Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Eigentlich wollte ich meinem letzten „Brief gegen Gewalt“ Nr. 53, übergetitelt „Vorurteile“, zu dem tragischen Tod des 22jährigen und der häufigen Unterstellung von „Verweigerung!“ bei körperlichen Problemen durch Sportbeauftragte – aber umgekehrt deren Verweigerung von Pause, Abbruch oder ärztlicher Hilfe, den – angeblich, weil eigentlich sehr zynischen – Ärzte-Witz beifügen, in dem der eine Arzt zum anderen sagt „Der Simulant von Zimmer 4 ist gestern gestorben“, und der andere antwortet, „Na, so übertreiben hätt‘ er aber nicht müssen …“. Ich habe es dann jedoch bleiben lassen, weil es erstens unfair gewesen wäre gegenüber all der pflichtbewussten Ärzteschaft und zweitens herzlos gegenüber all denen, die um den 22jährigen Berufsschüler trauern (und als solidarische Mutter trauere ich mit).

Es scheint so, als hätten viele das rechte Maß aus den Augen verloren und schwankten zwischen Zuviel oder Zuwenig hin und her – und eine Masse von hassjohlenden Kritiker:innen nützt die Gelegenheiten zum anpöbelnden Mitschwanken, und das besonders, wenn die Zielscheibe Politiker:innen sind. Dabei diskreditieren sich ja all diejenigen selbst, wenn sie über-treiben, nämlich ihre Sündenböcke (missglückter Witz) und Sündenziegen (Gucci-Tasche) in die Wüste (des Wahlverlusts) schicken wollen.

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Halt! Gewalt!

Und wieder wurden körperliche Beschwerden einer der Obsorge anvertrauten Person ignoriert – und sie ist verstorben. Diesmal war es ein 22jähriger Berufsschüler bei einem Sporttraining in der Hitze, das letzte Mal war es ein Präsenzdiener auf einem Gewaltmarsch … aber der Ausbildungsverantwortliche hat die Beschwerden ignoriert, ja sogar mit Grobheiten („nicht deppert rumsitzen, sondern mitmachen“: Kurier, 13.07.2022, Seite 16: „Mysteriöser Tod eines Berufsschülers“) beantwortet.

Was soll dabei mysteriös sein, frage ich mich – außer dass hier ein schulisches Versagen mystifiziert werden soll: Keine Obduktion, ist in dem zitierten Artikel zu lesen – „mangels Zeugen“ (haben vermutlich die Verantwortlichen behauptet, dabei gab es an diesem 30. Juni (!) etliche Mitschüler:innen, die aktiv wurden), daher keine Ermittlungen der Polizei, und die Schuldirektorin „will zu dem tragischen Vorfall nichts sagen und verweist auf die Bildungsdirektion Wien“ – also möglichst weit weg und zwar nach oben hinauf in der Hierarchie, dorthin, wo die „Verwaltenden“ nur erfahren, was ihnen auf Nachfrage – mehrfach gefiltert – von ihren Untergeordneten geliefert wird.

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Halt! Gewalt!

Es gibt mehrere Arten von Entschuldigungen: Dazu gehören vor allem die in Österreich üblichen Präventiv-Phrasen wie „‘Tschuldigung schon, aber …“, mit denen quasi mit magischer Beschwörungsformel der Vorwurf einer Beleidigung abgewehrt werden soll.

Dann gibt es die unnötigen Rechtfertigungen, die darauf hinweisen, dass jemandem Schuldgefühle gemacht wurden – überaus beliebt als das permanente Erziehungsmittel zu gehorsamer Unterwürfigkeit (verstärkt durch zusätzliche Vergleichs-Vorwürfe z. B. mit Hinweis auf Geschwister oder andere Kinder – später die Partnerpersonen der anscheinend Erfolgreicheren – die sich dazu eignen, Reste vorhandener Selbstachtung zu untergraben).

Und dann gibt es die notwendigen Schuldeingeständnisse, wenn man tatsächlich Schuld auf sich geladen hat. Meine Klient:innen weise ich immer darauf hin, dass diese „echte“ Schuld – nämlich Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit – zu Gericht oder ins Beichtzimmer gehört, denn da braucht es Übernahme von Verantwortung und, wenn es noch geht, Wiedergutmachung. Strafe bringt jedoch keine Besserung – nur Befriedigung von Rachebedürfnissen an Stelle der schmerzlichen Trauerarbeit aller Beschädigten (Täterpersonen mitgemeint).

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Halt! Gewalt!

Am Keplerplatz in Favoriten haben acht, vermutlich arabische, Männer gegen 18.45 Uhr zwei junge Frauen eingekreist, begrapscht, und zwei davon verfolgten die Frauen als diese flüchteten, drängten sich in die Zufluchtswohnung und haben erst, als sie dort weggescheucht wurden, das Weite gesucht: Auf Flucht verfolgt – Junge Frauen von Männern umzingelt und belästigt | krone.at.

Was mich dabei interessiert hätte – und was ich von einer Reporterin (Christine Steinmetz) erwartet hätte – wäre die genaue Information gewesen, wie konkret die Männer aus der Wohnung vertrieben wurden: durch Schreie? Regenschirm? Besenstiel? Was haben Menschen denn so im Umfeld der Eingangstür? Oder durch einen Hund?

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Halt! Gewalt!

Wenn Oona Kroisleitner im Standard vom 30.06.2022, Seite 28, („Keine Dauerlösung“) die ehemalige Unterrichtsministerin (1995–2007!) Gehrer dafür kritisiert, dass sie einst Maturant:innen vor dem Lehramtsstudium warnte, während heute Lehrkräfte „Mangelware“ wären (mit diskretem Hinweis auf Corona-bedingte Ausfälle) und Sonderverträge, Einsatz von Student:innen und Pensionist:innen nur „Symptombekämpfung“, so geht das an der echten Ursache vorbei. Die beseitigt nämlich auch – Zitate – „pädagogische Expertise“ und ein „attraktivierter Karriereweg“ nicht.

Meine Erfahrung aus Beratung, Forschung, Supervision und Unterricht an der Univie (Didaktik der Gewaltprävention) sowie Universität für Weiterbildung in Krems (PROvokativpädagogik – nicht zu verwechseln mit der nachgefolgten Mogelpackung Provokationspädagogik) – und publiziert in den Büchern „Mut zum Unterricht“ (2007), „Feindbild Lehrer?“ (2009) und „PROvokativpädagogik – PROvokativmethodik“ (2017), alle erhältlich über www.aaptos.at  – hat klar ausgewiesen: Die Schülerschaft hat sich sozial gegenüber früher massiv verändert, und die Lehrerschaft ist darauf nicht vorbereitet.

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Halt! Gewalt!

Derzeit historisch hinten nach, titelt orf.online heute. Nach fünf Jahren: „MeToo“ erreicht auch Österreich [https://orf.at/stories/3272794/], in unbewusster – oder doch bewusster?, immerhin ging es da um den „heiligen“ ÖSV (Österreichischen Skiverband) – „Vergesslichkeit“ der mutigen Aufdeckungsarbeit von Nicola Werdenigg (die danach eine juristische und mediale Hexenjagd sondergleichen erlebte).

Aber ich glaube die Überschrift schon zu verstehen: Der Titel bezieht sich darauf, dass diesmal eine Schauspielerin und Regisseurin und noch dazu ganz konkret über zahllose erlebte sexuelle Zumutungen und Erpressungen das Wort ergriffen hat – und damit auch vielen Leidensgenossinnen „den Mund geöffnet“ hat.

Es ist erschreckend, dass im 3. Jahrtausend, gut 50 Jahre nach der großen Strafrechtsreform und Familienrechtsreform (an denen beiden ich als damals SPÖ-Mandatarin mitgearbeitet habe und diese Zeit des „Aufbruchs“ im wahrsten Sinn sehr vermisse), Partnerschaft – und die bedeutet immer Respekt und Solidarität im Verteidigen von Menschenwürde! – noch immer nicht dort angekommen ist, wo sie am dringendsten Not-wendig wäre: Bei Männern, die glauben, ihre sexuellen Phantasien in die Tat umsetzen zu müssen und zu dürfen.

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Halt! Gewalt!

Wir dürfen die sozialen Felder nicht den Hassenden und den Zornigen überlassen, schreibt Anton Grabner-Haider in seinem neuen Sammelband „Denken im Widerstand – Fake News und neue Ideologien“ (S. 41, Plattform Johannes Martinek Verlag, Mai 2022), und im gleichen Buch erklärt Manfred Prisching, dass Feinde Identität schaffen (S. 91).

Identität bedeutet für mich, ein sicheres inneres Selbstwertgefühl, das vor allem auch auf außen gelebten Werten basiert – beispielsweise dem bewussten Verzicht auf Hass. Etwas oder jemanden nicht zu mögen, genügt doch? Und diese „Selbstoffenbarung“ zu begründen, gestattet unsere in den Menschenrechtskonventionen verbriefte Meinungsfreiheit: Man bleibt „im eigenen Revier“ und formuliert, weswegen man sich bestimmten Bewertungen und Ideologien nicht anschließt oder auf größere Distanz geht, und die besteht oft im Austritt aus einem Verein, einer Partei oder einer Religionsgemeinschaft, in Auszug, Scheidung, Übersiedlung und oft hilft nur Emigration, um sich vor den Verfolgungen durch Feinde zu schützen.

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Halt! Gewalt!

Als ich noch Bezirksrätin in Wien Favoriten war (1973–1987) erzählte mir eine Genossin, vermutlich ein Jahrgang aus den frühen 1930er Jahren, die zur Zeit unseres Gesprächs in der Arbeiterkammer arbeitete, dass sie Ende der 1940er Jahre, Arbeit suchend am Arbeitsamt – heute AMS – vorsprach und zu hören bekam, sie sei doch hübsch, sie werde doch einen Herren finden, der sie erhalte (und dabei war nicht an Heirat gedacht).

Wir waren uns damals einig, dass diese gedankliche Entgleisung wohl der Erziehung der wohlangestellten Beraterin zuzurechnen sei, die halt noch im Zeitgeist des 19. Jahrhunderts dachte – so wie meine sehr geliebte mütterliche Großmutter, bei der ich während meines Studiums gelegentlich wohnte, und die jedes Mal, wenn mich ein Kommilitone abholte, nachher fragte „Na wär‘ der nichts?“ (nämlich zum Heiraten), aber daran dachte ich gar nicht, ich wollte mich beruflich beweisen und auch Karriere machen (war als einziges Mädchen „mit Dispens“ in einem altsprachlichen Gymnasium für Knaben, dort wurden wir ja daraufhin „programmiert“ – und dass das nicht für Frauen galt, habe ich erst in der damaligen SPÖ mitbekommen – heute ist es aber auch nicht viel anders).

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Halt! Gewalt!

Da postete jemand heute auf Facebook ein Bild aus einem Artikel vom Handelsblatt, aus dem abzuschauen war, dass es einen „Bildungstrichter“ gibt: Oben ist die Ausgangslage gleich breit für 100 Kinder, die einen aus Akademikerfamilien, die anderen aus Arbeiterfamilien, und darunter die jeweiligen Schulstufen bis zum Hochschulabschluss, und die Breite war bei den Akademikerkindern nur minimal verkleinert, aber bei den sogenannten Arbeiterkindern nur mehr winzig. (Kinder aus Nichtakademikerfamilien haben es in Deutschland schwer (handelsblatt.com))

Mir ging dabei einiges ab: zuerst die Unterscheidung in naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Studienrichtungen; weiters bei genau dieser Zweiteilung die Unterscheidung nach Geschlechtern; dann aber auch die Unterscheidung zwischen erstem und zweiten bzw. dritten Bildungsweg.

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Halt! Gewalt!

„Das Problem ist, wenn Ungleichbehandlung mit Abwertung verbunden ist“, schrieb die Grünen-Nationalratsabgeordnete Mag.a Faika El-Nagashi anlässlich der heurigen Wiener Regenbogenparade („Die Weiblichkeit wird abgesprochen“, Salzburger Nachrichten, 11.06.2022, S. 2).

In ihrem Buch (gemeinsam mit der Wiener Ärztin und SPÖ-Landtagsabgeordneten Dr.in Mireille Ngosso) „Für alle, die hier sind“ (Kremayr & Scheriau, 2022) schreibt es die ungarisch-ägyptisch-stämmige Politologin noch deutlicher: „Jede Partei hat ihre Versprechen. Bei den Grünen waren es für mich die von der Durchsetzung von Menschenrechten“ (S. 59). Dort heißt es in Artikel 3 EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention): „Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ – und das gilt nicht nur als Verbot für Staaten, sondern für uns alle, denn die Staaten, die die EMRK unterzeichnet haben, müssen dies auch durch nationalstaatliche Gesetze garantieren. (So erklärt sich auch die jüngste Anzeige gegen einen Elementarpädagogen, der angeblich ein Kind in die Toilette eingesperrt haben soll.

Da ist noch viel an Antidiskriminierungsgesetzgebung fällig, wie das stete Bemühen des engagierten Rechtsanwalts Helmut Graupner beweist – denn noch immer gibt es Bevölkerungsgruppen, die fern jeder Wissenschaftsinformation gleichgeschlechtliche Liebe ihrer fundamentalistischen Erziehung entsprechend für Krankheit, Verbrechen oder Sünde halten. Ich – die allen drei Berufen zugehört, in denen diese „Etikettierungen“ verteilt werden – sehe darin vor allem ein Instrument gezielter Bevölkerungs- und Kriegspolitik („Der Führer braucht Soldaten“).

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