Sturm säen

Noch-Arbeitskammerpräsident – das „noch“, weil er bereits seinen Rücktritt angekündigt hat – Rudolf Kaske, der sich auf Namenstafeln gerne als „Rudi“ verharmlosen lässt, hat wieder einmal Worte von sich gegeben, über deren Bedeutung man geteilter Meinung sein kann: Er zitierte „das Sprichwort“ (welches allerdings den Prophetenworten der Bibel, nämlich Hosea 8,7 entstammt) „Wer den Wind sät, wird Sturm ernten“.

Da musste ich daran denken, wie Kaske als Vorsitzender der Gastgewerbegewerkschaft Mitte der 1990er Jahre polterte, wenn das Arbeitslosenheer marschieren würde, würde die Republik brennen. Eine Drohung? Oder eine Warnung? Ich kann mich noch gut an den Tonfall erinnern – er war nicht eindeutig und mit Hilfe der „wenn – dann“-Formulierung in ein vages Zukunftsbild verschiebt.

Auch sein aktueller „Sager“ zu den Überlegungen der potenziellen Regierungsbildenden, die „Zwangs“mitgliedschaft (korrekt: Pflichtmitgliedschaft!) bei den Kammern abzuschaffen, zielt wohl darauf, bei den Rezipienten seiner Botschaft Unbehagen, Besorgnis, vielleicht sogar Angst auszulösen. Nur: Wer sät da Wind?

Wind – hebräisch „ruach“, altgriechisch „pneuma“, lateinisch „spiritus“ – ist ein Wort mit vielen Bedeutungen: Unter anderem bedeutet es auch Atem und auch Geist, vor allem den Geist, in dem etwas gesprochen, das heißt mit dem Atem und der Stimme aus dem Seeleninneren (dem Herzensbereich, durchaus im Doppelsinn dieses Wortes) nach außen transportiert wird.

Wenn Kaske also diesen Satz ausspricht, holt er einen „Geist“ in die Diskussion, der kein Fruiedensgeist sondern ein Kampfgeist ist – selbst wenn er – wohlwollend interpretiert – „nur warnen will“. (Das erinnert mich jetzt wieder an die verniedlichenden Hundebesitzer, die sogenannte Ängstliche sprich Realisten, die sich vor ihren Zähne fletschenden Hunden fürchten, mit „Der will ja nur spielen“ zu beruhigen versuchen.) Das ist beste Sprachmanipulation, wie sie im NLP (Neurolinguistischem Programmieren) gelehrt und zu guten, heilsamen, wie auch bösen, verwirrenden bis verstörenden Zielen genutzt werden kann: durch Sprachbilder Gefühle hervorzurufen – und damit womöglich vernünftige Diskussionen zu emotionalisieren.

Denn Kaskes Argument, es ginge nicht an, dass das gesamte Volk über die Mitgliedschaft bei AK oder WKO entscheide, und dass die Mitglieder der AK zur Kammermitgliedschaft stünden (https://kurier.at/politik/inland/ kaske-zu-kammern-wer-den-wind-saet-wird-sturm-ernten/300.204.572) folgt der Verhinderungslogik, Versicherungswilligen – es gibt auch andere, egal aus welchen Gründen, Armut beispielsweise – keine freie Versicherungswahl zu gestatten und enttarnt sich dabei als „Zwangsfürsorge“ für eine „entmündigte Bürgerschaft“.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich bin eine besonnene Anhängerin der Kammermitgliedschaften und war im Laufe meines Lebens sowohl Funktionärin in der Gewerkschaft (KMfB) als auch Wirtschaftskammer (Gründungsobfrau der LSB) und kann aus eigener Erfahrung (rechtsanwaltliche Vertretung in einem Arbeitsgerichtsprozess um vorenthaltene Autorenhonorare) dazu raten. Nur: Die Polarisierungen mit alten Feindbildern sollten der Vergangenheit angehören – das bedeutet nämlich gleich Sturm säen.