Tabuthema Vergewaltigung

In Indien sind Vergewaltigungen seit 2012 um 60 % angewachsen. (http://orf.at/stories/2434939/2434940/) Und es werden Kinder – nicht nur Kinder – zu Tode vergewaltigt oder gleich getötet. Ein neues Gesetz sieht daher für Vergewaltigungen von Kindern unter 12 Jahren die Todesstrafe vor (bisher gab es maximal nur lebenslange Haft). Das Gesetz sieht vor – aber werden Polizei und die Richterschaft diese „Absichtserklärung“ auch verinnerlichen? Immerhin stehen für die Vergewaltigung und Ermordung der 8jährigen Muslima Asifa Bono 5 hinduistische Männer unter Verdacht, darunter 4 Polizisten und ein Hindupriester. Als Schuldige werden aber das (zwar abgeschaffte dennoch lebendige) Kastenwesen zitiert, das die Diskriminerung von Frauen gestatte,  die Vorbilder der Gewalt als angebliche Leidenschaft in Bollywood-Filmen, die Langeweile, Frustration sowie übermäßiger Alkoholkonsum – und ein Männerüberschuss von 37 Millionen. Dass auch dieser mit der verbreiteten Abtreibung weiblicher Föten wie der getarnten Ermordung von Frauen durch „Küchenunfälle“ zusammenhängt, wird verschwiegen.

Es ist beschämend für die ganze Menschheit, dass Frauen in vielen Kulturen noch immer nicht als gleichwürdige Menschen angesehen werden – aber es ist nachvollziehbar, warum manche Männer Frauen nur als Besitz und Eigentum, also als Sachen, wahrnehmen wollen: Die einen, weil sie sonst ihre völlige Machtlosigkeit erkennen müssten, die anderen, weil sie mit der Vielzahl ihrer „Sklavinnen“ die Größe ihrer Macht demonstrieren können, und alle, weil sie sicher sein können, dass sie im Betretungsfall mit der Krähen-Solidarität (die darin besteht, dass eine der anderen kein Auge aushackt) rechnen können. Denn wo bleiben die Proteste der Männer in der internationalen Staatengemeinschaft? Wo bleiben Sanktionen gegen den umbuhlten Wirtschaftsfaktor Indien?

Wer wagt es in der Männergemeinschaft, das Tabu zu brechen, den „Mann von der Straße“ als jenseits des Berufs (oder auch dort mit geheimen Belästigungen, Missbrauchshandlungen und auch Gewaltaktionen) als prügelnde, zustechende, fühl- und erbarmungslose Gewalt- bis Mordsbestie zu benennen? Und auszuhalten, dass man(n) auch selbst in Situationen geraten kann, diese zumindest in der Medienberichterstattung allgegenwärtigen Vorbilder ohne Selbstbesinnung „nachzuspielen“?

Wer wagt es in der Männergemeinschaft aufzuzeigen, dass fast kein Mann weiß, dass Gewaltopfer häufig „dissoziieren“, d.h. Körper und Bewusstheit trennen – ein unbewusster Überlebensmechanismus, vergleichbar dem Sich-tot-Stellen bei manchen Tieren? Und dass das nicht Zustimmung bedeutet? (Laut der kommenden Datenschutzgrundverordnung gilt Schweigen nicht als Einwilligung, lese ich im Standard vom 23.04.2018 auf Seite 12! Aber dort geht es nicht um „nur Frauen“!)

Wir sind ja Tiere auch, was unser Stammhirn betrifft – und das ziehen sexuell übergriffige Männer (und ihre Strafverteidiger) oft als Erklärung und Entschuldigungsargument heran, und damit den spontanen Trieben ausgeliefert … Nur: Wir Menschen besitzen auch ein Großhirn, und damit die Fähigkeit zu sprechen und in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und damit an Folgen und Verantwortlichkeiten zu denken – und das sollten wir auch benutzen! Genau das müssen wir, die Gesellschaft, einfordern: Gewalttäter sollen wahrheitsgemäß zugeben, dass sie andere Menschen, vor allem schwächere wie Frauen und Kinder, nicht achten und achtsam behandeln wollen und nicht so tun, als ob sie das nicht könnten.

Und das gilt auch für die Vertreter der Staatsgewalten.