mit Polizei-Beteiligung stattfinden würden. (MARAC bedeutet Multi-Agency Risk Assessment Conference, zu deutsch Multi-institutionelle Risiko-Fall-Konferenzen.) Ich selbst habe in der Zeit meiner Professur für Kommunalprävention an der Donauuniversität Krems in dem 2007 von mir konzipierten Masterstudium „Präventionsmanagement“ basierend auf in Deutschland entwickelten Stadtteils-fokussierten Kooperationskonferenzen zu allen Fragen der Gewaltprävention versucht, das dazu nötige Rüstzeug für alle in Frage kommenden Berufsgruppen verfügbar zu machen [...]
Halt! Gewalt!

Strafwut

Am 2. August zeigte der ORF „Am Schauplatz“ eine Dokumentation zum Thema „Wenn Männer Frauen schlagen“; sie enthielt einige der wesentlichen Aspekte dieser leidigen Gewaltform – und bewies unter anderem auch das Phänomen, dass Personen, die psychologische oder psychotherapeutische Betreuung in Anspruch nehmen, dann die Psychosprache ihrer Berater_innen übernehmen. (Das Gleiche kann man auch bei sexuell ausgebeuteten Kindern beobachten: Sie verlieren ihre spontane Ausdrucksweise, wenn sie durch Befragungen fachkundiger Personen neue Sprachformen kennen lernen – Betonung auf „lernen“.) Es gibt mehrere Theorien über die Entstehung von Aggression und Gewalt (nachzulesen in meinem Buch „Gewaltprävention im Alltag“) [...]
Rotraud A. Perner | Gewaltprävention im Alltag