Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

„Für den einen bedeutet ein barsches Wort, der harte Ton in der Stimme oder schlichtweg das Versagen einer Antwort und der nicht erwiderte Gruß eine Kränkung.“, schreibt der Vorarlberger Suchtexperte und Gerichtspsychiater Reinhard Haller in seinem Buch „Die Macht der Kränkung“ (ecowin 2015, S. 21).

Als ich Anfang dieses Jahrtausends in Linz Sexualberater:innen ausbildete, kam ein Teilnehmer, damals noch Pastoralassistent, nach eineinhalb Stunden Selbsterfahrung in der Gruppe ganz verwirrt wieder ins Plenum zurück: Ihm sei bisher nicht bewusst gewesen, wie kränkend es für Frauen sei, wenn man auf Anrufe, SMS, Mails oder Briefe nicht reagiere – er fände das total übertrieben, er müsse und könne doch auch nicht immer sogleich antworten.

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Halt! Gewalt!

Im Mittelalter bemühten sich viele Menschen mit Hilfe von Erbauungsliteratur um ein heilsames Leben und Sterben – sie wollten ja mittels einer ars vivendi bzw. moriendi (Lebenskunst bzw. Sterbenskunst) in den „Himmel“ kommen und nicht in die „Hölle“.

Aus psychotherapeutischer Sicht ist der phantasierte „Ausblick“ auf eine Himmelfahrt beruhigend und Immunkräfte stärkend. Die Drohung mit Höllenqualen ist das Gegenteil – sie schwächt, insbesondere, wenn sie mit Bildern, auch sprachlichen(!), unterlegt wird. (Kinesiolog:innen können das mit dem Muskeltest ganz schnell nachweisen.)

Heute bedrängt eine Fülle von Horrorbildern die, meist auf die Kunst des energetischen Selbstschutzes unvorbereiteten Menschen, und macht ihnen Angst. Im Mittelalter war es die Angst vor der Pest und anderen Seuchen – heute, in Zeiten der weltweiten Überbevölkerung, ist es die Angst vor anderen Menschen, vor allen „ansteckenden“ oder potenziell „wegnehmenden“. Beistand brauchen beide Gruppen.

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Halt! Gewalt!

Am vergangenen Samstag (15.10.2022) wurde in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ die Beschwerde eines Rollstuhl-abhängigen Gastes behandelt, der sich vor dem Besuch eines renommierten Restaurants mehrfach nach den Bedingungen erkundigt hatte und dem jedes Mal „Barrierefreiheit“ zugesichert worden war. Diese hatte sich als Lift in den Keller – also Vermeidungsmöglichkeit von Stufen und Stiegen – erwiesen, aber nicht von den Bedingungen, die Paraplegiker brauchen, um selbständig aus dem Rollstuhl auf die WC-Muschel „überwechseln“ zu können.

Mir fiel sofort die Fehlverwendung des Wortes Barrierefreiheit – so hieße es im Gesetz, wurde in der Sendung erläutert – auf. Warum heißt es dort nicht „behinderungsgerecht“? Dass man Menschen mit Sonderbedarf nicht als „Behinderte“ diskriminieren will, finde ich ja richtig und wichtig – aber das Phänomen, dass die meisten von ihnen mehr Bewegungsraum brauchen (z. B. auch Menschen mit Sehbehinderungen! Oder allein schon mit Krücken!) – sollte allen, die sich für Bau-Experten halten, mittlerweile klar sein …

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Halt! Gewalt!

Spät aber doch – weil wieder terminisiert am Buch-Schreiben – möchte ich doch zum heutigen Tag der seelischen Gesundheit ein paar kritische Anmerkungen machen.

In den mir zugänglichen Tageszeitungen – die Salzburger Nachrichten liefert mir die Post noch immer nicht! Und das seit gut vier Wochen! – fand dieses wichtige Thema aktuell wenig Aufmerksamkeit – obwohl die jahrelange Mühe um einen Kassengesamtvertrag (und nicht nur Bundesländer-Kassenverträge) für voll ausgebildete Psychotherapeut:innen (und nicht nur für andere Psychoberufler:innen mit kurzen Zusatzausbildungen) dringend permanent thematisiert gehörte.

Hier wäre Transparenz der Verhandlungen dringend erforderlich!

Nur die wachsende Zahl seelischer Belastungen zum Thema zu machen, ist zwar theoretisch hilfreich gegen die Diskriminierung seelischer Störungen und Krankheiten – aber solange diese unter dem Schlagwort „Resilienz (seelische Widerstandskraft) trainieren“ indirekt als Mangel bzw. Schwäche „gerahmt“ und die gefühlsarmen „Härtlinge“ als Zielbild vorgegeben werden, ist es die Gesellschaft, die krank macht (oder auch ist).

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Halt! Gewalt!

Zum heutigen Wahltag für den nächsten Bundespräsidenten – leider kandidiert keine Frau, keine Helga Rabl-Stadler für die ÖVP oder Erika Pluhar für die SPÖ, aber der würde man auch ihr Alter vorhalten, da sie ja älter ist als Alexander Van der Bellen (78), und da auch ich gleich alt bin wie er, fühle ich mich bei solchen verbalen Untergriffen wie von der Donnerstag Abend auf ORF II offenbar gezielt zu dieser Frage motivierten Schülerin im Publikum, ob er nicht zu alt sei, ebenso mit diskriminiert … Ageismus heißt das.

Aber mir ist schon klar: Armin Wolf und Susanne Schnabl versuchen, mit Wertschätzung vermeidenden Fragen Neutralität zu inszenieren – das ginge auch anders – und für Infotainment zu sorgen und folgen damit dem Mainstream der – hohoho! – Grenzverletzungen.

Denn egal wie alt man ist – Klugheit wie auch Anstand sind keine Frage des Alters, sondern eher der Erziehung, und da heute die Medien miterziehen, verkümmert beides in der „flüchtigen Gesellschaft“ (Zygmunt Bauman).

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Halt! Gewalt!

Diese, die 39. Woche des Jahres 2022, steht wohl im Scheinwerferlicht der verkörperten Frauenverachtung:

Zuerst die Tötung einer 23jährigen Rumänin, zuerst als Escort-Dame (Kurier, 27.09.2022, Seite 19), dann als Prostituierte (s. u. Salzburger Nachrichten) bezeichnet – was ist der Informationswert, wie sie Geld verdienen musste? Eine meiner erfolgreichsten Lebensberatungs-Studentinnen, auch Rumänin, von Beruf in ihrer Heimat ausgebildete Sozialpädagogin, konnte nach ihrer Flucht in Österreich mangels anderer Arbeitsbewilligung nur im Bordell arbeiten.  (Zwischenzeitlich hat sie sogar ein Uni-Studium abgeschlossen.)

Es reicht doch: Eine Frau wurde ermordet.

Aber der mutmaßliche Täter wird als „Freier“ bezeichnet (Salzburger Nachrichten, 27.09.2022, Seite 17). Auch hier hätte „vermuteter Mörder“ genügt.

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Halt! Gewalt!

Da mein letztes Buch „Pflegen – ohne auszubrennen“ so großes Interesse fand, dass ich fast täglich etliche Bücher verschicken muss, weiß ich jetzt, dass man die Möglichkeit der Nachverfolgung des Postlaufs hat.

Leider kann ich aber nicht nachverfolgen, wo sich die von mir abonnierten Zeitungen befinden, die ich nicht erhalten habe. Im aktuellen September sah das bisher so aus:

  • Am Samstag, 03.09., keine Salzburger Nachrichten erhalten, auch nicht am Montag drauf, reklamiert, Nachsendung wurde beauftragt und durchgeführt, ist bis heute nicht eingelangt.
  • Samstag, 10.09.: SN ist im Postkasten, ich freue mich und warte auf die Nachsendung.
  • Freitag, 16.09.: treffe abends den Postboten vor dem Haus und frage ihn, er sagt, die Post stelle am Samstag nicht zu …
  • Samstag, 17.09: keine SN im Postkasten, auch Montag und Dienstag keine Nachlieferungen, ich reklamiere, Nachsendung wird veranlasst.
  • Donnerstag, 22.09.: keine SN, keine Furche, keine Nachlieferungen.
  • Freitag, 23. 9.: keine SN, keine Nachlieferungen.
  • Samstag, 24.09.: aktuelle SN ist sehr wohl im Postkasten.
  • Montag, 26.09.: reklamiere bei SN und Furche, Nachsendungen werden versprochen.

Jetzt frage ich mich: Geht es nur mir so? Oder nur meinem Wohnort? Oder gehört der jugendliche Postler zu denen, die die Zeitungen einfach wegschmeißt? Kommt ja öfters vor, wie man in den Zeitungen lesen kann … denn dass er diese Qualitätszeitungen aus Interesse selber liest, vermute ich eher nicht.

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Halt! Gewalt!

In meinem gleichnamigen Buch – erschienen im März des heurigen Jahres im Zuge der massiven Kritik an Joseph Ratzingers Schweigen als Münchner Erzbischof zu den Missbrauchsfällen in seiner Diözese (Trotz der Missbrauchsfälle: Schweigen im Vatikan | STERN.de) – habe ich versucht, das Schweigen von all denen, die ahnen, vermuten oder wissen, zu klären und erklären. Zum mangelnden Mut zum Ansprechen habe ich geschrieben: „Juristisches wie auch psychotherapeutisches Wissen samt kritischer Gegenpositionen wird noch immer der breiten Bevölkerung – besonders Kindern und Jugendlichen – vorenthalten (außer für Angstmache und Manipulation angepasst). Es gehörte altersgemäß aufbereitet in alle öffentlich kontrollierten Einrichtungen!“ (Seite 10.), und ich habe deshalb formuliert: „Weil wir alle Hirten sind“ – deswegen hat jede und jeder das Recht zu Vermutungen, Kritik und Protest – sie müssen nur als solche ausgewiesen und auch begründet werden.

Genau deswegen braucht es Modelle korrekter Formulierungen – vor allem, damit die Drohungen mit Verleumdungsklagen seitens der mutmaßlichen Täterpersonen obsolet werden: Verdacht kann nur durch Überprüfung beseitigt werden und Transparenz liefert das Vorbild für korrektes Umgehen.

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Halt! Gewalt!

Vorab: Das neue zweite Buch von Yvonne Widler, Leiterin des „Lebensart“-Ressorts der Tageszeitung Kurier, „Heimat bist du toter Töchter. Warum Männer Frauen ermorden – und wir nicht mehr wegsehen dürfen“ (Kremayr & Scheriau, € 24,–) ist das beste, was ich in den letzten Wochen gelesen habe – und ich lese fast täglich ein Buch. Jede Frau und jedes Mädchen sollte es lesen.  Es wird sie desillusionieren – und das ist nicht nur grundsätzlich wichtig, sondern eben oft auch lebensrettend.

Was mir – auch als bisher einzige österreichische Universitätsprofessorin für Prävention und Gesundheitskommunikation – besonders gefallen hat, ist die intensive Recherche – auch wenn sie Kritiker:innen an den auch hier wieder genannten Täter-Motiven wie mich, nicht befragt hat. Verständlich, Widler ist Journalistin und daher kann sie einen allfälligen Vorwurf mangelnder Objektivität ignorieren, wir Wissenschafter:innen nicht – und dem Verkaufs- und Besinnungserfolg des Buches, den ich ihr von Herzen wünsche, wird die „Parteilichkeit“ nützen, und das ist auch gut so, und wenn es auch nur einer Frau das Leben rettet – und auch das Gewissen.

So habe ich erst vergangenen Donnerstag mit einer 84jährigen Frau gearbeitet, die noch immer Schuldgefühle hat, dass sie sich als 16jährige aus Angst um ihr Leben ihrem Vergewaltiger (dem Taxilenker, der sie heimbringen sollte!) „gefügt“ hat. Ja, nicht der – nicht angezeigte, es waren die 1950er Jahre! – Täter hat „lebenslänglich“, sondern die Überlebende.

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Halt! Gewalt!

Am 10. September ist Weltsuizidpräventionstag und Anlass, dem Thema abseits der Berichterstattung über aktuelle Fälle dieser Form, aus dem Leben zu scheiden, Raum zu geben.

Dabei wird immer einerseits der „Werther-Effekt“ zitiert, so genannt, weil nach dem Erscheinen von Johann Wolfgang Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774), die der Titelheld durch Suizid beendet, die Anzahl von Nachahmungstaten zunahm.  Andererseits wird dies neuerdings durch Hinweis auf den gegenteiligen „Papageno-Effekt“ ergänzt, der sich auf die Szene in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ bezieht, in der sich der Vogelfänger Papageno das Leben nehmen will, weil er glaubt, seine künftige Frau Papagena ewiglich verloren zu haben, aber die „Drei Knaben“ erscheinen und erinnern ihn an das wundersame Glockenspiel, auf dessen Klang hin Papagena wieder erscheint. Mit dem Schlagwort vom Papageno-Effekt soll darauf hingewiesen werden, dass man Suizidgedanken mit Hilfe anderer Menschen überwinden kann.

So einfach wie in Mozarts Oper ist das aber nicht. Ich habe in meinem Buch „Komme was da wolle … Krisenkompetenz. Ein Beitrag zu Gewaltprävention, Resilienz und Salutogenese“ (edition roesner 2020, Seite 87 ff.) dieses Thema auch behandelt, und weil die Propagandisten des Papageno-Effekts anregen, Personen, die sich letztlich von dieser „Erlösungshoffnung“ befreien konnten, mögen davon Zeugnis ablegen, auch eine meiner eigenen Erfahrungen beschrieben.

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