Pathogene Bilder

Derzeit sind Plakate der Roten Nasen affichiert, auf denen ein kahlköpfiger Clowndoktor ein kleines Mädchen Wange an Wange „verführerisch“ anlächelt, und das Kind reißt den Mund auf — lachend? Oder erschreckt? Es liegt wohl an den Erfahrungen der jeweiligen Betrachtenden, was sie ins Bild hinein interpretieren.

Mir hat das Foto unangenehme Gefühle beschert — nicht wegen des Sujets an sich, sondern wegen des Blicks des Clowns. Er ist „stechend“ — oder wie Körperpsychotherapeuten sagen würden: „invasiv“, also eindringend.

Blicke können unterschiedlich Energie abstrahlen: Das „fade Aug“ fast keine, der „eiskalte Blick“ Distanz oder gar Verachtung, der „warme“ Blick Mitgefühl oder Zuneigung, der „Herzerlblick“ Verliebtheit, der „hungrige“ Blick Begehren oder sogar Gier etc. Und dann gibt es Blicke — und ebenso Anblicke — die Energie — Kraft und Stärke — nehmen. Dr. John Diamond, behavioraler Kinesiologe, beschreibt in seinem Buch „Der Körper lügt nicht“, wie man mit dem einfachen Muskeltest nachweisen kann, welche optischen Reize schwächen und welche stärken. Bei dem in den USA häufig in ländlichen Wohnstuben zu findenden Bild „Amerikanische Gotik“ von Grant Woods ist es die Heugabel, deren Anblick schwächt (S. 137), bei dem bekannten Porträt von Abraham Lincoln sind es seine Augen (S. 96). Diamond bezeichnet sie als Sanpaku-Augen — vom japanischen „san“ drei und „paku“ Seiten: Augen, bei denen links rechts und unten das Weiße des Augapfels sichtbar ist. 2006 gab es Plakate für die Wiener Festwochen, auf denen Mozart und Sigmund Freud solche nach oben verdrehte Augen aufwiesen — aus kinesiologisch-energetischer Sicht ein Radikalanschlag auf die Gesundheit aller, die hinsahen.

Werbegrafiker sollten mehr darüber wissen, was mit solchen Verfremdungen angerichtet werden kann.

Wenn man derzeit vom Osten kommend nach St. Pölten einfährt, kommt man an der lokalen SPÖ-Zentrale vorbei. Dort steht ein riesengroßes Plakat mit den Konterfei des neuen Landesvorsitzenden Franz Schnabel — zähnebleckend. Die entblößten Zähne sollen wohl Lächeln signalisieren (die Augen lächeln aber nicht mit!). Bei mir hat das Erinnerungen an Richard Kiel, den „Beißer“ in James Bond-Filmen wach gerufen. Ich versuche jedes Mal wegzuschauen, damit ich meine Kraft nicht verliere. Das ist aber sicher nicht das Ziel dieser „Werbung“ …