Von Christian Morgensterns (1871–1914) Gedichten ist vor allem ein „Palmström-Vers“ bekannt, in dem der Titelgeber von einem Wagen überfahren wird, sich juristisch schlau zu machen versucht und entdeckt, dass dort ein Fahrverbot bestand, er daher den Unfall geträumt haben müsste. Daher schließt das Gedicht mit dem berühmten Satz: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

An diesen Satz musste ich denken, als ich im Kurier (24.08.2018, Seite 2) las „Anhaltende Kritik: Ein Mann, sieben Funktionen“.  Untertitel: „Harald Mahrer: Rote sprechen von ,Postenschacher‘, Macht des Notenbank-Präsidenten ist relativ“. Dass die SPÖ sich aus welchen Gründen auch immer (Rat der Spin-Doktoren?) entschlossen hat, ihre Oppositions-Rolle leider nur als ewige Nörglerin anzulegen, hat sich im vergangenen Halbjahr der türkis-blauen Regierung deutlich gezeigt: Das will ich als deren Strategie respektieren. Was ich aber nicht unwidersprochen lassen will, ist das Phänomen, worauf sich der Postenschacher-Vorwurf bezieht. Den kenne ich nämlich aus der Zeit, als ich noch Mandatarin der SPÖ war, nur zu gut: Wenn jemand „gefördert“ werden sollte, wurden ihm (nie ihr) viele Funktionen „zugetraut“ (d. h. entsprechend paktiert), damit er möglichst viele Anhänger (d. h. künftige Wählerschaft) gewinnen konnte – wollte man jemand verhindern, egal wie kompetent er war, rief man Postenschacher oder Funktionsvielfraß und unterstellte ihm Karrieregeilheit oder Ärgeres.

Ich habe das selbst auch erlebt, als mir peu à peu insgeamt zehn Parteifunktionen zugewachsen waren (alle unbezahlt, nur bei einer, dem Bezirksratsmandat, gab es später – nicht von Anfang an – eine Aufwandentschädigung): Nicht dass ich diese Vorsitze und Vorstandsmitgliedschaften angestrebt hätte, ich wurde einfach gewählt (oder auch „entsendet“), denn ich hatte als junge Mutter in Karenz einfach mehr Zeit, vor allem abends, wenn mein Mann die Kinderpflege übernehmen konnte (und ich froh war über die intellektuelle Abwechslung zum trivialen Popo-Putzen und Windelwaschen). Es waren außerdem meist nur zwei, drei Sitzungen im Monat – und auch dann, als ich wieder in den Beruf zurückgekehrt war, zeigte sich: Vor allem Denkarbeit ist für die, die sie gewohnt sind, keine Belastung, weil man sie ohnedies immerzu leistet – und bei allem anderen durch Mitarbeiter unterstützt wird. Aber noch Jahre später, als ich mich schon längst aus all den Funktionen verabschiedet hatte, wurde mir grenzenlose Karrieresucht unterstellt – aber nur von denen, die wähnten, ich wäre so wie sie.

In Rossinis „Barbier von Sevilla“ singt der schurkische Musiklehrer Basilio die sogenannten Verleumdungsarie: Leise wie ein kaum hörbares  Lüftchen werde ein Gedanke ausgesprochen und wachse von Zungen zu Zungen immer lauter immer lauter bis zum „Brüllen von Kanonen“ … (https://www.youtube.com/watch?v=LTgWL-2WSMQ). „Es wird schon was hängen bleiben“ lautet die Hoffnung derjeniger, die wider besseres Wissen bei „den anderen“ Brillanz oder auch nur Einfluss verhindern oder zumindest verekeln wollen – vielleicht weil sie fürchten, zu ihren Ungunsten – „Wieso kannst du nicht was der/die kann?“  verglichen zu werden. Und wie ich immer wieder betone: Die Wurzel jeder Gewalt ist der Vergleich, die Kain-Abel-Falle.

Als Begleiterscheinung wurde in dem zitierten Medienkommentar auch Mahrers „Multitasking“-Fähigkeit angespöttelt. Aber das Thema bearbeite ich im nächsten Brief (Nr. 68).