Nekrophilie

Halt! Gewalt!

„Autolenker prügelt torkelnden Fußgänger“ lese ich heute im Kurier: Der betrunkene Mann war „beim Vorbeifahren“ gegen dessen Auto gestoßen. Der hielt daraufhin an und soll laut Augenzeugen den Mann auf die Straße geworfen, ins Gesicht geschlagen und ihm eine blutende Wunde zugefügt haben.

Eigentlich wäre es wohl angebracht gewesen, dem Alkoholvergifteten Hilfestellung zu leisten (auch wenn sich der vermutlich dagegen gewehrt hätte, wie das bei Nichtzurechnungsfähigen quasi als letzter Rest von Selbstbehauptung oft vorkommt) und dafür zu sorgen, dass er wohlbehalten nach Hause gebracht wird.

„Hüter meines Bruders“ – das sollten wir wohl alle lernen (vor allem auch Hüter der Schwester zu sein) um nicht in Kains Fußstapfen zu treten.

Erich Fromm bezeichnet es in seinem Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ als „nekrophil“, dass im Brennpunkt des Interesses des „heutigen Industriemenschen“ nicht mehr Menschen, Natur und lebendige Strukturen stehen, sondern  mechanische, nichtlebendige Artefakte (d. s. künstlich hergestellte Dinge). Er schreibt: „Überall in unserer industrialisierten Welt gibt es Männer, die für ihren Wagen zärtlichere Gefühle und ein größeres Interesse hegen als für ihre Frau.“ Das zeige sich auch darin, dass sie ihm sogar Kosenamen gäben – und das Fahrzeug vermenschlichen wie im Film „Knight Rider“.

Üblicherweise wird unter Nekrophilie die sexuelle Abirrung verstanden, Geschlechtsverkehr nur mit toten Lebewesen vollziehen zu können oder zu wollen. Erich Fromm erweitert diesen Begriff weg vom Vollzug hin zu emotionalen Bindungen.

„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, warnte schon Martin Luther (in Anklang am Matthäus 6,21).

Ähnlich denkt auch Erich Fromm weiter: Die Anbetung von Maschinen und von Geschwindigkeit lässt den Menschen aus dem Blickpunkt verschwinden, und das führt zu immer neuen gefühlsdistanzierten Vernichtungsmethoden … vor allem würde dadurch die Liebe zum Lebendigen vernichtet.