Briefe gegen Gewalt

Halt! Gewalt!

Auch ich war früher – als ich noch Kommunalpolitikerin, Mandatarin und Landtagskandidatin einer politischen Partei in Wien Favoriten (das damals als „die drittgrößte Stadt Österreichs“ politischen Führungsanspruch erhob) an Wahlen eingesetzt, allerdings nie als Wahlbeisitzerin. Das war mein Ehemann, einige Male sogar Wahlleiter, denn er war Gemeindebediensteter – und daher bekam er auch eine finanzielle Abgeltung für diese Arbeit, und das war damals gar nicht so wenig (und für uns junges Ehepaar mit kleinen Kindern eine große Wohltat). Ob er dafür eingeschult worden war, weiß ich nicht … ich jedenfalls saß ungeschult aber angeleitet in den Räumen der Bezirkspartei und musste regelmäßig in den Wahllisten abstricheln, wer von den Parteimitgliedern bereits gewählt hatte. Das wurde uns regelmäßig von Kolleg_innen, die in die Wahllokale nachfragen gingen, mitgeteilt – und um 16 h, eine Stunde vor Wahlschluss, begannen dann die „Schlepper“ diejenigen Parteimitglieder aufzusuchen, die noch nicht zur Wahl gegangen waren. Dass sie natürlich „die Partei“ wählen würden, galt als unbestritten … war es aber nicht, wie ich immer wieder vertraulich erfuhr.

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Halt! Gewalt!

Es wären vor allem die Älteren in ländlichen Umgebungen Englands gewesen, die für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt hätten, meldeten die Zeitungen nach dem „Sieg“ der EU-Gegner nach der Volksabstimmung. Junge, Städtische und Gebildete hingegen hätten für den Verbleib gevoted.

Das wundert mich nicht: Es ist ein Unterschied, ob man im Austausch mit anderen Gleichaltrigen aus ganz Europa und darüber hinaus aufgewachsen ist – oder mit den traditionellen Feindbildern des 20. Jahrhunderts, die durchgängig von Nationalismus geprägt waren.

Nationalismus betrachtet die WIR als überlegen und die ANDEREN als all das, was man bei sich selbst nicht wahrnehmen will.

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Halt! Gewalt!

Nach dem Mord an der britischen Labour-Abgeordneten und Brexit-Gegnerin Joanne Cox wird gerätselt, ob der „Britannien zuerst!“- Ruf des Mörders drauf schließen lässt, dass dieser ein Werkzeug der gleichnamigen Politgruppe sei. Fanatiker hat es immer schon gegeben – und manche hielten sich für ein auserwähltes Werkzeug Gottes, was auch immer sie unter Gott verstanden haben mögen. Vielleicht nur ihren inneren Zwang.

So berichtete auch der Bruder des verhafteten Mörders von dessen langwährenden psychischen Problemen. Dennoch erkennen wir bei diesen Überlegungen das Denkmuster, eine einzige Ursache für solch eine Untat zu suchen, zumindest aber Auslöser in der Vergangenheit. Würden wir diese erkennen, so wähnen wir, könnten wir uns schützen.

Aber das können wir nicht. Leider.

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Halt! Gewalt!

Die körperlichen Effekte des Sprechens überschreiten die Absichten des Sprechers, betont die amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler in ihrem Buch „Hass spricht“ (aus 1997!), und sie würden die Frage nach dem Sprechakt selbst als einer Verbindung von körperlichen und psychischen Kräften aufwerfen. Sie zitiert auch Pierre Bourdieu, wonach Normen den Habitus des Körpers stilisieren und kultivieren – den kulturellen Stil seiner Gestik und seines Verhaltens.

Jeder Dirigent kennt seine energetische Körpermacht, Kraft zu lenken (deswegen waren ja auch Frauen so lange vom Dirigat ausgeschlossen – sie könnten zu viel „Magie“ des stummen Führens mitbekommen) und die Wirkung von Schauspieler_innen (oder auch Lehrer_innen, Pfarrer_innen und Politiker_innen) hängt auch davon ab, ob sie „über die Rampe“ – oder über den Bildschirm –  „rüber kommen“. Wer das kann, löst Begeisterung, Gefolgschaft oder aber Angst und Abwehr aus.

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Halt! Gewalt!

Es gibt Phänomene, die hält man in Zeiten der political correctness für längst  verschwunden, „No go“ sozusagen.

Dazu gehören verächtliche Bezeichnungen für Menschen, die den von den dominanten Gesellschaftsschichten missachteten Minderheiten zugehörten – schwarze Sklaven in Amerika, nichtsesshafte Roma und Sinti in Europa. Dazu zählen aber auch gleichgeschlechtlich orientierte Menschen; die wehrten sich in der gay-pride-Bewegung gegen diskriminierende Bezeichnungen dadurch, dass sie diese einfach mit umgekehrt selbstbewusster Betonung verwendeten: „Ich bin schwul und das ist gut so!“ Ebenso suchten Menschen mit Handicaps nach neuen Worten; ich erinnere mich noch, wie der Diplomsozialarbeiter Manfred Srb – in den 1980er Jahren mein Kollege im Verein Jugendzentren der Stadt Wien und später Nationalratsabgeordneter der Grünen – hinten auf seinem Rollstuhl ein Transparent „Ich bin behindert“ angebracht hatte, wobei „bin“ durchgestrichen und durch „werde“ überschrieben worden war.

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Halt! Gewalt!

Beim heutigen Europa Forum Wachau im Stift Göttweig wurde darüber diskutiert, ob und wie „Regionen“ in Krisensituationen bei Krisenbewältigungen hilfreich sein könnten, und flugs entstand eine Diskussion darüber, ob man „Länder“ wie in Österreich als „dritte Ebene der Verwaltung“ brauche oder vielleicht doch mit nur zwei – Kommunalverwaltungen und einer einzigen Zentralverwaltung – auskommen könne. Nur Österreich, Deutschland und Belgien hätten „Bundesländer“ – alle anderen EU-Staaten nicht …

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Halt! Gewalt!

Der von mir – wegen seiner vorbildlichen Art in Anwesenheit der Delinquenten voll Respekt seine Gutachten zu referieren – sehr geschätzte Gerichtspsychiater Reinhard Haller – in der Zeitung Kurier von heute zum „Kriminalexperten“ erhöht obwohl er kein Jurist ist – erklärt den Amoklauf des 27jährigen, der „nach einem Streit“ mit seiner Freundin eine Waffe aus dem Auto geholt und wild in die Besuchermenge der Nenzinger Bikerparty geschossen und zwei Menschen getötet und etliche schwer verletzt hatte, mit „Kränkung“ (dazu hat er ja auch sein jüngstes Buch verfasst) und „Ärger“. Und er verwendet den Begriff „das Abnorme“.

Ich finde diese Formulierungen in die Irre führend.

So abnorm ist blinde Wut leider nicht – das zeigen die vielen „blindwütigen“ Kindesmisshandlungen, Rachevergewaltigungen oder auch Folter als Strafe für „mangelnden Gehorsam“. Denn auch wenn Selbstbeherrschung als Norm vorgegeben wird, ist sie doch nur ein Ideal, für das Vorbilder und Anleitungen fehlen.

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Halt! Gewalt!

In der ersten Klasse Volksschule, irgendwo in Niederösterreich, erzählt mir eine Mutter (Namen sind mir bekannt), gibt es bei ihrem Kind einen Mitschüler, der Drogen ins Schulhaus bringt und der Mitschülerschaft sagt, wenn ihre Eltern etwas brauchen sollten – sein Vater kann es besorgen.

Ein unschuldiger Nachwuchsdealer, der vermutlich brav Vaters Befehlen folgt.

Die Mutter fragt die Direktorin, was sie dagegen zu unternehmen gedenkt – aber diese scheint für solche Situationen kein Modell zu besitzen. Zumindest das Jugendamt wäre doch zu verständigen, meint die Mutter. Eigentlich schon, räumt die Direktorin ein. Auch weil der Junge von seinem Vater verdroschen wird – das wissen auch die anderen Mütter. Naja, schwierige Familienverhältnisse, seufzt die Direktorin, und: Was solle man da denn machen?

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Halt! Gewalt!

Eine Journalistin hat mich zu den aktuell zugenommenen massiven sexuellen Übergriffen auf Frauen befragt – und mich dahingehend korrekt zitiert, dass ich Intuition als ein wesentliches Präventionsinstrument weiß – und hat sofort einen empörten – vermutlich deshalb auch wortverdrehenden – Leserinnenbrief mit „Warum sollen wir unsere Freiheiten einschränken?“ bekommen.

Das wurde in dem Artikel auch nicht gefordert – sondern nur, Gefahren wahrzunehmen.

Aber offensichtlich war die Schreiberin „blind“ vor Wut – und hat frei nach Paul Watzlawicks Hinweis, dass es außerhalb der Macht des „Senders“ liegt, wie der „Empfänger“ einer Botschaft  diese interpretiert, Aussagen hineinfantasiert, die nicht drin standen.

Was ich nun aber gerne aufgreifen will, ist der deutliche Wissensmangel der Schreiberin – und wahrscheinlich vieler Menschen – weswegen Intuition keine esoterische Traumtänzerei ist sondern eine wissenschaftlich nachgewiesene und nachweisbare Wahrnehmungsform, die aber leider von vielen Menschen weder genutzt noch trainiert wird.

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Halt! Gewalt!

Drei jugendliche afghanische Asylwerber haben eine türkische Austauschstudentin nächtens auf der Damentoilette am großen Wiener Verkehrsknotenpunkt Praterstern brutal vergewaltigt – und in den Zeitungen wurde die Frage erhoben, wieso die Burschen um diese Zeit unterwegs sein durften und nicht, wie vielfach verpflichtend vorgeschrieben, in ihren Unterkünften waren. Weiters wurde die Polizei kritisiert, die trotz angeblicher hoher Präsenz an diesem bekannten Gefahrenort erst auf die Hilferufe der Begleiterin der Studentin, die diese verletzt am Boden liegend vorgefunden hatte, aktiv geworden sei … Wer allerdings das Areal des Bahnhofs kennt, weiß, dass damit Unmögliches eingemahnt wird: Man müsste vor jede WC-Anlage einen Security stellen, und auch der kann attackiert, verletzt, überwältigt werden, wie die Erfahrungen von Nachtlokalen immer wieder zeigen.

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