Zuschreibungen

In seinem Buch „Etablierte und Außenseiter“ formulierte der deutsch-britische Soziologieprofessor Norbert Elias (1897–1990), „Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen“. Ähnliches zeigt sich auch, wenn man ein Kind andauernd als dumm bezeichnet: Es übernimmt diese „Namensgebung“ und glaubt daran.

Wenn heute das sogenannte Impostor-Phänomen – dass jemand durchaus Kompetenter an seinen Fähigkeiten zweifelt und andauernd befürchtet, als Scharlatan hingestellt zu werden, was vor allem an fähigen Frauen beobachtet wurde – in Staunen versetzt, liegen die Wurzeln vielfach in einer Kindheit, in der rivalisierende Elternpersonen oder Geschwister sich dadurch erhöht haben, dass sie dem ausgewählten Opfer „schlechte Namen“ gaben. Dieses Verhalten ist unwürdig – vor allem, wenn es Führungskräfte (z. B. in der Politik) praktizieren, denn weil diese höchste Aufmerksamkeit genießen (dürfen), geben sie damit ein Leitbild gezielter gegnerischer Gesundheitsschädigung ab.

Nun war vor einigen Tagen zu lesen, dass eine heute erwachsene Frau, die mit 13 Jahren in ein von Nonnen geführtes Heim für „schwer erziehbare Mädchen“ gebracht wurde, vom dortigen Kaplan zu – angeblich freiwilligen – sexuellen Handlungen genötigt worden war und mit 17 Jahren von ihm Zwillinge zur Welt brachte. (Kurier, 05.05.2018, Seite 25). „Schwer erziehbar“ ist solch eine Zuschreibung. Sie war – und ist leider auch heute noch – vielfach üblich, wenn ein Kind oder jugendliche Person „aus der Norm fällt“ (wobei nicht hinterfragt wird, was als Norm gilt und ob diese noch allgemein gültig ist). Man hätte statt dessen beispielsweise die Formulierung „sozial auffällig“ verwenden können – was auch nicht besagt, was konkret aufgefallen ist – und da sich eine schwere Traumatisierung vermuten lässt, hätte man auch „vermutlich traumatisiert“ sagen können.

Eine ähnliche Zuschreibung liegt im Wort „freiwillig“ (deswegen habe ich „angeblich“ beigefügt). Ob es überhaupt die Möglichkeit eines freien Willens gibt, diskutieren Philosophen seit Jahrhunderten, und ebenso Psychologen, ab welchem Alter der Mensch überhaupt fähig ist, in Abschätzung möglicher Folgen Widerstand gegen Ungewolltes zu leisten – besonders dann, wenn es ihm oder ihr als „normal“, „notwendig“ oder „lobenswert“ eingeredet wird. Ich weiß aus unzähligen Therapien aber auch Seminaren, dass etwas, das zu Beginn als lustig oder spannend bezeichnet wurde, nach einiger Zeit ganz anders bewertet wird – dann nämlich, wenn in der Tiefendimension der eigenen Seele überprüft wird, ob die Verharmlosung nicht fremdinduziert war – und wem sie zum Nutzen gereicht.