Zutraulichkeit

Anfang Juli vergangenen Jahres war ich Teilnehmerin an der Eröffnungsdiskussion des Friedensfestes in Augsburg. Nach der Festveranstaltung gäbe es einige hundert Meter entfernt vom Rathaus noch Musik und Speisen zur weiteren Verschwisterung mit Menschen aus anderen Kulturen, lud uns „Promis“ das multikulturelle Veranstaltungsteam ein. Da war es ungefähr 21.30 Uhr, eine laue Sommernacht.

Die erste halbe Stunde ging es ziemlich förmlich zu, da sich leider niemand bemüßigt fühlte, die „Neuen“ – wie etwa mich – mit passenden GesprächspartnerInnen bekannt zu machen (was kompetente Gastgeber üblicherweise tun, die Besucherzahl war ja überschaubar). Um 22 Uhr bildete sich dann ein Kreis aus vor allem vermutlich einheimischen jungen Frauen (weil blond und langhaarig) und sichtbar fremdländischen jungen Männern (wahrscheinlich aus Afrika und dem vorderen Orient), die sich an den Schultern fassten und zu tanzen begannen. Solange ich dort war, war alles nachahmenswert friedlich, viele kannten sich offenbar aus der gemeinsamen Arbeit, und so wird es wohl auch weiter gewesen sein, zumindest hörte oder las ich nichts Gegenteiliges. Dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl – vielleicht eine paranoide Phantasie auf Grund eigener Erfahrung: Ich wurde im Juni 1960 als unberührte 15jährige von einem älteren Schulkollegen, und im November 1963 als 19jährige von einem afrikanischen Mitbewohner des Studentenheims, in dem ich ein Semester lang wohnte, vergewaltigt. In beiden Fällen hatte ich vertraut – kannte die beiden jungen Männer, hatte keinerlei Flirt, Plänkelei, Konflikt oder Streit mit ihnen – und wollte nicht unhöflich sein, als sie mich um Begleitung baten, damit ich ihnen bestimmte Orte in der Natur zeige.

Genau dieses Höflichkeits-Ziel war mein Fehler.

Ich hätte, meinem Gespür nach, fragen sollen, weshalb sie überhaupt Begleitung bräuchten, und von vornherein misstrauisch sein, warum es denn kein Mann sein sollte. Aber solche Gedankengänge waren mir fremd – niemand hatte mich informiert, dass es „geheime Absichten“ gäbe, darunter auch sexuelle, ich war naiv und voll Vertrauen in das Gute im Menschen. Und ich hätte auch über keine Sprachform verfügt, Ablehnung korrekt auszusprechen. Das hatten wir im Deutschunterricht im Gymnasium nicht gelernt … und ich vermute, dass es auch heute nicht gelehrt wird.

Ich habe unter anderem deswegen in den seither vergangenen über fünfzig Jahren studiert und geübt, wie man die subjektive Wahrnehmung korrekt ausdrücken kann.

In Augsburg voriges Jahre habe ich die beiden orientalischen (akademisch gebildeten) Männer, als sie mich zu dem zitierten Fest hinführen sollte und mir voranstürmten und mich alte Frau hinten nach stolpern ließen, freundlich darauf angesprochen, ich wüsste zwar, dass es  in ihrer Heimat durchaus üblich wäre, dass Frauen bescheiden hinter ihren Männern hergingen, aber sie mögen bitte darauf Rücksicht nehmen, dass es gerade für mich als Gewaltforscherin und für sie fremde Frau nicht akzeptabel wäre, wenn ich in diese „nachgeordnete“ Position gebracht würde. Daraufhin sprangen beide eifrig hinter mich zurück, und ich lächelte und sagte, es ginge auch nicht um Rollenumkehr, sondern um ein Gleiches Seite an Seite – und so war es dann auch.

Ich meine, wir brauchen alle genügend Misstrauen, um zu spüren, wann etwas nicht (mehr) stimmig ist – und dann ein Repertoire sprachlicher, im Notfall auch körpersprachlicher „Botschaften“ zur Grenzsetzung, wenn subtile strukturelle Gewalt gelebt wird.