Unter Paternalismus versteht man „überfürsorgliche“, in Wirklichkeit absichtlich bevormundende staatliche Eingriffe in das Privatleben und damit eine Form von Herrschaft, die auf sanfte Art möglichen Widerstand ihrer Adressaten vermeiden will. Als ich evangelische Theologie studierte und mich dabei auf Ethik spezialisierte, absolvierte ich dazu ein einschlägiges Seminar: Da ging es um Impfzwänge, Rauchverbote und andere Prohibitionen, Fluortabletten für Kinder etc. bis zu Chlor im Wasser, Unkrautvernichtungsmitteln und schloss mit Überlegungen zu Patientenverfügungen. Wir Studierenden waren gefordert, Sinn, Zweck, vor allem aber auch alternative Verhaltensweisen zu reflektieren.

Paternalistisch heißen Erziehungsversuche an Erwachsenen, die selbstbestimmungsfähig (also nicht geistig beeinträchtigt oder aus anderen Gründen besachwaltet) sind. Entscheidet sich „der Staat“ – egal auf welcher legistischen oder Verwaltungsebene – für paternalistisches Vorgehen, so kann man drei Motive annehmen: Eine Geisteshaltung der Bevorzugung straffer Hierarchie (wie man sie vor allem von diktatorischen Regimen kennt), äußere Zwänge (wie beispielsweise Pakt-Treue oder Druck einflussreicher Lobbys) oder Unkenntnis anderer, demokratischer(er) Methoden. Die gibt es. In seinem aktuellen Buch „Die freundliche Revolution – Wie wir gemeinsam die Demokratie retten“ (Molden) bringt Philippe Narval, der Geschäftsführer des Forum Alpbach, zahlreiche Beispiele erfolgreicher Mitgestaltung wie auch Initiativen von BürgerInnen … im Ausland.

In Österreich herrscht hier noch Lernbedarf – oder auch Mut zur Bürgernähe.

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Thomas Gottschalk, so lese ich im heutigen Oe24-Newsletter, trennt sich nach 46 Jahren von seiner Ehefrau Thea (73), weil er sich in eine 57jährige verliebt habe – eine „hochdotierte Controllerin beim deutschen TV-Sender SWR“. Sein Alter wird nicht angegeben – er  wird demnächst 69, also mitten in der late-life-crisis – dafür wird seine Ehefrau als „geschasste“ bezeichnet (https://www.oe24.at/leute/deutschland/Gottschalk-Trennung-So-erfuhr-Thea-von-der-Neuen/373805846?sc_src=email_2616807&sc_lid=201773149&sc_uid=sZ0UbgJkX1&sc_llid=15518&sc_eh=a5d69149b3c4f2131).

Nun könnte man von der „Gewalt“ der Liebe sprechen, der man nicht widerstehen kann. Das ist eine Ausrede für die eigene Untreue, vor allem aber für die Gewalt gegenüber der Partnerperson.

Auf ein „Neumodell“ zu wechseln wie bei einem Auto oder Fernsehapparat ist eine Verhaltensmöglichkeit, die vor allem viel über die Beziehungsfähigkeit und soziale Kompetenz des quasi „Käufers“ oder „Mieters“ aussagt, der offenbar, wenn möglicherweise nur unbewusst, an seinen „Gewinn“ denkt.

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Derzeit sind die Zeitungen voll von Berichten über eine AHS-Lehrerin, der einige Eltern wie auch Schülerinnen einschüchterndes Verhalten und Mobbing vorwerfen (z. B. „Dunkler Sarkasmus im Klassenzimmer?“ Der Standard, 22.03.2019, S. 9). Unter anderem hätte sie „einzelnen Schülern oder Gruppen schon zu Beginn des Schuljahres gesagt, dass sie in ihrem Fach durchfallen werden“.

Das hat mich an meinen Professor in Altgriechisch erinnert, ein kleines unverheiratetes Männchen mit runder Metallbrille in einem zu engen speckigen schwarzen Anzug, der zu Beginn jedes Schuljahres mit folgendem Satz das Podium betrat: „Wie viele seid ihr? 18? hihihi — nächstes Jahr seid ihr nicht mehr so viele!“ Ein Prophet aus Erfahrung. Dramatisch ernst genommen haben wir ihn nicht – wir wussten um die Kontingenz des Schulerfolgs. Das ist heute anders: Wir bekommen immer mehr „amerikanische Zustände“, was bedeutet, dass fast jedes unliebsame Erlebnis zu einem Kampf ausufert und mit Anwaltshilfe und Medienunterstützung zum Sieg führen soll. Was dabei nicht bedacht wird, ist die Resonanz des behaupteten „Psychoterrors“ der Lehrkraft sowie der Domino-Effekt für Nachahmungsinspirierte.

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„Jugendlicher zerschlägt Ei auf Kopf von Senator, dieser schlägt zu“ titelt heute die Kleine Zeitung online (https://www.kleinezeitung.at/international/panorama/5597496/ChrischurchMassaker-Jugendlicher-zerschlaegt-Ei-auf-Kopf-von) –  doch wie anders lautet die Schlagzeile auf https://www.oe24.at/welt/Rechter-Politiker-schlaegt-Teenie-nach-Ei-Attacke/372144947 – und auch die beiden Videos in diesen Berichten differieren … Während Oe24 zeigt, wie der  Ei-Klatscher dem rechtsgerichteten australischen Senator Fraser Anning, der gerade ein Interview gibt, von hinten ein Ei auf dem Kopf aufschlägt und sich dann Securities auf ihn werfen, sieht man im Bericht der Kleinen Zeitung, wie der junge Mann (aus meiner Sicht kein Jugendlicher mehr) den Senator zuerst mit dem Handy filmt und ihm dann das Ei an den Kopf knallt – und alles hinter dessen Rücken.

Mich erinnert das an die „Tortung“ des Wiener FPÖ-Abgeordneten Hilmar Kabas im April 2000 – aber da hatte der Angreifer den Mut, sich seinem Opfer von vorne zu nähern. Weiterlesen

Da las ich doch am 16. März im Kurier ein Interview mit Stefan Verra (nämlich zur Bewerbung seines neuen Buches), laut Wikipedia studierter Schlagzeuger, Instrumental- und Gesangspädagoge, in dem er seine Interpretationen von Details der Körpersprache von Kurz, Strache und Van der Bellen (sowie Trump, Lagarde und Macron) quasi als Dogma darlegt.

Als seine subjektive Sicht ist das zu respektieren – so wie auch die Sicht des ursprünglichen Tänzers und späteren Pantomimen Samy Molcho, der mit seinen Körpersprache-Interpretationen sich schon seit den 1980er Jahren „weltberühmt in Österreich“ machte. Seine Entschlüsselungen basieren auf dem Ansatz, wie er bestimmte Emotionen darstellen würde – und das ist vielen Menschen einsichtig, daher glauben sie daran.

Viele Menschen suchen nach Checklisten, mit denen sie sich insgeheim Sicherheit und Macht gegenüber anderen Menschen erhoffen – gleichsam als Geheimwissen für Überlegenheit, Weiterlesen

Mit großer Freude habe ich soeben der ZiB 1 entnommen, dass Ex-Bildungs- und Ex-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek meinen seinerzeitigen Vorschlag in der Wiener Zeitung vom 21.12.2017 (!) gefolgt ist und die eingetragene Partnerschaft als Überbegriff für alle Optionen von Lebensgemeinschaften aufmachen will.

Worum es mir damals ging – und was ich in meinem Buch „Sexuelle Reformation – Freiheit und Verantwortung“, LIT Verlag Jänner 2017 (meiner gekürzten und popularisierten evangelisch-theologischen Masterarbeit) ausführlich erläutert habe: Man kann Adam und Eva im Garten Eden als Ehepaar deuten – oder als Prototyp für alle Männer und alle Frauen, egal, wie sie zueinander stehen, und da gibt es mehr Möglichkeiten als nur diese eine „private“, wie wir ja alle wissen sollten.

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Da lese ich doch heute auf https://orf.at/stories/3113790/ eine demonstrative Zusammenfassung der Argumente, die immer wieder gegen gendergerechte Sprachformen aufs Tapet gebracht werden – so wie wir wohl alle in der Volksschule das „generische“ – ich würde fast scherzen, das „genärrische“ – Maskulinum eingetrichtert bekommen haben. Ich kann mich noch gut erinnern, dass einige schlaue Mädchen sich damals wunderten, wieso Frauen bei Männern immer „mitgemeint“ sein sollten. Damals, 1950–1953, gab es in Laa an der Thaya noch keine Koedukation, sehr wohl aber in der Übungsvolksschule in Wr. Neustadt, wohin wir zu Allheiligen übersiedelten, nachdem mein Vater dort Gymnasialdirektor geworden war.

Später im Gymnasium lernten wir dann auch die Lautverschiebungen – wie sich die deutsche Sprache vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen entwickelt hatte. Dass es das Verdienst Martin Luthers war, durch seine Bibelübersetzung während seiner Haft auf der Wartburg die Einigung der vielen deutschen Dialekte bewirkt zu haben, hörten wir nicht. Das erfuhr ich erst im Studium der evangelischen Theologie. Zwecks Nachvollziehbarkeit einige Erinnerungen: Damals in den 1950er Jahren wurde unser einziger evangelischer Mitschüler noch vor der ganzen Klasse von manchen Professoren verächtlich als Ketzer apostrophiert, und ich, die von meinen konfessionslosen Eltern immer vom Religionsunterricht abgemeldet worden war (ich war, während mein Vater in Kriegsgefangenschaft war, auf Druck der frommen Großmütter gegen dessen Willen getauft worden, nachzulesen in meinem Buch „Als Pfarrerlehrling in Mistelbach“), wurde mit dem Ruf „Heu, du hast a Sünd!“ von meinen Volksschulkolleginnen verunsichert, wenn ich genauso wie sie auch den gemeinsamen Ball an die schmucklose Kirchenmauer werfen wollte.

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Heute, am Vorabend des Internationalen Frauentags, nach tagelangen medialen Jubelberichten von „mächtigen alten Männern“ (selbstbezogene Wortschöpfung des Altabgeordneten Peter Pilz), wie sehr sie starke Frauen, nämlich ihre Mütter! schätzten – bei Kolleginnen lässt diese Wertschätzung noch immer auf sich warten – lesen wir, dass es leider, leider  keine rechtliche Handhabe (wie bei andere Straftaten „gegen die sexuelle Selbstbestimmung“) gegen den 27jährigen Fußballtrainer gäbe, der mit dem Handy in seiner scheinbar „zufällig“ in der Umkleidekabine hängengebliebenen Jacke seine Trainees nackt filmte, natürlich „nur für den Eigengebrauch“ (Kurier, 06. März 2019, Seite 18).

Vorwärts in die Vergangenheit!, drängt sich mir die bittere Feststellung auf: In die 1950er Jahre nämlich, als schwitzhändige Jugendliche noch durch Schlüssellöcher lugten, um Frauen bei der Körperwäsche zu beobachten.

Das sollte doch heute längst verschwunden sein, 50 Jahre nach der (aus meiner Sicht „dritten“ – siehe mein Buch „Sexuelle Reformation“, LIT Verlag, Münster) sexuellen Revolution! (Derzeit sehe ich uns in der „vierten“, der kommerziellen!) Damals wurde Sexualunterdrückung als das enttarnt, was sie ist, nämlich mentale Gewalt, … oder aber ernst zu nehmendes Anzeichen einer Störung der individuellen psychosexuellen Entwicklung und daher behandlungsbedürftig. In letzterem Fall wäre man für alle Tätigkeiten in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialberufen ungeeignet, solange diese Eigenheit besteht.

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Da schmeißt eine 80jährige nach einem Streit mit ihrem Lebensgefährten dessen 10 Monate alten Hund aus dem 7. Stock, während der Pensionist … fernsieht (https://wien.orf.at/news/stories/2968166).

Da schleudert ein 20jähriger den Hund seiner Bekannten, auf den er während deren Berufsausübung aufpassen sollte, gegen die Wand, tritt ihn, würgt ihn und taucht ihn ins WC  – und schickt das Ganze als Video dem Frauchen (https://wien.orf.at/news/stories/2967787).

„Wie gibt es denn das?“, wurde ich gefragt, und „Was denken sich die denn dabei?“

Diese „Dynamik“ kann ich aufklären. Auch mir sind im Laufe meiner nunmehr über 50jährigen Berufspraxis mehrere solcher Miss-Handlungen bekannt geworden, und immer waren es Partnerpersonen, die damit drei Ziele erreichen wollten: Erstens wollen sie sich von dem Gefühl der Hilflosigkeit befreien. (Im aktuellen ersten Fall wollte die Frau Geld zurück gezahlt bekommen, im zweiten hatte der junge Hund ins Zimmer gemacht.) Zweitens wollen sie ihr Macht zurück erobern und demonstrieren (deswegen Handlungen, für die es Publikum geben muss), und drittens wollen sie der Person, die sie für ihre Hassgefühle verantwortlich meinen, „das Liebste“ kaputt machen (den Fernseher, den Hund).

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„Warum ist hier die Festnahme & Verurteilung ,schockierend‘, nicht aber der Missbrauch selbst???“ schreibt mir ein Mann, und fragt, „Wer hat da hier bei der Formulierung so danebengegriffen – der Vatikan, oder die Medien?“ und mailt mir gleich die Meldung dazu, auf die er sich bezieht:

https://religion.orf.at/stories/2967216/

> Der vatikanische Staatssekretär, Kardinal Pietro Parolin, hat die
> Verurteilung und die Festnahme des Kurienkardinals George Pell in
> Australien wegen sexuellen Missbrauchs bzw. sexueller Belästigung
> zweier Kinder als „schmerzhaft und schockierend“ bezeichnet.

Ähnlich habe auch ich (s. Antigewaltbrief Nr. 15) empfunden … und doch ist in diesen Reaktionen, egal ob von vatikanischen Funktionären oder Laien, noch ein anderes Motiv versteckt – das Grundmotiv jeden Missbrauchs: Dass manche Menschen glauben, sie wären so etwas Besonderes, dass man sie nicht kritisieren oder überhaupt in Frage stellen darf. Darin verpackt ist ein beanspruchter “Größenunterschied“: Kinder „müssen“ Erwachsenen gehorchen, weil sie klein sind – und wenn sie das oft genug gehört haben (und mit Strafen bedroht wurden), glauben sie es auch für jede Situation, egal wie schädlich sie für sie sein mag.

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