Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Gewalt hat immer etwas mit Grenzüberschreitungen bzw. Grenzverletzungen zu tun – egal ob es sich um Körpergrenzen, Reviergrenzen oder Regeln (Anstandsregeln inbegriffen) handelt. Von struktureller Gewalt spricht man dann, wenn eine Person oder Gruppierung ohne gesetzliche oder vertragliche Ermächtigung Regeln aufstellt, die die geäußerte Selbstbestimmung anderer verletzen. (In Österreich, einer demokratischen Republik, sind Bundes-, Landes- oder Gemeinderegierungen durch die letzten Wahlergebnisse dazu legitimiert.)

In den 4-Tage-Seminaren „Gesprächsführung in schwierigen Situationen“, die ich in den 1990er Jahren regelmäßig für die Verwaltungsakademie des Bundes (und etlicher Landesregierungen) abhielt, pflegte ich immer zu Beginn die Frage zu stellen, wie es die Teilnehmenden mit dem Du-Wort halten wollten, und ein Tiroler sagte sofort, bei ihnen daheim sei man ab 1.000 m Seehöhe sowieso per Du – außer es ist jemand eine Respektsperson. Ob ich das auch wäre, fragte ich, und da dachte er lange nach und sagte dann, „Ja – schon.“

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Halt! Gewalt!

Wenn man etwas verbockt hat, gebietet es die Redlichkeit, dazu zu stehen; ob man dann erläuternde (da steckt das Wort „lauter“ s. lauter – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele | DWDS drin) Erklärungen dazu abgeben will, ist eine höchstpersönliche Entscheidung. Vermutlich würde so etwas als Versuch einer Rechtfertigung bzw. Entschuldigung interpretiert und nicht, wie ich deute, als Bemühen um eigene seelische Reinigung.

Nun wird man sehen, wie Christine Aschbacher, Ministerin für Arbeit, Familie und Jugend, mit den jüngst erhobenen Plagiats- und Undeutsch-Vorwürfen (Plagiatsvorwurf: Aschbacher unter Beschuss | DiePresse.com) reagieren wird, die ja nicht nur sie sondern auch die betroffene Fachhochschule Wr. Neustadt und Universität Bratislava betreffen. Aber: Sie zeigen eine Problematik auf, die ich unter die Überbegriffe Wohlwollen bzw. Übelwollen einreihe.

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Halt! Gewalt!

Es war wohl in der einstigen Zeitung „Tribüne“, dass der Karikaturist Much einen Cartoon gezeichnet hatte, in dem ein Polizist vor einer liegenden Figur stand samt einer Sprechblase „Jeder Warnschuss ein Treffer!“ (Irgendwo habe ich auf dem Dachboden noch ungeöffnete Übersiedlungskartons und dort meine Exemplare, aber jetzt keine Zeit zum Suchen, würde Stunden brauchen – und außerdem ist es dort zu kalt.)

Es liegt allzu nahe, sich zu empören oder durch „schwarzen Humor“ zu beruhigen, wenn jemand bei einem Polizeieinsatz zu Tode kommt wie heute eine 67jährige – vermutlich verwirrte – Frau  s. Pensionistin bei Polizeieinsatz erschossen – wien.ORF.at. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall vor Jahren irgendwo im 3. Wiener Gemeindebezirk, wo sich im Nachhinein herausstellte, dass der bedrohlich wirkende Mann an einer schweren psychiatrischen Krankheit litt.

Es wäre wohl anzuempfehlen, dass Polizisten in ihrer Ausbildung ein Praktikum auf einer psychiatrischen Krankenhausstation absolvieren, um sich die häufigsten Krankheitsbilder einzuprägen (wie es ja auch der Sinn jedes „Turnus“ ist) – und mittels Teilnahme an den Teambesprechungen auch mehr Interventionsmöglichkeiten kennen lernen als die „militaristischen“.

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Halt! Gewalt!

Resilienz sei „die Kunst der Anpassung“, wird im Standard vom 05.01.2020 (Seite 29) die Soziologin Stefanie Graefe (* 1966) zitiert (PressReader.com – Zeitungen aus der ganzen Welt), und sie meint, „schlechte Verhältnisse sollten wir positiv umdeuten“.

Diese und weitere Aussagen haben mich entsetzt – immerhin warne ich seit Jahren in meiner Publizistik davor, dass der gegenwärtige fast-schon-Mode-Begriff Resilienz als Forderung missbraucht werden könnte – so wie es im zitierten Artikel heißt, „dass Menschen Widerstandskraft trainieren können“.

Zu solchen Sichtweisen kommt es, wenn rein kognitiv – also vernunft- und theoriegesteuert – menschliches Verhalten als Erziehungsaufgabe betrachtet wird – anstatt als Ergebnis vieler unterschiedlicher Erfahrungen und ebenso unterschiedlicher Verarbeitungsmöglichkeiten. Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Das Wort „diabolus“ als einer der Namen für den „Geist, der stets verneint“ (vgl.  Mephistopheles – Wikipedia), leitet sich vom griechischen „diaballein“ ab, was – nach emotionaler Steigerung gereiht – „auseinander bringen, trennen, entzweien“, auch „Verwirrung stiften“ bedeutet.

Nur getrennte Ansichten zu haben, heißt noch lange nicht, sich zu entzweien bzw. zu bekämpfen – vorausgesetzt man bleibt dabei sachlich, „vernünftig“, lässt also die Vernunft walten und verzichtet darauf, sich in Affekte hineinzusteigern. „Der Ton macht die Musik“ unkt der Volksmund – zu Recht, denn Stimme macht Stimmung. Psychologische Kriegsführung beginnt daher bei Stimmungsmache – und die kann man gut an der Art von Atmung (z. B. Pfauchen, Schreien – aber auch den „überheb“lichen Ton anschlagen) beobachten: Menschen mit entgegengesetzten Ansichten sollten eingeschüchtert, „klein“ gemacht oder gar vertrieben oder ver“nicht“et werden.

Dass sich beim großen Tabuthema – alles rund um den Tod – noch immer die Geister scheiden, hat sich 2020 am Verfasssungsgerichtshofurteil zur Straffreiheit (und die bedeutet nicht Erlaubnis!) beim assistierten Suizid gezeigt, aber ebenso bei der wieder aufgeflackerten Debatte um die in anderen Ländern laufenden Bemühungen der Straffreiheit von Abtreibung bzw. deren Zurücknahme. Aber während sich hier die jeweiligen persönlichen Positionierungen meist auf intellektuellen Austausch im kleinen Rahmen beschränkten, wuchs sich die latent vorhandene Todesbedrohung durch das Corona-Virus zu einer – wie ich meine: beobachtbar inszenierten – Spaltung der Gesellschaft aus.

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Halt! Gewalt!

Wer erinnert sich noch an die Spötteleien, „Mein letzter Wille – eine Frau mit Brille“? Das war aber noch harmlos. Zu mir – damals 11jährigen – hat man „Glasscherben-Bongo“ gesagt, und ich habe jahrelang meine Brille in der Handtasche verborgen und nur im dunklen Kino aufgesetzt, und im Tageslicht bin ich herumgestolpert wie Marilyn Monroe in „Wie angelt man sich einen Millionär?“ (aber natürlich nicht so schön).

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meinen Ehemann kurz nach unserer Heirat 1968, als er – um mich wie üblich bevor er seinen Dienst im Pressedienst der Stadt Wien antrat an meinem Arbeitsort, der OeNB am Otto Wagner-Platz abzusetzen – von der Sinagasse kommend, wo wir damals wohnten, in der Nordbahnstraße links Richtung Am Tabor abbog, wo sich an der Ecke ein Gasthaus befand, warnte, „Achtung Einbahn!“ und er mich lachend aufklärte, dass ich das Coca-Cola-Schild neben dem Eingang missinterpretiert hatte … Meine Brille blieb dennoch in der Tiefe meiner Taschen.

Gottlob hat sich das geändert – hierorts Dank an Werbe-Ikone Nina Proll! – oder auch nicht? Liegt es daran, dass Brillen als Zeichen von Intellektualität (und vermuteten nächtlichen Lese-Orgien?) gewertet werden und diese Männern vorbehalten bleiben soll? So im Sinne von „Sei schön und halt den Mund?“ (Filmtitel aus 1958)?

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Halt! Gewalt!

In seiner Abhandlung über den Witz hat Sigmund Freud den Unterschied zwischen „tendenziösen“ und „tendenzfreien“ Witzen verdeutlicht: Während erstere dritte Personen herabwürdigen bzw. dem Spott preisgeben, fehlt diese Absicht erkennbar in den „echten“ spaßigen Bemerkungen, die auf Wortwitz oder beispielsweise heiteren Vergleichen basieren. (Mehr dazu in meinem Buch „Heilkraft Humor“.)

Früher haben verbale – oder auch manifeste – Gewalttäter sich mit „War doch nur Spaß!“ herauszureden versucht, wenn man ihnen Grenzen gesetzt hat. Heute berufen sie sich auf „Satire!“ und zeigen damit nur ihren mangelnden Mut, zu ihrer niederen Gesinnung zu stehen (und manchmal auch nur Einfallslosigkeit, welche ich bei nachfolgenden Beispielen vermute).

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Halt! Gewalt!

Traditionellerweise werden wir erzogen, in „richtig“ oder „falsch“ zu denken und so entsteht die Bildung von ideologischen Lagern, Feindbildern wie auch Hass und Krieg. In meiner Facebook-Echokammer formiert sich derzeit ein solch Lager mit dem Banner „evakuieren JETZT!“ (einer meine Söhne ist auch dabei) und meint damit die „anderen“ Lager – die in Griechenland. Als Ausdruck persönlicher Positionierung finde ich das wichtig – als „psychologische Kriegsführung“ aber nicht. Das habe ich bereits im September in meinem „Brief gegen Gewalt Nr. 68“ ausformuliert.

Es gibt nämlich auch andere – „dritte“ (und noch mehr) – Lösungen, weniger spontan-kindliche („Papa“ – Vater Staat – „soll“ …). Eine habe ich im Brief 68 aus meiner Familiengeschichte angeführt. Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Es war der 17. Dezember 1990, an dem Johanna Dohnal (1939–2010) als Frauenministerin angelobt wurde. Seitdem haben viele Frauen – und gelegentlich auch Männer (Herbert Haupt 2000–2003 in der schwarz-blauen Koalititon unter Wolfgang Schüssel und ab und zu vertretungsweise wenige Wochen Werner Faymann, Josef Ostermayer, Alois Stöger und einen Tag sogar Sebastian Kurz (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_österreichischen_Frauenministerinnen) – versucht, in den von ihr so gar nicht freiwillig zurückgelassenen großen Schuhen Fuß zu fassen, denn, wie die erste Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nikolay-Leitner im Interview anlässlich ihres Pensionsantritts konstatierte: „Sobald man eine Pause einlegt, gibt’s schon den nächsten Rückschlag.“ (Der Standard, 14.05.2018) Nur: Gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt es immer noch nicht, obwohl Nikolay-Leitner auch an dieser Stelle darauf hinwies, dass der Oberste Gerichtshof eindeutig festgestellt habe, dass der Arbeitgeber dafür verantwortlich ist, gleiche Leistung gleich zu bezahlen. „Die Verantwortung kann nicht den Frauen zugeschoben werden“ – beispielsweise mit dem Argument, sie würden halt schlecht verhandeln. Früher lautete das Allzeit-Argument, Männer müssten ja Familien erhalten (und oft genug mehrere) – wie wenn das etwas mit Arbeitsleistung zu tun hätte.

Wenn Frauen das Gleiche verlangten wie Männer, berichtete die Gleichbehandlungsanwältin, würde das als Anmaßung empfunden. Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Der Verfassungsgerichtshof hat das Kopftuchverbot in Volksschulen als verfassungswidrig aufgehoben (Weltanschauliche Neutralität: VfGH hebt Kopftuchverbot auf – news.ORF.at), weil in eine beliebige Religion eingegriffen werde, und das widerspräche der weltanschaulichen Neutralität des Staates.

Religionsfreiheit umfasst nicht nur das Recht auf Ausübung der gewählten Religion (erweitert auf das Elternrecht zu religiöser Erziehung, was ich nicht unbedenklich finde, weil dadurch Kinderrechte massiv verletzt werden können, wie ich von Personen weiß, die sich z. B. von den Zeugen Jehovas trennen wollten), sondern auch das Recht ohne Negativfolgen zu bekennen. Wie man das macht, bleibt der Selbstbestimmung überlassen – aber wer ist der Träger der Selbstbestimmung? Der/die einzelne Gläubige – oder die Religionsgesellschaft? Die Gründerperson? Eine unveränderbar gesetzte Tradition? (Damit ist nur eine demonstrative Aufzählung gemeint, keine taxative!) Und: Wird das Recht auf Selbstbestimmung verletzt, wenn eine dominante Religion allen anderen Raum nimmt (z. B. an der Wand eines Klassenzimmers)?

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