Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Ein Kinderchor, sichtlich lustvoll dirigiert – von wem? vom Schöpfer des Liedes? Bitte ein diesbezügliches Outing! – ist auf der Facebook-Seite des WDR mit einem „frechen“ Lied zu hören, Beginn „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ne alte Umweltsau.“ (https://www.oe24.at/welt/Meine-Oma-ist-ne-alte-Umweltsau/411087229) und es folgt ein Shitstorm … sogar das ehemalige enfant terrible unter den österreichischen Nationalratsabgeordneten (erst Team Stronach, dann ÖVP, dann „wild“ = ohne Klubzugehörigkeit), Internist Dr. med. Marcus Franz meldet sich mit der „Diagnose“ „linkgrüner Dreck“ und „Kindesmissbrauch“ zu Wort – und der Sender entfernt das Video. Auch bei meinen Mitarbeitern im Team ist dieser Song nicht gut, nämlich als ageistisch (analog sexistisch oder rassistisch) angekommen.

Bei mir nicht.

Auch wenn ich keine Freundin des deutschen Holzhammerhumors bin, finde ich das Lied als Protestsong geeignet, denn aus meiner Sicht diskriminiert es nicht Menschen sondern Verhalten. Und das finde ich gut so.

Nicht gut finde ich, wenn man sich ohne viel nachzudenken sofort in Empörung d. h. Angriff hineinsteigert – oder in Angst d. h. Flucht (wie der WDR) anstatt mit Erklärungen und Argumenten Stellung zu beziehen.

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Halt! Gewalt!

Als ich in den 1970er Jahren, kurz nach meiner Übersiedlung in den zehnten Wiener Gemeindebezirk, urplötzlich – weil ohne mich zu fragen – zur Favoritner Kommunalpolitikerin gewählt wurde, hörte ich viel Lobenswertes über die dort befindliche Neulandschule. Vorher hatte ich nie was von ihr gehört. Gesehen habe ich sie nie.

Heute Nacht habe ich den autobiographischen Roman „Fromme Begierden“ von Michael Amon (1954–2018) ausgelesen, der sich in zwei Säcken voll von alten Büchern befand, die mir eine Freundin vor einer Woche weitergeschenkt hatte, und war entsetzt, was der Autor von seinen Schuljahren im Internat der „Neuländer“ berichtet. Zwei Männer und eine Frau waren es, die sich als Muster „Schwarzer Pädagogik“ hervortaten, während die übrigen blind waren oder wegsahen. Er schreibt von einem: „Das Wissen um die Eigenheiten eines Menschen diente ihm lediglich zur Vervollkommnung seiner Terrormethoden. Er war ein Sadist. Das war sein Gewerbe. Wenn er strafte, ging es nie um Erziehung, sondern um Macht und Genuß an der Macht. Er hätte uns nie moralisch abqualifiziert, Moral war nicht sein Metier, es genügte ihm, unser Folterknecht zu sein. Aus uns bessere Menschen zu machen, war niemals sein Ziel. Im Gegenteil. Wirklich brave, folgsame Zöglinge, die nichts anstellten, keine Angriffsfläche boten, die wären ihm gar nicht recht gewesen. Da hätte er sich nicht ausleben können. Seine Erziehungsmaßnahmen hatten vielmehr das Ziel, uns zu neurotisieren, anfälliger und empfindlicher zu machen, damit uns seine Quälereien umso genauer trafen, wodurch er noch mehr Spaß hatte.“ (Seite 167 f.) Aber auch bei mir tauchten Erinnerungen auf: Im Sommer 1955 (in den Ferien zwischen erster und zweiter Klasse Mittelschule, wie die AHS damals hieß) musste – „durfte“ – ich einen Monat „zur Erholung“ in ein Ferienheim der Kinderfreunde am Attersee und habe dort ebenso miterlebt, wie andere Kinder die zweimal die Woche servierten Paradeissuppen und -soßen erbrachen und das Erbrochene wieder aufschlecken mussten. (Damals war nicht bekannt, dass manche Menschen den Farbstoff in rotem Gemüse oder Obst nicht vertragen – aber das ist keinesfalls eine Entschuldigung.)

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Halt! Gewalt!

Im Fachblatt Nature Human Behavior wurde eine Studie vorgestellt, berichtet orf online (https://www.orf.at/#/stories/3148469/), wonach Versuchspersonen die selben Personen „auf den ersten Blick“ auf Fotos besser bewerteten, je nachdem, ob ihre Kleidung auf Armut oder Reichtum schließen ließ.

Leider wurde in dieser Meldung nicht erwähnt, ob bzw. wie die Geschlechterdifferenz zum Tragen kam – denn ich will doch annehmen, dass sowohl die Testpersonen wie auch die Menschen auf den Fotografien nicht nur einem Geschlecht zugehörten. Denn so wie eine inhaltlich gleich lautende Fachaussage von Männer meist anerkennend beantwortet, bei Frauen jedoch oft gar nicht zur Kenntnis genommen wird, wird ein Mann in lässiger Kleidung nicht unbedingt als „Leichtgewicht“ eingestuft, eine Frau aber schon (außer es handelt sich um Frauen deren gesellschaftlichen Status man kennt – man denke nur an Queen Elizabeth II in Gummistiefeln und Kopftuch!).

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Halt! Gewalt!

Wenn man Gewalttaten zu ihrem Ursprung zurück verfolgt, kann man erkennen: Die Wurzel der Gewalt ist der Vergleich. Deswegen bezeichne ich auch das Geschehen zwischen Kain und Abel als „zweiten Sündenfall“. Das Wort Sünde kann von sondern wie absondern abgeleitet werden. Der erste Sündenfall – die erste Absonderung – wäre demnach das Herausfallen aus der konfliktfreien „Ein-heit“ (metaphorisch als Garten Eden symbolisiert) in die zwei-geteilte Welt (gut und böse, hell und dunkel, bei Mann und Frau kann man die analoge Reihenfolge schon in Zweifel ziehen …), und im zweiten wird Einheit als Alleinsein hergestellt, indem derjenige, der stört, beseitigt wird. Genau das ist das Problem – der Umgang mit dem, bei dem etwas anders ist als bei einem selbst.

Es ist schon erschreckend, wenn heutzutage – am Ende der zweiten Dekade des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung – noch immer gleichgeschlechtlich liebende Männer, seltener Frauen, in „Konversionstherapien“ gezwungen werden, um ihnen den „Dämon der Homosexualität“ auszutreiben (https://www.youtube.com/watch?v=HZvGcvT0csc&feature=youtu.be). Wozu? Um nicht mit eigenen bigeschlechtlichen Tendenzen konfrontiert zu sein? Oder aus bevölkerungspolitischen Gründen – um in einer Zeit der Völkerwanderungen die „Mehreren“ zu sein? Oder um nicht in Verdacht zu geraten, vielleicht selbst …?

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Halt! Gewalt!

[Um Missverständnisse zu vermeiden: Mir geht es hier um die Vorgangsweisen – nicht um die mir unbekannten Personen!]

Unter dem Titel „Estnischer Minister verspottet finnische Regierungschefin“ ist in den Salzburger Nachrichten (vom 18.12.2019, Seite 5) zu lesen, dass der estnische Innenminister Mart Helme (der rechtspopulistischen Partei RKRE) die Kompetenz von Sanna Marin als „Verkäuferin“ angezweifelt hat – sie hatte nämlich vor ihrem Studium (Verwaltungswissenschaften) im Verkauf gejobbt. Verkaufen zu können, ist nicht leicht – wenn man ein überheblicher, unfreundlicher oder auch spöttischer Mensch ist, das wissen alle, die schon mal als Kund*in (und damit auch als Wähler*in) von oben herab behandelt wurden, denn auch Politiker wollen ja ihre Ideologien oder wenigstens Wahlprogramme „verkaufen“ … oder auch sich selbst als „Stimm“ungskanone.

Was mich stört, ist, wenn eine Person auf irgendein nebensächliches Detail in ihrer Biographie fixiert wird – gleichsam ein verbaler Scheinwerfer dorthin gerichtet wird, wo man der Person Reputation zu nehmen hofft – wie z. B. bei Mag. Peter Sidlo, der wochenlang als „Bezirksrat“ – also dem löblichen Engagement in einem fast Ehrenamt – definiert wurde um ihn nachhaltig als inkompetent abzuqualifizieren (konkret einen einzigen Erfahrungsmangel ins Licht holte und alle bereits erworbenen Erfahrungen im Dunkel ließ) und erst als die Strategie des sozialen Mordes erfolgreich war, wurden nachträglich positive Begutachtungen öffentlich. Das erklärt, weshalb Politik oft als schmutziges Geschäft bezeichnet wird: Weil manche Bosnigel oder Kryptosadisten Freude daran haben, andere mit (ihrem dafür produzierten) Schmutz zu bewerfen. Das ist gezielte Gesundheitsschädigung – nicht nur für den (oft nicht einmal) „Konkurrenten“ sondern auch für dessen gesamte Familie und auch alle, die den gleichen Namen tragen. Ich hatte einst als Lektorin an der Universität Wien die Tochter eines aktuellen Ministers (der FPÖ) unter meinen Student*innen, und die bedankte sich einmal mitten in meiner Lehrveranstaltung, dass ich sie so wertschätzend behandle, denn im all den anderen würde sie angestänkert. Ich habe ihr geantwortet, ich hätte ja schon einige Male soziale Mordversuche überlebt und wisse daher, dass und wie das nicht nur die eigene Gesundheit beeinträchtige.

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Halt! Gewalt!

Es gibt verschiedene Verschwiegenheitspflichten – und alle fordern die persönliche Ethik der damit Belasteten heraus: Zu wem soll man halten – zu den Klienten oder zur Gesellschaft? Zum Chef oder zu denjenigen, die durch ihn geschädigt werden (könnten)? (Dabei denke ich an Julian Assange oder Edward Snowden.) Zu den Nahestehenden, für die auch das Zeugnisentschlagungsrecht vor Gericht gilt oder zu den Gesetzen (wie unzulänglich oder veraltet die auch immer sein mögen)?

In der sogenannten „konventionellen“ Ethik folgt man einfach der Vorschrift – in der „postkonventionalen“ Ethik hingegen dem eigenen Gewissen, aber: Gewissen erfordert auch Gewissensprüfung, daher Seelenruhe und Kritik der eigenen Motive, vor allem aber auch Impulse.

Psychotherapeut*innen wie auch christliche Pfarrer*innen (von den „religiösen Experten“ – so der wissenschaftlich korrekte Sammelbegriff – anderer Konfessionen weiß ich es nicht so genau) sind durch Verschwiegenheitspflichten davor geschützt, zur Preisgabe von Geheimnissen ihrer Klient*innen gezwungen zu werden. Es würde Vertrauen zerstören – und die Möglichkeit, das  Verantwortungsgefühl der Person zu stärken. Auch unbedachte Äußerungen im Erregungszustand zählen zu dem, was geheim bleiben soll – denn wenn das Gespräch erfolgreich geführt wurde, ist die Person nachher nicht mehr die, die sie vorher war, sondern ein besserer Mensch (und die Helferperson hoffentlich auch, nämlich verständnisvoller).

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Halt! Gewalt!

Donald Trump junior, so heute im Kurier zu lesen, habe Anhänger seines Vaters aufgerufen, 31 demokratische Angehörige mit Anrufen und Tweets zu bombardieren und habe dazu auf Twitter deren Kontaktdaten veröffentlicht, weil diese seinem Vater einst Unterstützung zugesagt aber dies nicht eingehalten hätten. (Kurier, 15.12., Seite 9:  „Trumps Sohn ruft zu ,Telefonterror‘ auf“.)

Mich erinnert dies daran, wie ich in der Zeit als ich Bezirksrätin der SPÖ in Wien Favoriten war und nächst dem Südtiroler Platz wohnte, von empörten Anrainern aus dem Nachbarbezirk Margareten mit wütenden Anrufen belästigt wurde, weil dort in der Gassergasse gerade das erste autonome alternative Kulturzentrum GaGa den Betrieb aufgenommen hatte. Die Entscheidung lag bei der Stadtverwaltung (Bürgermeister Leopold Gratz und Kulturstadträtin und Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner), subsidiär auch der Bezirksvertretung dieses – des 5. Wiener Gemeindebezirks – und nicht bei uns im 10. Bezirk. Aber mich kannte man halt als Sympathisantin sowohl von Autonomie in der Verwaltung, Alternativen in Problemlösungen und innovativen Kulturaktivitäten (sofern sie das Strafgesetz nicht verletzten), daher war ich eine geeignete „Sündenziege“ (= Sündenbock gegendert :-) ).

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Laut Wikipedia ist Chuzpe eine „Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit“ und stamme von dem hebräischen Wort mit den Bedeutungen „Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit, Unverschämtheit“. Meine Eltern – beide im 2. Wiener Gemeindebezirk, der sogenannten „Mazzes-Insel“, aufgewachsen, der so hieß weil hier vor dem Zweiten Weltkrieg der Großteil der jüdischen Bevölkerung lebte – außer man gehörte zu den Megareichen, dann residierte man in Ringstraßenpalais oder hochherrschaftlichen Villen in Hietzing und Döbling. Meine Mutter wohnte im „besseren“ Teil, in der Glockengasse, im Haushalt eines Baron von Ziffer-Teschenbruck, mein Vater hingegen im „minderen“ Teil am heutigen Max-Winter-Platz. Er war ihr Englisch-Nachhilfelehrer. Und er beherrschte bis zu seinem Lebensende 27 Sprachen – Deutsch war für den gebürtigen Tschechen die erste Fremdsprache, aber Hebräisch und Jiddisch waren auch dabei. (Während meines Theologiestudiums hätte ich ihn dringend gebraucht – die Prüfung in Bibelhebräisch habe ich erst beim zweiten Mal geschafft.)

Mit dem Begriff Chuzpe bin ich daher von klein auf vertraut. Chuzpe ist, wenn beispielsweise, Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Es wäre eine „Beziehungstat“ gewesen, sprach der Verteidiger des Mannes, der seine Lebensgefährtin mit sechs Messerstichen getötet hatte. (Salzburger Nachrichten, 14.12.2019, Seite 10.)

Vor vier Tagen war ich Teilnehmerin an einem „Runden Tisch“ (für die NÖ Bezirksblätter in gekürzter Fassung ab kommender Woche, und dann auch in originaler Langfassung online auf www.meinbezirk.at/3816210) mit der Niederösterreichischen Frauenlandesrätin Mag.a Christiane Teschl-Hofmeister und Brigadier Omar Haijawi-Pirchner, dem Leiter des NÖ Landeskriminalamts.

Dabei fiel auch der Begriff „Beziehungstat“ und ich sagte, Morde wären immer Beziehungstaten, denn zumindest im Augenblick jeder Tat bestünde ja eine Beziehung. Ich meine damit, dass sich die Aufmerksamkeit und Energie des Tatsubjekts auf das ausgewählte Objekt „bezieht“, auch wenn dies so spontan erfolgt wie etwa bei den zwei Morden bzw. vier Mordversuchen der sogenannten „Bestie von Sierning“ (der Name des 1993 Verstorbenen sei dem Vergessen anheim gestellt), der in den 1950er Jahren auf dem Fahrrad unbekannte Frauen überholte, mit einem Hammer niederschlug, vergewaltigte und tötete – „aus Hass auf alle Frauen“. Wie bei allen späteren Verbrechern wartete auch er auf eine (oder mehr) passende Gelegenheiten um seine Phantasiegebilde in die Tat umzusetzen.

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Halt! Gewalt!

Und wieder liegt ein Baby im Koma, weil es geschüttelt wurde.

Als meine Söhne Babys waren und ich damals alles zu Kinderpflege und -erziehung verfügbare las, tauchte der Begriff „Schütteltrauma“ weder in Büchern noch in Zeitungsartikeln auf – im deutschsprachigen Raum. Dabei war das Erscheinungsbild bereits damals – in den frühen 1970er Jahren – von einem Neurochirurgen beschrieben worden. Aber erst etwa zwanzig Jahre später ist es durch die generell einsetzbare Computertomographie rasch nachweisbar geworden. Doch was hilft es durch unaufhörlich schreiende Babys überforderten Eltern, wenn sie weder über die Gefahren des Schüttelns informiert wurden – etwa persönlich beim ersten Kontakt mit Säuglingskrankenschwestern, in Elternschulen oder bei den Pflichtkontrollen bei Kinderärzt*innen – noch über die Methoden, wie man Kleinkinder (und Menschen überhaupt, sich selbst eingeschlossen) beruhigt.

Es liegt wohl daran, welche Erfahrungen man selbst als Kind wie als Beobachtende gemacht hat, wie man in solchen Stresssituationen handeln sollte. Ich beispielsweise habe meine Babysöhne fast permanent in den Armen bzw. im Tragetuch herumgetragen, auch wenn sie nicht weinten, und dabei viel Kritik von meiner gestrengen Mutter zu hören bekommen, ich würde die Buben zu sehr „verwöhnen“. Vermutlich lag dieses mein spontanes Verhalten darin begründet, dass ich immer (also lange vor meinen beruflich erforderlichen Eigentherapien) sehr bewusst große Sehnsucht danach hatte, in den Armen gehalten zu werden wenn ich unglücklich war – aber von nur ihr, nicht von irgendwem.

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