Manche Leute können sich nicht vorstellen, dass jemand die Wahrheit sagt, wenn diese nicht in ihr Repertoire an Vorurteilen passt. In der Psychoanalyse nennt man es Projektion – eine Abwehrform – wenn eigene Denkweisen anderen unterstellt werden. Der Mechanismus spielt sich so ab: Man hört etwas (oder sieht etwas) und es drängt sich ein geistiges Bild auf (das meist aus Filmen oder gezielten „Erziehungsinhalten“ stammt), und das man für die Entschlüsselung hält. Davon profitieren Heiratsschwindler, männlich wie auch weiblich, die jemand Selbstunsicheren „große Liebe“ vorspielen – und von Dankbarkeits-Gefühlen überflutet setzt deren rationelles Denkvermögen aus.

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Verteidigungsminister Mario Kunasek wird sicher von vielen konservativen Männern Beifall bekommen haben, als er vor kurzem die Verwendung geschlechtergerechter Formulierungen eine deutliche Absage erteilte – und es werden sicher auch einige Frauen, die der Sicherheit halber unbedacht mit Männern kollaborieren, mitgejubelt haben.

Klubobmann Johann Gudenus soll sich Kunasek mit „Bringt nichts, kostet nur Zeit und Geld“ angeschlossen haben (Kurier, 26. Mai 2018, Seite 2).

Das finde ich schade, traurig und korrekturbedürftig.

Das Binnen-I (oder Sternderl, Unterstrich etc.) hat nämlich Sinn und „bringt was“: Es bringt ins Bewusstsein, dass es Frauen auch in Berufen gibt, die traditionell nur in Männerform gedacht waren. Damit hat es Vorbild-Wirkung und Motivationscharakter, eine solche Berufswahl ins Auge zu fassen.

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Die Ex-Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer ist über Facebook aufs Ordinärste angepöbelt worden und hat das öffentlich gemacht.  Der Mann – ein Gastronom – droht nun mit Klage wegen übler Nachrede und Kreditschädigung, denn nicht er habe die Verbalinjurien gepostet, sondern irgendein Gast von seinem öffentlich zugänglichen Rechner.

Dazu: Seit gut 30 Jahren betone ich unentwegt – gegen Gewalt hilft nur Öffentlichkeit.

Wir wissen wohl alle: Wenn man sich nicht wehrt, gilt man als einverstanden. Wenn etwas nicht bekannt wird, kann man auch nicht dazu Stellung nehmen und es bewerten – vor allem nicht der Gesetzgeber / die Gesetzgeberin. Wir, das Volk, von dem bekanntlich das Recht ausgeht (steht schon gleich am Anfang unserer Bundesverfassung!), müssen sagen, was wir wollen und was nicht, daher auch was wir tolerieren wollen und was verpönen (d. h. mit Konsequenzen belegen).

Wie würde der Herr Gastwirt reagieren, wenn solch eine Brutalverhöhnung seiner Tochter (oder Mutter oder Ehefrau) angetan würde? Weiterlesen

Gewalt gibt es nicht nur von außen – Gewalt kann man sich auch selbst zufügen. Ein klassisches Beispiel sind die vielen kleinen Selbstverstümmelungen Jugendlicher: Man soll auf den Schulball gehen und flippt herum – und zur Beruhigung drückt man an der eigenen Haut herum oder schneidet sich selbst die Haare … und sieht dann erbärmlich aus. Man hat die innere Spannung statt nach außen nach innen gelenkt – und sich vielleicht einen Grund verschafft, den Angsttermin zu canceln.

Das Wesentliche im Selbstschutz gegen Autoaggressionen besteht in der Wahrnehmung, was sich augenblicklich innerlich abspielt, und der Selbsterforschung, welche alternativen Möglichkeiten des Spannungsabbaus es denn gäbe. Es gibt immer mehr, als man üblicherweise denkt, daher ist Phantasie angesagt – oder Ehrlichkeit: Es ist keine Schande, im Konfliktfall zu sich zu halten und nicht zu den anderen.

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Der 16jährige, der das 7jährige Nachbarsmädchen erstach, hatte schon früher überlegt, seinen jüngeren Bruder oder eine Mitschülerin zu erwürgen. Der dänische „Tüftler“ Madsen, der für Mord an der schwedischen Journalistin Kim Walde in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte sich offensichtlich auch seit längerem mit solchen Gedanken beschäftigt: Er hatte ein reiches Archiv von Gewaltdarstellungen an Frauen. Ich weiß von vielen meiner Klienten, die wegen Besitz von pornographischen Darstellungen von Kindern mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten waren, dass auch sie lange Zeit von derartigen Zwangsgedanken verfolgt worden waren – allerdings sahen sie darin keinen Anlass, sich präventiv professionelle Hilfe zu holen um davon frei zu werden. Nach anfänglicher Befremdung hatten sie sich daran gewöhnt und letztlich suchtartig danach gestrebt.

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Er habe aus Wut gehandelt, sagte der 16jährige, dem der brutale Mord an dem 7jährigen Nachbarsmädchen zur Last gelegt wird.

Unabhängig von seinen medial verbreiteten angeblichen Phantasien, eine Mitschülerin erwürgen zu wollen „weil sie so klein ist“ oder seinen jüngeren Bruder zu töten, was ich in meinem nächsten „Brief gegen Gewalt“ thematisieren werde, möchte ich meine Erfahrungen aus über 40 Jahren psycho- und sozialtherapeutischer Arbeit kund tun: Wir sprechen dabei von der „oralen“ „ungerichteten“ Wut des Säuglings (in den 18 Lebensmonaten ab Geburt) gegenüber dem „analen“ „zielgerichteten“ Zorn in den nächsten Lebensjahren, wenn die Muskulatur dazu stark genug geworden ist. Gerät jemand später in Rage, so fällt er oder sie seelisch in den sprachlosen Säuglingszustand zurück – daher müsste die Selbst- oder Fremdaufmerksamkeit genau auf diesen Sprach- (und Denk)verlust gerichtet werden.

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Der Zeitablauf vom ersten Impuls – oder Gedanken – an Mord, Verletzung, Quälen oder andere Angriffe auf Leib und (auch seelisches) Leben kann unterschiedlich dauern und wird auch nicht immer „bewusst“ – also in der Sprache des „inneren Dialogs“ – wahrgenommen.

Im Affekt überflutet die Kampf- bzw. Vernichtungsenergie den Menschen (in seiner Körper-Seele-Geist-Einheit) so blitzartig und intensiv, dass sich kaum jemand beherrschen kann – außer er oder sie hat das trainiert. Beispielweise beim Erlernen einer östlichen Kampfsportart. Deswegen fordere ich seit Mitte der 1980er Jahre, dass dies in den Turnunterricht – derzeit „Bewegung und Sport“ genannt, ich finde „Leibeserziehung“ viel besser weil umfassender! – aufgenommen werden sollte.

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Es ist nicht Rache an irgendwem, der einen gemobbt hat – es ist Rache an einem Leben, das einem den Erfolg versagt, der in Film und Fernsehen vorgegaukelt wird (vorausgesetzt man hat die richtigen Freunde, den richtigen Job und kauft die richtigen Produkte). Mobbing, Beschimpfungen, grobe Kritik oder einfach nur Ignoranz – all das kann zum Auslöser werden, wenn das Fass der Demütigungen schon übervoll ist. (Deswegen sollte nachgeforscht werden, ob so etwas in den letzten Tagen vor dem Eklat vorgefallen ist – aber vermutlich wird es abgestritten.)

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In seinem Buch „Etablierte und Außenseiter“ formulierte der deutsch-britische Soziologieprofessor Norbert Elias (1897–1990), „Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen“. Ähnliches zeigt sich auch, wenn man ein Kind andauernd als dumm bezeichnet: Es übernimmt diese „Namensgebung“ und glaubt daran.

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Gibt es das wirklich, dass die Mutter nichts gemerkt hat vom Missbrauch ihrer Kinder, fragt mich die Journalistin im Interview. Ja, das gibt es, bestätige ich – und denke dabei an eine Kollegin, auch Psychotherapeutin, die in der Supervision verzweifelt geklagt hat, „Wieso habe ich nichts gemerkt? Warum hat mir meine Tochter erst nach der Scheidung erzählt, was der Vater mit ihr angestellt hat? Ja, da gab es einmal etwas vor vielen Jahren – in der Sommerfrische, mit einem Nachbarskind … aber ich habe seinen Beteuerungen geglaubt … Ich war so fest überzeugt: mein Mann doch nicht! Der tut so was nicht …“ Ich habe damals in etwa gesagt: „Weil es geplante Verbrechen an sich haben, dass sie im Verborgenen geschehen – dass sie versteckt werden – und dass alle, die einen Verdacht äußern, empört als Spinner zurück gewiesen werden …“

Das ist aber nur eine Sichtweise auf diese besondere Form des Nicht-wahrnehmens. Es gibt die Hilflosigkeit gegenüber dem Unvorstellbaren, die Anzeichen falsch deuten lässt.

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