Ein noch nicht „erzogenes“ Kleinkind (was etwas anderes ist als ein „unerzogenes“) pflegt um sich zu schlagen und zu schreien, wenn es etwas nicht will. Viele Erziehungspersonen verstehen das als Kampfangebot und wollen ihren Willen, das Kind solle ruhig sein, um jeden Preis durchsetzen – wobei die Silbe „durch“ schon darauf hinweist, dass damit etwas durchdrungen wird (beispielsweise eine Sitzgelegenheit) – anstatt achtsam herauszufinden versuchen, was konkret der aktuelle Anlass ist.

So wird schon von klein auf das angebliche Recht des Stärkeren im Denken verankert. Dann heißt es, „ohne Gewalt geht gar nichts“ – aber das ist nur eine Bankrotterklärung der sozialen Kreativität. Aber auch diese wird „gelernt“, d. h. im Nervengeflecht der Wahrnehmungs- und Handlungsneuronen des Gehirns eingespeichert, indem man dazu von einem Vor-Bild (und das kann auch ein Buch sein) ermutigt wird. Heute sind es meist filmische Darstellungen – und die sind überreich von Kampfszenen, und wer daran Interesse hat, lässt sich leicht erahnen: Nicht nur Produzenten von Waffen und anderem kriegstauglichen Material oder Vertreter einer Politik der Stärke (Gewalt inbegriffen), sondern vor allem auch Menschen, die viel unterdrückte Wut und Rachegelüste in sich aufgespeichert haben und im besseren Fall nur „mitfiebern“, im schlechtesten jedoch nachahmen.

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Potenziell gewalttätige Menschen erkenne man unter anderem daran, dass sie ein „Nein!“ – d. h. eine Grenzsetzung – nicht akzeptierten, berichtet der US-amerikanische Sicherheitsexperte Gavin de Becker in seinem Aufklärungsbuch „Mut zur Angst“ (im Original „The gift of fear“, als Taschenbuch „Vertraue deiner Angst“). Ganz im Gegenteil – wenn man ihnen Grenzen setze, würden sie sofort ausfällig, beleidigend, oft sogar körperlich übergriffig.

Kaum hatte ich dieses Buch das erste Mal gelesen, erlebte ich seinen Hinweis hautnah – in einem Hotel in Tirol, in dem der greise Vater der Besitzerin, der an diesem Abend die Rezeption „beherrschte“, mein Winziggepäck – Reisetasche und Laptop – ins Zimmer tragen wollte; ich lehnte dankend ab, vor allem, weil ich, linke und rechte Hand ausbalanciert, in meinem Tempo gehen und nicht jemand nachzuckeln wollte. Der alte Mann riss mir daraufhin die Reisetasche aus der linken Hand und brüllte mich an „Na geben’s schon her!“ worauf sich ein Ringkampf um meine Tasche ergab. Ich musste wohl vier oder fünfmal protestieren und darauf bestehen, mein Gepäck nicht „aus der Hand geben“ zu wollen.

Ähnliches kennen wohl viele. Gavin de Becker interpretiert das als Dominanztest – Niveau wie unter Hunden, wenn sich der Besuchshund über die Fress-Schüssel des Haushundes hermacht und der dann hilfesuchend zu Herrchen oder Frauchen schaut, sofern ihnen Selbstverteidigung abdressiert wurde.

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Heute – 12. März 2022, dem 17. Tag der sogenannten „militärischen Sonderaktion“ Russlands gegen den Schwesterstaat Ukraine – formuliert man im KURIER unter dem Haupttitel der ersten Seite „Frau Lehrerin, müssen wir alle Angst haben?“ zu Beginn des Untertitels: „Den Krieg erklären.“

Die Formulierung „Kindern den Krieg erklären“ taucht derzeit vielfach in den Medien auf – und ich bin entsetzt über die darin enthaltene Suggestivbotschaft. Ja merkt die denn niemand?

Seit gut dreißig Jahren arbeite ich an der Entwicklung einer – meiner – Sprachmethode, die ich unentwegt übe und mich auch bemühe, diese „Briefe“ in ihr zu verfassen. Als ich 2007 den Lehrstuhl für Prävention und Gesundheitskommunikation an der Donau Universität Krems aufbauen durfte, hatte ich dazu sogar ein Masterstudium für Gesundheitsberufe konzipiert und „Gesprächsmedizin“ genannt – worauf der damalige Leiter der Abteilung für Psychotherapie auszuckte (was heißt: mich vor unseren Vorgesetzten anbrüllte), der phantasierte, ich wollte damit ihn und seine Mitgestalter – nämlich Gestalttherapeuten (ob damals auch Frauen dabei waren, weiß ich nicht, mir sind jedenfalls keine begegnet) – konkurrenzieren. Das war nicht mein Ziel. Ich wollte Angehörigen medizinischer und paramedizinischer Berufe ein wissenschaftlich fundiertes Rüstzeug anbieten, wie rein durch Stimm- und Wortwahl Gesundheitsziele verWIRKlicht werden könnten. Um des Friedens willen musste ich „meine“ – durch Publikationen bereits verfestigte – Namengebung auf „Interkulturelle interdisziplinäre salutogene Gesprächsführung“ ändern … und damit war der Lehrgang nicht mehr verkäuflich. (Teile davon konnte ich Jahre später an der Katholischen Medienakademie unter „Wie schreiben über sexuellen Missbrauch“ lehren.)

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Er werde im Kreise seiner Nächsten bedrängt, sich im Fall des Russland-Ukraine-Krieges für eine Seite zu deklarieren, kritisiert einer meiner Klienten, der sich für in seinem Berufsbereich arbeitende Menschen und ihre Angehörigen in den Kriegsgebieten verantwortlich fühlt und sich zur Meinungsbildung nicht allein auf Medienberichte verlassen will. Er wartet zuerst auf Rückmeldungen von betroffenen Kooperationspartnern.

Ich habe ihn darin bestärkt, sich nicht „zwingen“ zu lassen, „Partei zu ergreifen“ – denn genau dadurch vergrößern und verhärten sich „Fronten“. Das ist ähnlich wie bei Fußballspielen, wo bei passender Gelegenheit die Emotionsfunken gewaltbereiter Fans überspringen und plötzlich alle Vernunft verschwindet und nur mehr brutal attackiert wird – bis die Polizei eingreift (falls die nicht auch handlungsunfähig geschlagen wird).

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Es gibt mehrere Arten von Angst – vor allem aber ist zwischen Realangst und sogenannter neurotischer (d. h. auf alten biographischen Nervenverbindungen beruhender) Angst zu unterscheiden. Augenblicklich fällt das vielen Menschen ziemlich schwer – wird ja überall von Angst berichtet und das hat auch gute Gründe, dennoch ist die Unterscheidung wichtig und notwendig, um die eigenen Reaktionen steuern zu können.

Nach der Bewusstseinsquadrinität nach C. G. Jung befinden sich Vernunft und Emotionen in einem komplementären Spannungsverhältnis: Je mehr Emotionen überwiegen, desto weniger kann man sachlich denken und umgekehrt, und ebenso verhält es sich mit der Körpersteuerung und der Intuition (Zukunftssicht), denn blind vor Schmerz verliert man die Zukunftsperspektive – außer man hat „gelernt“ (d. h. bereits passende Wahrnehmungs- und Handlungsnervenzellen gebildet),  die körperlichen, seelischen und geistigen Signale so in Einklang zu bringen, dass keines davon dominiert sondern alle gleich verfügbar sind.

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Dass der Tausendmeilenweg mit einem Schritt beginnt, wird Laotse oft zitiert [https://www.aphorismen.de/zitat/13967]. In meiner Sexualtherapie-Ausbildung betonte die Lehrtherapeutin Dr. med. Verena Middendorp, eine gelungene sexuelle Begegnung begänne mit einem freundlichen Zulächeln beim Aufstehen frühmorgens. Dementsprechend könnte man auch sagen, jeder Krieg beginnt mit einer Demütigung – einem Vorenthalten von Respekt – und diese Ur-Sache kann in der frühesten Kindheit wurzeln und ein Leben lang wachsen, wenn sie nicht verändert wird.

Aber so wie der Athener Historiker Thukydides (ca. 454–398 v. Chr.) [https://de.wikipedia.org/wiki/Thukydides] aufzeigte, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege, könnte man analog formulieren, dass Demütigung im Herzen des Empfindenden liegt: Ob er oder sie dies dann mit einem souveränen Bonmot, mit Protest oder mit Kampf- und Kriegshandlungen beantwortet, liegt an friedliebender oder kampflustiger Gesinnung – und dem Finden oder Erfinden von alternativen Verhaltensweisen.

Derzeit dominieren Kriegsgesinnungen und mutwillige „erste Schritte“: Das beginnt beispielsweise mit den Bemühungen mancher Aktivist:innen der „cancel culture“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Cancel_Culture], die Beseitigung von Erinnerungssymbolen wie Ortsbezeichnungen, Denkmälern oder Museen zu fordern. Ich finde es richtig, von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob das „Denk mal!“ seinen Zweck erfüllt und allenfalls zur Zeit der Einführung positiv Gedachtes durch kritische Zusatzinformationen zu ergänzen, wenn Negatives bekannt wird. Aber Beseitigung bzw. Vernichtung finde ich nicht richtig. Das wäre eine Kriegshandlung.

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Jeder Mensch trifft jeden Tag Entscheidungen: Schon für ein Baby gibt es in jedem Augenblick mehrere Verhaltensmöglichkeiten – aber die Wahl wird spontan, unbewusst getroffen. Manche Menschen behalten diesen „Automatismus“ ihr ganzes Leben bei.

Salutogenese – Aufbau und Förderung von Gesundheit (im Gegensatz zu Pathogenese, der Entstehung von Krankheit) – besteht in meiner Definition im Treffen von bewussten Entscheidungen. Zu diesen gehört auch die jeweilige Wahl der eigenen Gesinnung: Aus welchem „Geist“ heraus soll gehandelt werden – aus einem Kampfgeist oder Friedensgeist? Aus Rachsucht? Eitelkeit? Gier? Zorn? Heißblütig oder eiskalt?

Seit Donnerstag, 24. Februar 2022, dominieren die Berichte und Kommentare zum Einmarsch Russlands in die Ukraine die Schlagzeilen in den Medien, und dabei die Frage, mit welchen Sanktionen (Drohungen, Strafen, Negativfolgen) dieser „Angriff auf Europa“ (Titel auf Seite 1 des KURIER am 25.02.2022) gestoppt werden kann. Das bedeutet, quasi homöopathisch, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen.

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„Die Abwertung des Staates und der Politik haben direkte Konsequenzen für die politische Imagination.“, schreiben der Linzer Wirtschaftsprofessor Walter Ötsch und die streitbare Falter-Redakteurin Nina Horaczek in ihrem neuen Buch „Wir wollen unsere Zukunft zurück! Streitschrift für mehr Phantasie in der Politik“ (Westend Verlag, S. 61). Eine der Ursachen dafür ortet das Autorenduo im propagierten Bild einer „geteilten Welt“: „Auf der einen Seite steht der gute Markt, auf der anderen der böse Staat.“ (S. 60)

Haben wir doch genau jetzt – nur steht dem „bösen Staat“ eine angeblich gute Minderheit gegenüber, die sich als „das Volk“ wähnt – und das reale Volk schweigt. Dabei sind wir doch alle das Volk, das Staatsvolk nämlich, und daher auch der Staat. Wer Zeitgeschichte nicht miterlebt – und auch in der Schule nicht gelehrt bekommen hat – kennt vermutlich nicht die Geschichte des Jahres 1989 und die Entstehung des Slogans „Wir sind das Volk“ im Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig (Wende und friedliche Revolution in der DDR – Wikipedia) – in einem Arbeitskreis, wohlgemerkt, was bedeutet: kein Gebrüll von anonymen Massen, sondern wohldurchdachter und mutig verantworteter Protest gegen das Terrorregime DDR.

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„Wo beginnt Pfarrerbashing? Oder Papstbashing?“ fragte mich jüngst eine Journalistin im Zusammenhang mit meinem neuen Buch „Das Schweigen der Hirten – Kirche und sexuelle Grenzverletzungen“ (edition roesner, erscheint zum Monatsende). Gute Frage! Laut Wikipedia bedeutet das Wort „öffentliche Beschimpfung“; es stammt vom englischen Wort „bash“ für „Schlag“, und dies finde ich passender: „auf jemand eindreschen“.

In Gesundheitsberufen pflegt man „Differentialdiagnosen“: Man prüft, ob die Symptome auch eine andere Krankheit bzw. Störung anzeigen könnten und arbeitet sich durch Ausschluss von Alternativen zur präzisen Erkenntnis vor. In den systemischen Therapien gibt etwas Ähnliches – die Methode „differenzieren“. Mit ihr wird überprüft, ob ein Wort auch kongruent dem entspricht, was damit beschrieben werden soll; Worte haben ja Suggestivkraft – und oft wird mit einem Alltagswort eine Tatsache verschleiert, verharmlost oder dämonisiert.

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Mit „Lücke im Gesetz: Ausschluss von Homosexuellen in Unterkünften ist legal“ wurde in der Tageszeitung KURIER vom 12.02.2022, Seite 6, informiert, dass der Wiener Michael Hirschmann bei seiner Vermietung von Ferienwohnungen in seinem „Arbeiter-Monteur-Quartier“ im niederösterreichischen Aggsbach Markt seit 2012 zu Recht Hausregeln aufstellen kann, dass homosexuelle Gäste ausdrücklich nicht willkommen seien. (Das gehört zu jedermanns „Hausrecht“ – gehört aber dem gegenwärtigen mitteleuropäischen Menschenrechtsstandard angepasst, denn es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen der eigenen Wohnung und einem Beherbergungsbetrieb.)

Mir geht es hier aber nicht um diese „Lücke im Gleichbehandlungsgesetz“, die zu schließen von SOS Mitmensch gefordert wird. Mir geht es um die erschreckende Unwissenheit dieses Quartiergebers. Denn der Herbergswirt argumentiert, er tue dies „aus Sorge vor Syphilis und Aids“.

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