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HALT! GEWALT! >> Gewalt gegen Kinder >>

„Das minderjährige Kind hat die Anordnungen der Eltern zu befolgen. Die Eltern haben bei ihren Anordnungen und deren Durchsetzung auf Alter, Entwicklung und Persönlichkeit des Kindes Bedacht zu nehmen; die Anwendung von Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig“

Auszug aus § 146 a des ABGB „Züchtigungsverbot“

 

Gewalt an Kindern durch Sex-Tourismus

Beispielsweise die "ganz normalen Männer", die mit der Freundin nach Tschechien fahren, sie geht zum Friseur oder shoppen, er kauft sich ein Kind, mit dem "man(n) alles machen kann", und nachher holt er die Frau ab und sie gehen "schön" miteinander essen. Als ich bei einer Tagung im grenznahen Passau über Gewaltprävention referierte, beklagten sich die auf das Umfeld von Prostitution spezialisierten Sozialarbeiterinnen über die mangelnde "Unrechtseinsicht" dieser Sorte "Freier". Die glauben nämlich wirklich, sie täten mit ihren paar Euro den gekauften Kindern was Gutes, "befreiten" sie vom Elend.

Es ist diese gönnerhafte "Ich bin der Märchenprinz"-Haltung, die manche Männer in bezug auf ihr Sexualverhalten an den Tag legen und wo sie keinerlei Kritik dulden, die so eine augenzwinkernde Verschwörung der Little Spender – denn von "Big" kann keine Rede sein – fördert. Es geht nämlich kaum um sexuellen Genuss, nicht einmal um pervertierten, sondern rein um das Machtgefühl absoluter Dominanz: Endlich einmal nicht "der/das Letzte" zu sein im sozialen Beziehungsgefüge, sondern der "Chef". Kriminell bedeutet sozial unerwünscht. Bedeutet: wir, die Gesellschaft, wollen das nicht. Das verstehe ich unter Wertedebatte: mit welchen Wertvorstellungen wollen wir wo die Grenzen der Toleranz ziehen – und wie wollen wir sie bewachen und bewahren.

Rotraud A. Perner

Es war im März, als mich eine Mutter mit ihrem Sohn aufsuchte, der in der ersten Klasse einer niederösterreichischen AHS ein halbes Jahr Folter hinter sich hatte: der leicht körperbehinderter Bub war von einer fünfköpfigen Gang seines Jahrganges immer wieder attackiert und dabei so manipuliert worden, dass er trotz seiner Schwäche als „der“ Raufer da stand. Zu Hause hatte er nie etwas gesagt – erst als seine Verletzungen unübersehbar waren, rückte er mit der Sprache heraus – und die Mutter fand die Empörung, sich gegenüber einer Direktion durchzusetzen, die sie bisher als sohnverliebte Querulantin eingeschätzt hatte ... und der als Reaktion nur einfiel, sie solle den Sohn doch aus der Schule nehmen ...

Das kann doch nicht wahr sein, sagte ich damals, dass das Opfer gehen muss und die Täter bleiben! Und: jeder, der davon weiß und schweigt, macht sich mitschuldig.

Neulich bin ich nun wieder Mutter und Sohn – und Vater! eine Seltenheit! – gegenüber gesessen, und habe wieder erfahren, welche Grausamkeiten von den Aufsichtspflichtigen als Spaß oder Harmlosigkeiten unter Halbwüchsigen umgedeutet wurden – denn: „Wir sind ja auch ...“ und „Es hat uns ja auch nicht geschadet ...“ Das sind die gängigen Retouren, wenn es um Gewalt in der Kindheit geht, egal, ob jemand die „g’sunde Watschen“ verteidigt oder ach so lustige Bräuche wie das Malträtieren des Gesäßes, Darmeingang inbegriffen, mit Klobürsten, Schuhpasta, Traumasalbe oder „nur“ Duschgel. Diese Eltern haben sich dem „Wahnsinn der Normalität“ verweigert – wie der Psychoanalytiker Arno Gruen das Phänomen bezeichnet, dass Pathologisches als üblich verteidigt, gesunde Selbstbehauptung aber als abnormal abgewertet wird.

Es sind keine „Initiationsriten“, wenn pubertierende Knaben – oder Erwachsene, die anderen völlig unreflektiert im Wiederholungszwang ihre eigenen Demütigungen antun – sich an Sadismen begeilen mit der – ausgesprochenen – Aussicht, im nächsten Jahr dann auf die Seite der Täter wechseln zu „dürfen“. Vielmehr sind es das Ausagieren hormoneller Spannungen, die Sublimierung von Angst-, Unterlegenheits- und Schwächegefühlen und die wohlbekannte „Identifikation mit dem Aggressor“: um nicht auf der Opferseite fixiert zu bleiben, wechselt man ideologisch auf die Seite der Täter, wo man sich einig, stark und sicher fühlen kann.

Wenn Frauen von sadistischen Zuhältern durch Gruppenvergewaltigung zur Prostitution gezwungen werden, sind wir entsetzt. Wenn mit analogen Methoden Hackordnungen unter Männern hergestellt werden, wiegeln wir das ab, soferne es im Gefängnis geschieht; dass aber alle „totalen Institutionen“ (Erving Goffman, „Asyle“), also auch Internate, derartigen Praktiken förderlich sind, wollen viele nicht wahr haben. Daher gehört es in die Ausbildung aller Mitarbeiter solcher Institutionen, Gewalt schon im Ansatz zu erkennen, zu wissen, wie man sie thematisiert und auf sie „mannhaft“ verzichtet. Corpsgeist, wie er traditionell durch Einigkeit und Gewalt hergestellt wurde, kann auch durch andere Motivationsmethoden bewirkt werden: indem man nämlich – wie bei jeder gelungenen „Einweihung“ – den Geist herbeiruft, aber dazu muss man gedanklich und emotional offen sein dürfen. Auf solche Initiationen wird man heutzutage mental bzw. spirituell vorbereitet. Brutale Überfälle und körperliches Geschundenwerden machen zwar auch „einen anderen Menschen“ aus einem, aber keinen besseren, sondern nur einen roheren.

Kinder neigen dazu, ihre Eltern zu schonen. Sie erzählen kaum, was ihnen passiert, damit die Eltern nicht schockiert sind, sich nicht kränken oder nicht wütend werden. Das hat die Psychoanalytikerin Alice Miller („Du sollst nicht merken“) in vielen Studien nachgewiesen. Aber neigen nicht auch wir alle dazu, den zuständigen Autoritäten Informationen vorzuenthalten – aus eben derselben Scham oder Hilflosigkeit und Angst vor Repressalien, die einen überfällt, wenn einem die Menschenwürde genommen wurde? Oder auch aus der – vielfach berechtigten – Resignation, was kümmert es schon die da oben, was denen da unten widerfährt ... außer es dient der PR?

Rotraud A. Perner


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