Spaßgesellschaft

Spaßgesellschaft sei des Gegenteil von Kritikbewusstsein, las ich einmal in der FAZ. Daran muss ich immer denken, wenn die aus meiner Sicht inakzeptabelsten Tabubrüche als Satire verteidigt werden.

In meinem 2016 erschienen Buch „Heilkraft Humor“ (Seiten 34 ff.) habe ich im Zusammenhang mit Jan Böhmermanns „Schmähgedicht“ gegen den türkischen Präsidenten Erdogan bereits die Frage behandelt, wo die Grenze von „lustiger Übertreibung“ zur Strafrechtsverletzung liegt, die ja immer auch Menschenrechtsverletzung bedeutet. (Ich hatte mich soeben vertippt und Bühmermann geschrieben – wie das Unbewusste so spielt … ja, die Assoziation Buhmann war in meinen Gedanken auch mit dabei.)

Gelungene Satire erfordert hohe Sprachmeisterschaft und ist eine Kunstfertigkeit. Jede plumpe Grobheit – wie etwa den aus der christlich-sozialen Wertegemeinschaft stammenden Bundeskanzler Sebastian Kurz als Baby-Hitler zu bezeichnen und sogar noch als „endlich mögliches“ Attentatsopfer zu skizzieren – als Satire zu „verkaufen“, zielt auf das Lachen der Hasser. Oder der ganz Dummen – derer, die aus der Verlegenheit geistiger Überforderung heraus lachen. Unser Deutschprofessor im Gymnasium pflegte in solchen Situationen immer trocken festzustellen: „Da lacht die Dummheit!“ Leider hat er nicht erklärt, wie eine kluge und ernsthafte Reaktion lauten sollte. Das gehörte aber meine Ansicht nach in den Sprach- und Literaturunterricht und besonders heute, wo die Sprachverrohung vor allem in den soziale Medien krebsartig auswuchert. (Ich gebe gleich solch ein Beispiel: Es würde reichen zu sagen, „Ich merke, sie wollen das ins Lächerliche ziehen. Ich finde das aber nicht richtig, weil zu ernst.“)

Es fehlte jetzt nur noch, die widerlichen Liedtexte im Gesangsbuch der Wiener Neustädter Burschenschaft Germania auch als Satire zu behübschen! Allein die Tatsache, dass jemand lacht, bedeutet ja noch lange nicht, dass das Vorangegangene lustig war. „Lustig“ hier als absolute – das meint als objektiv behauptete – Aussage angesprochen im Gegensatz zu „lustvoll“, was auf das subjektive Empfinden hinweist. Es gibt auch Lachen als Abwehr – Abwehr von Nachdenken, Besinnung, Ertragen von Scham und Schuld … und das zeigt sich oft dann, wenn jemand Unbelehrbarer protestiert, jedermensch hätte doch das Recht der Meinungsfreiheit, etwas lustig zu finden. Meinungsfreiheit ist etwas mentales, innerliches. „Meinung“ verändert sich und nimmt an Größe, Gewicht, Energie und Suggestivkraft zu, wenn sie „geäußert“ und multipliziert wird – und damit wächst auch die Verantwortlichkeit für die Folgen.

In meinem Buch „Heilkraft Humor“ habe ich den Wiener Schauspieler und Kabarettisten (und promovierten Theaterwissenschaftler) Alfred Dorfer zitiert, der im Standard von 13./14.  Juli 2016 auf die Frage nach seiner Sicht zu Böhmermann und der Freiheit der Satire sagte: „Wenn wir von Freiheit reden, reden wir automatisch von Verantwortung.“, und zusetzte, dazu gehöre auch die Verantwortung, Folgen abzuschätzen. Zu diesen Folgen zähle ich nicht nur die Reaktionen im Ausland oder in den Staatsanwaltschaften, sondern vor allem in der eigenen Seele: Hass verengt, nicht nur die Wahrnehmung und die Denkmuster, sondern vor allem auch die Blutgefäße und da besonders die im Herzkranz.