Verzeihen

Halt! Gewalt!

Papst Franziskus bittet um Verzeihung für die Verbrechen pädophiler Priester im Zusammenhang mit dem Buch „Ich verzeihe Ihnen, Vater“ des Schweizer Ex-Priesters Daniel Pittet, für das er ein Vorwort verfasste.

In diesem Satz kommt viermal die Silbe „ver“ vor.

Laut Wiktionary markiert diese Vorsilbe das betreffende Wort als negativ oder schwierig oder sie beschreibt ein Fehlverhalten (da ist wieder „ver“ enthalten!) oder eine Veränderung (noch einmal!) bis hin zur Zerstörung (und anderes mehr). Jedenfalls lohnt es, zwischen dem blanken Wort und der Neubildung mit „ver“ sinnentschlüsselnd zu differenzieren – denken wir nur an sprechen und versprechen, trauen und vertrauen, lieben und verlieben usw.

Und jetzt das Wort verzeihen.

Vom althochdeutschen „zihan“ – zeigen, kund tun, auf einen Schuldigen hinweisen – stammend, besagt es, jemanden nicht mehr zu „zeihen“ – d. h. zur Verantwortung zu ziehen, zu beschuldigen oder gar anzuklagen.

Es ist ein „Zeitwort“ – nicht nur grammatikalisch sondern auch sinnhaft: Jemanden seines Fehlverhaltens wegen zu zeihen sollte nicht ewig wiederholt werden, denn dann blockiert man nicht nur dessen Entwicklung, sondern auch die eigene. Umgekehrt wäre es aber auch grundfalsch, sofort zu verzeihen – weil er oder sie so schön darum bittet, oder Angehörige oder Nahestehende dazu Druck ausüben, oder weil versucht wird, Schuldgefühle zu machen, „man könne doch nicht so herzlos sein“.

Ich hatte einmal im Villacher Festspielhaus (heißt das so?) einen Disput mit dem „Familienaufsteller“ und Ex-Ordensmann Bert Hellinger, der von der Bühne herab dozierte, Missbrauchs-Opfer müssten den Tätern verzeihen, weil sie sonst selbst Täter würden. Ich dagegen erklärte meine Erfahrung und Position, durch Gewalt geschwächte Personen müssten oft in jahrelanger psychotherapeutischer Begleitung ihre Kraft und Wut wieder finden, sich gegen ihre Gewalttäter abzugrenzen, und das sei eine eigenbestimmte Entwicklung und dürfe nicht ein Oktroy von „Besserwissern“ sein.

Hellinger ging übrigens auf meine Sichtweise nicht ein sondern begann ein thematisch völlig unpassendes Gedichtlein aufzusagen. Später fand ich diese „Methode“ als Abwehr-Technik in einem Selbstbehauptungsbuch für Frauen.

Verzeihen verstehe ich als einen hierarchischen Akt, in dem eine Person sich „gütig“ über eine andere erhebt. Ich halte das nicht für den richtigen Weg der Aufarbeitung von Fehlhandlungen. Richtig finde ich, dass sich die Betroffenen um Erkenntnis ihrer Paardynamik, Motive, Ziele austauschen – sofern das in einem respektvollen Stil möglich ist. Denn echte Gewalttäter wollen Sieger sein, koste es was es wolle, deswegen respektieren sie kein Nein und keinen Widerstand (nachzulesen bei Gavin de Becker, „Mut zur Angst“). Unechte Gewalttäter hingegen schrecken sofort vor ihrer eigenen Gewalttätigkeit zurück, üben Schadensbegrenzung und entschuldigen sich.

Genau deswegen muss Gewalt kundgetan – „geziehen“ – werden, sonst lernen Gewalttäter nichts, sondern denken „Entschuldige ich mich halt meinetwegen“ und ersparen sich die Metanoia (Umkehr).