Einträge von Rotraud A. Perner

Projektionen

In der Psychoanalyse bedeutet Projektion die „Abwehrform“, eigene Seelenanteile oder Verhaltensweisen in jemand anderen „hinein zu werfen“ (so die lateinische Bedeutung von „proicere“). Abwehrformen sind unbewusste Versuche, unangenehme Selbstwahrnehmungen zu vermeiden – wie es ganz ähnlich schon in der Bibel heißt: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)

Derzeit können wir solche Projektionen beobachten, wenn der türkische Präsident und seine Minister vor allem Deutschland (und Österreich mitgemeint) immer wieder als Nazis oder Angela Merkel sogar als „Frau Hitler“ bezeichnen.

Kindsabnahme

Üblicherweise werden Kinder nur dann von ihren Eltern entfernt, wenn diese sie schwer misshandeln oder grob vernachlässigen – und das muss konkret nachgewiesen sein beispielsweise durch sichtbare und einschlägig zuordenbare Verletzungen oder durch Augenzeugen.

Nun hat ein italienisches Gericht ein derzeit siebenjähriges Mädchen endgültig den Pflegeeltern als Adoptivkind zugesprochen, bei denen es schon längere Zeit gelebt hat, weil dessen leibliche Eltern – die Mutter derzeit 63 und der Vater 75 – so das Gericht, „zu alt und zu narzisstisch“ seien, das Kind daher bald mit Pflegeaufgaben belastet oder überhaupt gleich zur Waise würde.

„Streit“

Vermutlich ist das Wort Streit in manchen Tageszeitungen das in den letzten zwei Jahren am häufigsten auftretende Wort – nämlich im Zusammenhang mit Differenzen in der Bundesregierung. „Die streiten schon wieder!“ heißt es dann – aber das tun die jeweiligen Regierungsmitglieder gar nicht. Deswegen finde ich diese Wortwahl extrem unpassend – sie zeichnet nämlich ein geistiges Bild, das die mühselige Abstimmungsarbeit, wie sie in einer Koalitionsregierung immer wieder geleistet werden muss, mit den heftigen Sandkisten-Kämpfen Dreijähriger um Küberl und Schauferl gleich setzt […]

Frauentagsjubel

Jetzt haben wir also seit gestern – 3 Tage nach den offiziellen Begräbnisfeierlichkeiten für die allzu früh verstorbene Sabine Oberhauser – wieder eine Gesundheits- und Frauenministerin und eine, wie man sich besser keine wünschen könnte: Nach der Klassifikation des ehemaligen französischen Europa-Abgeordneten R. G. Schwartzenberg in seinem Buch „Politik als Showgeschäft“ (s. auch mein Buch „Heilkraft Humor“) eine ausgewiesene „Technokratin“, die die „Gläserne Decke“ durchstoßen hat, aber auch „Mutter“ und sogar „Heldin“ (der Wissenschaft) und verheiratet ist sie auch, also hat sie sogar ein bisschen was von „Frau aus dem Volke“.

Doppelstaatsbürgerschaft und Identität

Sie wollten wohl ihre Bindung zum Heimatland nicht so leicht aufgeben, mutmaßt der Wiener Politologe Cengiz Günay im Kurier vom 5. März auf die Frage, weshalb eingebürgerte Türken das Risiko eingingen, die österreichische Staatsbürgerschaft im Falle des Wiedererwerbs der türkischen zu verlieren. Und er fände das österreichische Verbot „idiotisch“, denn „es sei eine Illusion, dass man Identität einfach wie ein Kleidungsstück abstreifen“ könne.

Doch, man kann. Das erweist sich bei den IS-Kämpfern wie schon immer bei ideologisch (bzw. religiös) radikalisierten Menschen und allen, die sich ihnen anpassten […]

Neusprech

Erstmals tauchte dieser Begriff in George Orwells Kultroman „1984“ (geschrieben 1946–1948, erschienen 1949) auf: Das ist eine kunstvoll die Wahrnehmung und Bewertung vernebelnde Sprache. „Zufällige Ähnlichkeiten“ mit der Propagandasprache totalitärer Regimes waren wohlbedacht beabsichtigt – sie sollten die Leserschaft auf diese subtile Form von Gehirnwäsche aufmerksam machen.

Heute – in Zeiten der Verbreitung „postfaktischer Informationen“ – erinnern sich viele wieder an Orwells Horrorvision, wie er sie in seiner Lebzeit (1903–1950) im Dritten Reich wie auch im Sozialismus / Stalinismus beobachtet hatte, war sie doch wiedergekehrt in der Verschleierungssprache verantwortungsscheuer Politiker.

Bewusstlosigkeit?

Derzeit stehen neun orientalische Männer vor Gericht, denen vorgeworfen wird, eine volltrunkene 28jährige deutsche Lehrerin zwei Stunden lang in Serie vergewaltigt zu haben. Wie fast immer bei solchen Strafprozessen behaupten die vermutlichen Täter, die inkriminierten Handlungen wären von der Frau initiiert und daher freiwillig zustande gekommen. Auf diese Schutzbehauptungen möchte ich hier nicht tiefer eingehen – sie enttarnen sich von selbst als „Schuldvertauschungsagieren“, wie es der Volksmund zynisch mit „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld“ bezeichnet. Mit einer schweren Alkoholvergiftung von mehr als zwei Promille ist jemand im Normalfall bereits akut lebensgefährdet und braucht dringend ärztliche Hilfe, daher stellt sich für alle, die eine Person in diesem, also einem Zustand der Wehrlosigkeit wahrnehmen, allein die Aufforderung Hilfe zu leisten […]

Kindstötungen

Wieder hat eine Mutter ihr Kind getötet und vermutlich werden wieder viele fragen, wie so etwas geschehen kann – ob da eine psychische Krankheit vorliegt oder eine Verzweiflungstat, möglicherweise in Zusammenhang mit einer Trennung vom Partner.

Ich beschränke mich auf die Einschätzung: Psychische Ausnahmesituation – denn vermutlich werden sich die auslösenden Faktoren nur bruchstückshaft (wenn überhaupt) eruieren lassen. Was sich aber sagen lässt, ist: Vielen Menschen geht in hohen Erregungssituationen die Selbstwahrnehmung verloren – sie merken nicht, dass sie dabei sind, ihre „Fassung zu verlieren“. Das ist etwas anderes als der Zustand, die eigene Erregung „gefasst“ wahrzunehmen und die daraus folgenden Handlungsimpulse, und sich dann eventuell blitzartig zu „entscheiden“, dem Impuls nachzugeben […]

Menschlichkeit

Was zählt, ist Menschlichkeit – und die besteht zumindest zu 25 % aus der Fähigkeit zu fühlen, vor allem aber auch mitzufühlen. (Die anderen 75 % entfallen – entsprechend der Bewusstseinsquadrinität von C. G. Jung – auf körperliches Empfinden, Unbewusstes wie z.B. Ahnungen oder Phantasien und zuletzt erst auf kognitives Denken, welches man allerdings „dressieren“ kann – denken wir nur ans Lernen des „Kleinen 1 x 1“.)

Verzeihen

Papst Franziskus bittet um Verzeihung für die Verbrechen pädophiler Priester im Zusammenhang mit dem Buch „Ich verzeihe Ihnen, Vater“ des Schweizer Ex-Priesters Daniel Pittet, für das er ein Vorwort verfasste.

In diesem Satz kommt viermal die Silbe „ver“ vor.

Laut Wiktionary markiert diese Vorsilbe das betreffende Wort als negativ oder schwierig oder sie beschreibt ein Fehlverhalten (da ist wieder „ver“ enthalten!) oder eine Veränderung (noch einmal!) bis hin zur Zerstörung (und anderes mehr). Jedenfalls lohnt es, zwischen dem blanken Wort und der Neubildung mit „ver“ sinnentschlüsselnd zu differenzieren – denken wir nur an sprechen und versprechen, trauen und vertrauen, lieben und verlieben usw.

Und jetzt das Wort verzeihen.