Stielaugen

Halt! Gewalt!

Angeblich „schielte“ Bundeskanzler Kern auf das Handy des Innenministers und konnte lesen, dass dieser eine SMS seines Parteiobmannes erhielt, wie er sich in der Frage der Bildungsmilliarde zu verhalten habe – zumindest las ich das so in den Salzburger Nachrichten (23. 7. 2016). Jedenfalls hätte dies Kern launig auf einer SPÖ-Veranstaltung in Vorarlberg zum Besten gegeben.

Mir sind solche Scherze schon in der Zeit, in der ich selbst SPÖ-Mandatarin war, unangenehm aufgestoßen.

Das war der Stil des begeisterten Aschermittwoch-Redners Jörg Haider: andere verspotten.

Dabei führt doch der Versuch, anderen die Würde nehmen, zur Selbstentwürdigung – denn man geriert sich nicht mehr als Staatsmann sondern als drittklassiger Vorstadtkabarettist. In dieses Repertoire gehört auch, mit nur einer Hand gestützt von unten auf die Rednerbühne hinaufzuspringen – wie ich es bei einem meiner Parteiobmänner immer wieder beobachten konnte.

Rollenkonfusion heißt das in der psychotherapeutischen Fachsprache: Man kann oder will sich nicht entscheiden, wer man sein will.

Aber vielleicht wollte Bundeskanzler Kern – der ja sehr darauf bedacht ist, nicht mit seiner Brille fotografiert zu werden – nur „angeben“, dass er Adleraugen besitzt …? Ich jedenfalls könnte weder mit noch ohne meine Brille eine SMS lesen, wenn das Handy am Tisch liegt – ich müßte es 40 cm vor meine Augen führen – und ich will doch annehmen, dass Bundeskanzler Kern und Innenminister Sobotka ihre Sitzungen nicht eng umschlungen absolvieren … oder doch? (Das soll ein Scherz sein!)

Das Gelingen von Kooperation hängt davon ab, dass und wie sehr man einander wertschätzt.

Zur Wertschätzung gehört auch, dass man sich mit all denen konkret abspricht, wo es möglicherweise Meinungsverschiedenheiten geben könnte und das beginnt damit, dass man Meinungen einholt – oder abgibt. Bruno Kreisky hat das jedenfalls so gehalten – er hat viele Leute gefragt, nicht nur seine zwei sogenannten Kronprinzen. Als eine unter den 1.400 ExpertInnen, die das Parteiprogramm 1978 mitgestaltet haben, habe ich das immer wieder selbst so erlebt. Er hat uns Junge wertgeschätzt. Bei seinen Nachfolgern war das allerdings nicht mehr so – die hatten ihre Spezis und später ihre Spindoktoren und die haben sie von dem „niederen Volk“ abgeschottet – Medienleute hingegen umbuhlt. Der „Sager“ zählt – vor dem johlenden Parteivolk und noch mehr, wenn man damit in „in die Zeitung kommt“. Nur: Das ist keine Qualifikation für’s Regieren.

Ich erwarte von Politikern (bewusst männlich – von Frauen – abgesehen von Dr. Susanne Winter von der FPÖ – hört man kaum derartige Grobmanipulationen) eine vorbildhaft gewaltverzichtende Sprache: Kein Spott, keine Ironie, kein Zynismus, keine Unwahrheiten – nichts, was zur Hass-Sprache beiträgt, und wäre es noch so klein und angeblich lustig.

Das wäre der richtige, vor allem aber dringend notwendige Beitrag zu einer friedlicheren Welt.