Als der „unselige“ Thomas Schmid sich – wohl ironisch? – mokierte, den Raum im Flugzeug mit „Pöbel“ teilen zu müssen [„Oh Gott. Reisen wie der Pöbel“: Die Causa Öbag in Chat-Zitaten – Unternehmen – derStandard.at › Wirtschaft], fand ich dies nicht nur überheblich und diskriminierend, sondern vor allem unklug: Wer glaubt, sich mit überspitztem Hobbykabarettismus die Lacher zu holen, muss damit rechnen, dass jede Formulierung als Waffe gegen eine/n selbst umgekehrt werden kann.

Das sollten sich auch die Spindoktoren hinter die Ohren schreiben, die Politiker (männliche!) mit „Sagern“ – „Bonmots“, zu Deutsch „gute Worte“, allerdings sind das ja keine – zur Applausheische versorgen.

Laut Wikipedia hat sich diese, ursprünglich nur das einfache Volk (abgeleitet vom französischen „peuple“, und das wieder vom lateinischen „populus“ – und damit war das gesamte Volk ohne Unterscheidung angesprochen; abgegrenzt war nur der Senat siehe das altrömische Hoheitszeichen S.P.Q.R.: „senatus populusque romanus“) umfassende Bezeichnung zum „umgangssprachlichen Schmähwort“ für „ungebildete, unkultivierte Menschen aus der gesellschaftlichen Unterschicht“ gewandelt.

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Dass Krankenpflegepersonen keine Auskünfte erteilen dürfen, die unter ärztliche Expertise fallen, zählt zu der „divide et impera“ (lateinisch „teile-und-herrsche“) Strategie beruflicher Konkurrenten. Aber jeder Profession ein eigenes Wirkungsfeld zu bieten, heißt noch lange nicht, dass deren besondere Qualifikationen als gleichwertig gewürdigt werden; es liegt dann an der jeweiligen Persönlichkeit, ob „kollegiale Führung“ (wie im Spitalswesen) funktioniert oder durch hierarchische Machtspiele gefährdet wird.

So erinnere ich mich an einen Konflikt in einer derartigen Institution, in der der Pflegedirektor eine Pflege-Visite ergänzend zur ärztlichen einführen wollte und beim Ärztlichen Direktor auf blanke Ablehnung stieß – es hätten nämlich die Ärzt:innen mitgehen sollen (eine klare Abwertung der „anderen“ Sichtweisen der Pflegewissenschaft). Ähnliche Diskrepanzen gibt es oft auch dort, wo Jurist:innen die Sichtweisen der heute ebenso im Magisterium ausgebildeten Sozialarbeiter:innen bloß als untergeordnete Ergänzung ansehen statt als primäre Sicht auf menschliches Leben und Erleben.

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Eigentlich wollte ich meinem letzten „Brief gegen Gewalt“ Nr. 53, übergetitelt „Vorurteile“, zu dem tragischen Tod des 22jährigen und der häufigen Unterstellung von „Verweigerung!“ bei körperlichen Problemen durch Sportbeauftragte – aber umgekehrt deren Verweigerung von Pause, Abbruch oder ärztlicher Hilfe, den – angeblich, weil eigentlich sehr zynischen – Ärzte-Witz beifügen, in dem der eine Arzt zum anderen sagt „Der Simulant von Zimmer 4 ist gestern gestorben“, und der andere antwortet, „Na, so übertreiben hätt‘ er aber nicht müssen …“. Ich habe es dann jedoch bleiben lassen, weil es erstens unfair gewesen wäre gegenüber all der pflichtbewussten Ärzteschaft und zweitens herzlos gegenüber all denen, die um den 22jährigen Berufsschüler trauern (und als solidarische Mutter trauere ich mit).

Es scheint so, als hätten viele das rechte Maß aus den Augen verloren und schwankten zwischen Zuviel oder Zuwenig hin und her – und eine Masse von hassjohlenden Kritiker:innen nützt die Gelegenheiten zum anpöbelnden Mitschwanken, und das besonders, wenn die Zielscheibe Politiker:innen sind. Dabei diskreditieren sich ja all diejenigen selbst, wenn sie über-treiben, nämlich ihre Sündenböcke (missglückter Witz) und Sündenziegen (Gucci-Tasche) in die Wüste (des Wahlverlusts) schicken wollen.

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Und wieder wurden körperliche Beschwerden einer der Obsorge anvertrauten Person ignoriert – und sie ist verstorben. Diesmal war es ein 22jähriger Berufsschüler bei einem Sporttraining in der Hitze, das letzte Mal war es ein Präsenzdiener auf einem Gewaltmarsch … aber der Ausbildungsverantwortliche hat die Beschwerden ignoriert, ja sogar mit Grobheiten („nicht deppert rumsitzen, sondern mitmachen“: Kurier, 13.07.2022, Seite 16: „Mysteriöser Tod eines Berufsschülers“) beantwortet.

Was soll dabei mysteriös sein, frage ich mich – außer dass hier ein schulisches Versagen mystifiziert werden soll: Keine Obduktion, ist in dem zitierten Artikel zu lesen – „mangels Zeugen“ (haben vermutlich die Verantwortlichen behauptet, dabei gab es an diesem 30. Juni (!) etliche Mitschüler:innen, die aktiv wurden), daher keine Ermittlungen der Polizei, und die Schuldirektorin „will zu dem tragischen Vorfall nichts sagen und verweist auf die Bildungsdirektion Wien“ – also möglichst weit weg und zwar nach oben hinauf in der Hierarchie, dorthin, wo die „Verwaltenden“ nur erfahren, was ihnen auf Nachfrage – mehrfach gefiltert – von ihren Untergeordneten geliefert wird.

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Es gibt mehrere Arten von Entschuldigungen: Dazu gehören vor allem die in Österreich üblichen Präventiv-Phrasen wie „‘Tschuldigung schon, aber …“, mit denen quasi mit magischer Beschwörungsformel der Vorwurf einer Beleidigung abgewehrt werden soll.

Dann gibt es die unnötigen Rechtfertigungen, die darauf hinweisen, dass jemandem Schuldgefühle gemacht wurden – überaus beliebt als das permanente Erziehungsmittel zu gehorsamer Unterwürfigkeit (verstärkt durch zusätzliche Vergleichs-Vorwürfe z. B. mit Hinweis auf Geschwister oder andere Kinder – später die Partnerpersonen der anscheinend Erfolgreicheren – die sich dazu eignen, Reste vorhandener Selbstachtung zu untergraben).

Und dann gibt es die notwendigen Schuldeingeständnisse, wenn man tatsächlich Schuld auf sich geladen hat. Meine Klient:innen weise ich immer darauf hin, dass diese „echte“ Schuld – nämlich Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit – zu Gericht oder ins Beichtzimmer gehört, denn da braucht es Übernahme von Verantwortung und, wenn es noch geht, Wiedergutmachung. Strafe bringt jedoch keine Besserung – nur Befriedigung von Rachebedürfnissen an Stelle der schmerzlichen Trauerarbeit aller Beschädigten (Täterpersonen mitgemeint).

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Am Keplerplatz in Favoriten haben acht, vermutlich arabische, Männer gegen 18.45 Uhr zwei junge Frauen eingekreist, begrapscht, und zwei davon verfolgten die Frauen als diese flüchteten, drängten sich in die Zufluchtswohnung und haben erst, als sie dort weggescheucht wurden, das Weite gesucht: Auf Flucht verfolgt – Junge Frauen von Männern umzingelt und belästigt | krone.at.

Was mich dabei interessiert hätte – und was ich von einer Reporterin (Christine Steinmetz) erwartet hätte – wäre die genaue Information gewesen, wie konkret die Männer aus der Wohnung vertrieben wurden: durch Schreie? Regenschirm? Besenstiel? Was haben Menschen denn so im Umfeld der Eingangstür? Oder durch einen Hund?

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Wenn Oona Kroisleitner im Standard vom 30.06.2022, Seite 28, („Keine Dauerlösung“) die ehemalige Unterrichtsministerin (1995–2007!) Gehrer dafür kritisiert, dass sie einst Maturant:innen vor dem Lehramtsstudium warnte, während heute Lehrkräfte „Mangelware“ wären (mit diskretem Hinweis auf Corona-bedingte Ausfälle) und Sonderverträge, Einsatz von Student:innen und Pensionist:innen nur „Symptombekämpfung“, so geht das an der echten Ursache vorbei. Die beseitigt nämlich auch – Zitate – „pädagogische Expertise“ und ein „attraktivierter Karriereweg“ nicht.

Meine Erfahrung aus Beratung, Forschung, Supervision und Unterricht an der Univie (Didaktik der Gewaltprävention) sowie Universität für Weiterbildung in Krems (PROvokativpädagogik – nicht zu verwechseln mit der nachgefolgten Mogelpackung Provokationspädagogik) – und publiziert in den Büchern „Mut zum Unterricht“ (2007), „Feindbild Lehrer?“ (2009) und „PROvokativpädagogik – PROvokativmethodik“ (2017), alle erhältlich über www.aaptos.at  – hat klar ausgewiesen: Die Schülerschaft hat sich sozial gegenüber früher massiv verändert, und die Lehrerschaft ist darauf nicht vorbereitet.

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Derzeit historisch hinten nach, titelt orf.online heute. Nach fünf Jahren: „MeToo“ erreicht auch Österreich [https://orf.at/stories/3272794/], in unbewusster – oder doch bewusster?, immerhin ging es da um den „heiligen“ ÖSV (Österreichischen Skiverband) – „Vergesslichkeit“ der mutigen Aufdeckungsarbeit von Nicola Werdenigg (die danach eine juristische und mediale Hexenjagd sondergleichen erlebte).

Aber ich glaube die Überschrift schon zu verstehen: Der Titel bezieht sich darauf, dass diesmal eine Schauspielerin und Regisseurin und noch dazu ganz konkret über zahllose erlebte sexuelle Zumutungen und Erpressungen das Wort ergriffen hat – und damit auch vielen Leidensgenossinnen „den Mund geöffnet“ hat.

Es ist erschreckend, dass im 3. Jahrtausend, gut 50 Jahre nach der großen Strafrechtsreform und Familienrechtsreform (an denen beiden ich als damals SPÖ-Mandatarin mitgearbeitet habe und diese Zeit des „Aufbruchs“ im wahrsten Sinn sehr vermisse), Partnerschaft – und die bedeutet immer Respekt und Solidarität im Verteidigen von Menschenwürde! – noch immer nicht dort angekommen ist, wo sie am dringendsten Not-wendig wäre: Bei Männern, die glauben, ihre sexuellen Phantasien in die Tat umsetzen zu müssen und zu dürfen.

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Wir dürfen die sozialen Felder nicht den Hassenden und den Zornigen überlassen, schreibt Anton Grabner-Haider in seinem neuen Sammelband „Denken im Widerstand – Fake News und neue Ideologien“ (S. 41, Plattform Johannes Martinek Verlag, Mai 2022), und im gleichen Buch erklärt Manfred Prisching, dass Feinde Identität schaffen (S. 91).

Identität bedeutet für mich, ein sicheres inneres Selbstwertgefühl, das vor allem auch auf außen gelebten Werten basiert – beispielsweise dem bewussten Verzicht auf Hass. Etwas oder jemanden nicht zu mögen, genügt doch? Und diese „Selbstoffenbarung“ zu begründen, gestattet unsere in den Menschenrechtskonventionen verbriefte Meinungsfreiheit: Man bleibt „im eigenen Revier“ und formuliert, weswegen man sich bestimmten Bewertungen und Ideologien nicht anschließt oder auf größere Distanz geht, und die besteht oft im Austritt aus einem Verein, einer Partei oder einer Religionsgemeinschaft, in Auszug, Scheidung, Übersiedlung und oft hilft nur Emigration, um sich vor den Verfolgungen durch Feinde zu schützen.

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Als ich noch Bezirksrätin in Wien Favoriten war (1973–1987) erzählte mir eine Genossin, vermutlich ein Jahrgang aus den frühen 1930er Jahren, die zur Zeit unseres Gesprächs in der Arbeiterkammer arbeitete, dass sie Ende der 1940er Jahre, Arbeit suchend am Arbeitsamt – heute AMS – vorsprach und zu hören bekam, sie sei doch hübsch, sie werde doch einen Herren finden, der sie erhalte (und dabei war nicht an Heirat gedacht).

Wir waren uns damals einig, dass diese gedankliche Entgleisung wohl der Erziehung der wohlangestellten Beraterin zuzurechnen sei, die halt noch im Zeitgeist des 19. Jahrhunderts dachte – so wie meine sehr geliebte mütterliche Großmutter, bei der ich während meines Studiums gelegentlich wohnte, und die jedes Mal, wenn mich ein Kommilitone abholte, nachher fragte „Na wär‘ der nichts?“ (nämlich zum Heiraten), aber daran dachte ich gar nicht, ich wollte mich beruflich beweisen und auch Karriere machen (war als einziges Mädchen „mit Dispens“ in einem altsprachlichen Gymnasium für Knaben, dort wurden wir ja daraufhin „programmiert“ – und dass das nicht für Frauen galt, habe ich erst in der damaligen SPÖ mitbekommen – heute ist es aber auch nicht viel anders).

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