Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Im Letzten Brief gegen Gewalt (Nr. 56) zitierte ich sieben Kommunikations-Merkmale, an denen man laut Gavin de Becker das Gewaltpotenzial anderer Menschen (aber auch bei sich selbst) erkennen kann. Ich brachte dabei einige Beispiele von Gewaltausbrüchen, nachdem den TäterInnen Grenzen gesetzt worden waren. Nicht alle wurden überlebt.

Diesmal möchte ich ein anderes Merkmal – „erzwungene Gemeinsamkeit“ – verdeutlichen. Gavin de Becker  nennt dabei den – unpassenden – Gebrauch des Wortes „wir“ zur Herstellung von Vertrauen so à la „Wir sitzen doch im selben Boot“. Schlüsselsätze dazu, die ich in meiner Praxis immer wieder berichtet bekommen habe, lauten „Du magst das doch auch!“ (z. B. bei sexuellen Grenzüberschreitungen) oder „Wir machen das alle so!“ oder „Wir waren doch immer so gute Freunde!“ (z. B. wenn jemand etwas nicht mitteilen will)  und letztlich sogar „Du würdest doch das Gleiche für mich tun!“ (z. B. wenn es um Geld geht).

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Halt! Gewalt!

Eine Frau (dass sie „Top-Model“ sei, ist unerheblich – ihre Gesichtsverletzungen in Hinblick auf ihren Beruf sind es schon) wurde schwerst misshandelt, weil sie den eingeschlafenen letzten Gast ihrer Home-Party aufgeweckt und aufgefordert hatte, heimzugehen (https://www.oe24.at/welt/top-model-auf-ibiza-brutal-verpruegelt/441819765?fbclid=IwAR09P17bFdgYE0ZDq3xaRLIAFNML4UT6h9pi5wtfBPc5V7oS05WCq_9LFAk).

Der – noch nicht rechtskräftig – zu lebenslanger Haft verurteilte Fünffach-Mörder von Kitzbühel gab im Zuge seines Geständnisses an, „die Zurückweisungen seien zu viel für ihn gewesen“ – nämlich „dass die junge Frau ihm gegenüber mehrfach klarstellte, dass die Beziehung für sie beendet sei und sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle“, ihn aber auch deren Vater vom Haus zweimal wegschickte und ihm auch ihr Bruder die Freundschaft aufkündigte. All deren Nein war ihr Todesurteil. (Der Standard 13. 08. 2020, S. 9)

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Halt! Gewalt!

Dass etablierte Parteien keine Freude haben, wenn ein – aus welchen Gründen auch immer nicht mehr in ihren Reihen „glänzender“ – „Stimmenfänger“ mit einer Neu-Partei-Gründung herausfordert, ist verständlich. Dass versucht wird, den für den Wahlantritt wesentlichen Wohnort mit gezielten Medienschlagzeilen in Frage zu stellen, auch – und auch, wenn sympathisierende Medien die antipathisierende Wählerschaft indirekt auffordern, die angebliche Verletzung des Meldegesetzes anzuzeigen (https://www.epaper-oesterreich.at/issue.act?mutationShortcut=CITYW&issueDate=20200805&issueId=744296).

Wo hat nun aber jemand wirklich seinen Lebensmittelpunkt? Dort, wo er schläft? Bei dem/r außerehelichen Geliebten? Am Arbeitsplatz, wenn er oder sie dort voll Freude – allen Arbeitszeitverkürzungsforderen gesagt: Ja, das gibt’s! – zwei Drittel des Tages verbringt? Wonne-Europäer, die mal da, mal dort leben – wie etliche KünstlerInnen? Wo hatte der unvergessliche Marcel Prawy seinen Lebensmittelpunkt? Im Hotel Sacher, wo er „lozierte“ – oder in der Staatsoper?

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Halt! Gewalt!

Als ich in den 1990er Jahren viel für die Verwaltungsakademie des Bundes trainieren durfte, nahmen an meinen 4tägigen Kommunikationsseminaren oft Beamte (nur männliche) der Finanzverwaltung teil, die Steuerprüfungen durchzuführen hatten. Sie beklagten, dass ihnen so feindlich begegnet wurde, obwohl sie doch nur ihre Pflicht erfüllten. Auf Nachfrage, welche Pflichten sie denn meinten, antworteten sie: Fehler aufdecken, Strafen aussprechen.

Ich entschied mich darauf zu einem „Reframing“, einer Technik aus der Systemtherapie, in der einfach durch Umformulierungen die „Umrahmung“ („frame“ bedeutet auf Englisch „Rahmen“, wie bei einem Bild), sprich die Sichtweise verändert wird: Auch als „Finanzpolizei“ wären sie doch „Freund und Helfer“ und ihre Aufgabe sei es, Informationen zu geben, wo Verbesserungsbedarf anfiele, damit in Zukunft Strafen vermieden werden könnten.

An diesen friedfertigen Blickwinkel musste ich denken, als ich in den Zeitungen der vergangenen Tage las, wie die Erkenntnisse des Verfassungsgerichtshofs zu den Kontaktbeschränkungen der ersten Wochen seit dem Wissen über die Corona-Pandemie berichtet wurden: als Triumph über Fehler der Regierung (https://www.oe24.at/coronavirus/verfassungsklage-auch-gegen-baby-elefanten/439396174). Weiterlesen

Halt! Gewalt!

Graz: Der einen jungen gut gepflegten aber nicht gechipten Katze wurde ein großes rechteckiges Stück Fell „mit präzisen Schnitten“ aus dem Bauch geschnitten (KURIER, 21. 7., Seite 15),  sie musste eingeschläfert werden – der anderen, älteren, bereits toten, hing noch das abgezogene Fell am Leib (Salzburger Nachrichten, 20. 7., Seite 13).

Puren Sadismus, einen Racheakt oder auch einen psychotischen Schub mit Wahnvorstellungen vermutet der Gerichtspsychiater Manfred Walzl im KURIER-Interview. Ich kenne aus meiner über 50jährigen Berufserfahrung als sowohl Juristin wie auch Psychotherapeutin noch andere Motive – aber alle wurzeln in bedrängenden Hassgefühlen, die „ausgedrückt“ werden wollen – nur eben nicht in Sprache, sondern in Taten. Sie beinhalten immer ein verdrängtes Gefühl von Unterlegenheit und Hilflosigkeit, das unbewusst mit einer Machtinszenierung kompensiert wird. Dazu zählen auch „Mutproben“ in Gruppen.

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Halt! Gewalt!

„Muttern“ ist eine soziale Tätigkeit, schreibt die langjährige US-amerikanische Soziologieprofessorin Nancy Chodorow (Universität Berkley): „Wenn ein Mann ein Kind allein aufzieht oder sich jedenfalls einem Kind gegenüber entsprechend benimmt, können wir sein Verhalten durchaus ,mütterlich‘ nennen.“ Und: „Mutterschaft ist also mehr als das Austragen eines Kindes. Es bedeutet, eine Person zu sein, die pflegt und erzieht. Es bedeutet, der primäre Elternteil oder die primäre Bezugsperson zu sein. Also können wir zu Recht fragen: Wieso sind Mütter immer Frauen?“ („Das Erbe der Mütter“, Verlag Frauenoffensive 1985, S. 20)

Diese der Gendergerechtigkeit verpflichtete Sichtweise hat in der gegenwärtigen 30. Kalenderwoche tragische Aktualität erhalten: So berichtet der KURIER am 21. Juli von einem Vater, der mit seinem zweijährigen (!) Sohn in der Rückentrage auf der Hohen Wand unterwegs war und beim Abstieg abstürzte (Seite 15), wobei „sich der Sohn eine blutende Kopfverletzung zuzog“ (man beachte die sprachliche Passivform!).

Am 22. Juli las ich dann in den Salzburger Nachrichten (Seite 13) vom tödlichen Absturz eines Sechsjährigen von der Drachenwand in St. Lorenz am Mondsee – er war offenbar ausgerutscht – wofür die Mutter (mit 18jähriger Klettererfahrung) nunmehr wegen grob fahrlässiger Tötung vor Gericht stehe. Die Gruppe bestand außer ihr noch aus deren Lebensgefährten und einem Freund.

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Halt! Gewalt!

Es war ein Posting der Burgenländischen grünen Landtagsabgeordneten Regina Petrik auf Facebook, durch das ich auf die mehr als befremdliche Karikatur der ehemaligen Universitätsprofessorin, Sektionschefin, Gesundheitsministerin und jetzigen SPÖ-Vorsitzenden Rendi-Wagner aus den OÖ Nachrichten als aus der Torte springendes Nummerngirl (https://m.oe24.at/oesterreich/politik/wirbel-um-sexistische-rendi-karikatur/436833455) aufmerksam wurde.

Ich postete dazu einen Satz, den ich immer wieder zitiere: „Ein Dieb sieht auch bei einem Heiligen nur die Taschen.“ Damit wollte ich die sexuell fixierte Geisteshaltung derjenigen Männer aufzeigen, die Frauen nur als Sexualobjekt oder Hausfrau wahrnehmen (wollen) – besonders ihnen an Wissen, Können und Karriere überlegene Frauen. Üblicherweise verteidigen diese Männer sich dann, sie wollten ja nur Witze machen oder mit „Satire darf alles“. Satire? Sie besteht laut Wikipedia in einer „Kunstform, mit  der Personen, Zustände oder Ereignisse kritisiert, verspottet oder angeprangert werden“ – nur gibt es an den aktuellen politischen Forderungen Rendi-Wagners wohl nichts zu verspotten. Sie sind eine Diskussionsgrundlage – und an solchen fehlt es derzeit, sowohl an Diskussion als an Grundlagen. Es soll also nur die Frau verspottet werden.

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Halt! Gewalt!

Da postete mir eine Frau aus der Gruppe der Wiener Politweiber als Kommentar auf mein Nachfragen bei einer anderen Frau mit meinem Zusatz „Versteh ich nicht“ mit – vermutlich – höhnischem Unterton: „Sie sind doch Psychologin – das müssen Sie doch verstehen!“

Abgesehen von dieser – wenn man den möglicherweise boshaften Unterton weglässt – häufigen kindlich-naiven Unterstellung, PsychologInnen müssten allwissend sein, zeigt sich in dieser Reaktion eine häufige Sprachverwirrung: Es wird dort „vermuten“ mit hier „verstehen“ gleichgesetzt – das ist es aber nicht.

„Das Verstehen ist eine besondere Art, auf Eindrücke, die wir erhalten, zu reagieren, eine besondere Art der geistigen Herrschaft über sie.“, schreibt der berühmte austroamerikanische Psychoanalytiker und Freud-Schüler Theodor Reik (1888 Wien – 1969 New York) in seinem Grundsatzbuch „Hören mit dem dritten Ohr“: „In der Psychologie könnte man sagen, dass das Verstehen eines anderen Menschen, das Begreifen der geistigen Prozesse in der Welt um uns herum, uns in bestimmter Weise erlaubt, die Reize, die wir durch die Existenz und das Verhalten der anderen erhalten, innerlich zu meistern, unsere Eindrücke in gewissem Sinne geistig zu assimilieren.“ (S. 278), denn „Verstehen bedeutet, ein Symptom, eine nervöse Störung [Anmerkung von mir: bzw. jedwede Äußerung] bis zum Ursprung zurückzuverfolgen, um herauszufinden, ob sie zum Verdrängten, Verleugneten oder Bewussten gehört, und zu erfassen, welche Rolle der unterdrückte Impuls oder Gedanke im psychischen Haushalt des Patienten einnimmt, welche Bedeutung er für seine Persönlichkeit hat und was seine Verbindung mit anderen Symptomen sind.“ (S. 258) Verleugnetes wäre beispielsweise Aggression gegen eine bestimmte Person – Bewusstes hingegen eine gezielte Provokation oder Beleidigung.

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Halt! Gewalt!

Im Brief Nr. 46 vom 16. Juni habe ich angekündigt, als Zeitzeugin noch einige aufklärende Informationen zur österreichischen Fristenlösung nachzuliefern.

Ich war 1969 das erste Mal – damals noch von der SPÖ-Bezirksorganisation Donaustadt – zur Wiener Frauenkonferenz delegiert und erlebte die Vertreterin des VSStÖ, die Psychologin sowie auch Soziologin Irmtraut Gössler (geb. Marsch, später Leyrer, heute Karlsson – Wikipedia stimmt da nicht!) – sehe sie noch vor mir, eine zarte junge Frau in einem roten Polo-Mini-Kleid; später wurde sie Abgeordnete zum Bundesrat, Nationalrat, Generalsekretärin der Sozialistischen Fraueninternationale und erfolgreiche Autorin – am Rednerpult, die leidenschaftlich „Mein Bauch gehört mir!“ forderte. Gemeinsam mit der nachmaligen Politologieprofessorin Eva Zgraja (später Kreisky) und der Soziologin Rosemarie Fischer (später Dorrer, heute Santha) gründete sie kurz darauf das „Aktionskomitee zur Abschaffung des § 144 StG“, dem auch ich (damals endlich mit meinem Erstgeborenen schwanger) angehörte und dessen Aktivistinnen auf öffentlichen Plätzen Unterschriften sammelten, damit Frauen in Notsituationen nicht mehr vor dem Strafrichter landen sollten oder auf dem Küchentisch einer „Engelmacherin“ verbluten – eine alte Forderung der Sozialdemokratinnen aus 1928.

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Halt! Gewalt!

Der Leiter des Sozialen Dienstes einer Justizanstalt hat der Gattin eines Inhaftierten 63 (!) SMS und ein Foto seines Penis geschickt, wie die Wiener Stadtzeitung FALTER öffentlich gemacht hat (https://www.falter.at/zeitung/20200623/findest-du-mich-schlimm?fbclid=IwAR0UoGQLAHE4nciLnCqY_e_2UmFZ2sUpP0iYc3yH9mJpu1HQ9TZGiMAoDYk).

Daraufhin wurde er kurz vom Dienst abgezogen, bald darauf war er wieder in Amt und Würden. Leider konnte ich nirgend die Begründung seiner Dienstaufsicht dafür finden, muss also fantasieren: Vermutlich haben Männer entschieden und fanden das nicht arg. Ist es aber.

Mir fällt dazu die Szene aus „Pretty Woman“ ein, in der der Berufspartner von Richard Gere Julia Roberts fast vergewaltigt, offensichtlich in der Meinung, dass sich eine „Bordsteinschwalbe“, sprich Prostituierte, alles gefallen lassen muss (selbst wenn sie nicht „im Dienst“ ist – aber auch dort gilt der „Arbeitsvertrag“). Ähnlich weiß ich von vielen Klientinnen, wie sie nach ihren Scheidungen von Kollegen belästigt wurden, die sich in die Ansicht verstiegen, der Frau den nunmehr (vermutet) fehlenden Geschlechtsverkehr „spenden“ zu müssen und nur schwer auf Distanz zu halten waren. Dafür sorgt jetzt der § 107 a gegen „Stalking“, d. h. beharrliches Verfolgen, auch mittels elektronischer Medien (https://www.oesterreich.gv.at/themen/bildung_und_neue_medien/internet_und_handy___sicher_durch_die_digitale_welt/3/1/Seite.1720720.html).

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