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Themenschwerpunkte
Gewalt in der Gesellschaft
Alexandra Bader von www.ceiberweiber.at zum Thema Männergewalt:
Zufällig bin ich vor kurzem über das Thema gestolpert, da ich eine Meldung bekam, wonach in Salzburg ein Männerhaus - für weggewiesene Gewalttäter - gefordert wird. Ein bisschen google-Suche brachte ein deutsches Männerhaus-projekt zutage, wo es um männliche Gewaltopfer geht, und dazu wurde auch mit div. Studien argumentiert. Allerdings sind diese nie konkret, wenn es um reale Gewalt geht, da bspw. nicht zw. verschiedenen Formen der Gewalt differenziert wird und der Kontext unberücksichtigt bleibt. Somit steht die eventuelle Ohrfeige einer Frau in einem eskalierenden Streit, wo Mann eventuell auch Gewalt ausübt, auf einer Stufe mit krankenhausreif geschlagenen Frauen. Wäre Gewalt gegen Männer so ein Problem, wären die Frauenhäuser nicht überfüllt, nicht nur, weils weniger weibliche Opfer gäbe, sondern auch, weil Gewalt gegen Männer als latente Drohung über allen Männern schweben würde. Natürlich kann es Frauen geben, die ihre Männer auch mit Gewalt unterbuttern - das darf aber nicht zu einem äquivalent männlicher Gewalt gegen Frauen aufgebauscht werden.
zu Salzburg und Männerhäuser ist ein Text auf http://www.ceiberweiber.at abrufbar.
Rotraud A. Perner:
Wenn wir bestimmte Worte hören oder lesen, laufen vor unserem geistigen Auge Bilder ab. Nehmen wir beispielsweise das Wort Tisch: denkt man dann an einen viereckigen, an einen runden oder einen ovalen? Einen hölzernen, gläsernen oder einen aus Kunststoff oder ...? Welche Beine? Welche Höhe? Vielleicht sogar noch die passenden oder unpassenden Sitzgelegenheiten dazu ... Selten aber löst das Wort Tisch Gefühle aus.
Bei Worten wie Gewalt oder Vergewaltigung ist das anders. Wenn ich in Schulen eingeladen wurde um einen Vormittag zum Thema Gewalt mit 10 bis 14jährigen Knaben und Märchen zu gestalten, manchmal auch mit deren Lehrkräften, begann ich solche Unterrichtsstunden – und ebenso meine Lehrveranstaltung an der Universität Wien – meist mit der Frage „Woran denken Sie bei dem Wort Gewalt?“ Bei Kindern kommen dann oft Gedankenketten von Schießen und Schlagen, oft begleitet von entsprechenden Handbewegungen und bewundernden Lauten. Wenn ich dann nachgefragt habe, ob dabei an ein bestimmtes Bild gedacht wurde, folgt Filmberichterstattung. Die spürbare Bewunderung gilt den Helden, die sich bar jeder Anpassung an gesellschaftliche Spielregeln durchsetzen – ihre Macht demonstrieren (dürfen).
Bei den Erwachsenen hingegen überwiegen Assoziationen von Ohnmacht, Demütigung, Machtmissbrauch. Und: auf Nachfrage wird die Bereitschaft offenkundig, sich auf die Seite der „Überlebenden“ zu stellen. Mit dieser – aus dem Amerikanischen stammenden – Bezeichnung soll das Wort Opfer vermieden werden, weil Opfer in der Regel tot sind, und wer nicht tot ist, hat Gewalt „überlebt“. Vielen Menschen allerdings kommt diese Wortwahl komisch vor – denn sie denken etwa beim Wort Vergewaltigung nicht an Schlagen, Schneiden, Brennen oder Fesseln sondern an brutalen Sex in dunklen Hausfluren. Dabei finden nachgewiesenermaßen Vergewaltigungen eher selten spontan, im Freien und durch völlig Unbekannte statt, sondern listig geplant, in geschlossenen Räumen und durch Männer, mit denen es zumindest flüchtigen Kontakt gegeben hat. Die Orientierung erfolgt eben an den geschönten filmischen Darstellungen, nicht an der Realität. So kann man(n) das Erleben mehr oder weniger hilflos der Gewalt ausgelieferter Menschen verniedlichen und die eigene Größenfantasie „Mir kann so etwas nicht passieren!“ aufrecht erhalten.
So hörte ein junger Mann, der vor einigen Monaten auf dem einsamen Heimweg von einem Theaterbesuch von einem Mitreisenden im Autobus sexuell attackiert wurde und nur dadurch, dass er aus seinem Anorak schlüpfte und diesen in den Händen des Umklammernden zurückließ, von den Polizisten, die seine Anzeige entgegennehmen sollten, die – wenig respektvolle – Frage: „Warum hast du dich nicht gewehrt?“ Wie wenn das so leicht wäre, wenn man oder frau erstens überfallen, daher überrascht, zweitens im Schock und drittens untrainiert im Nahkampf ist! In der Fachsprache nennt man diese“ Unsensibilität“ die zweite Viktimisierung: die überlebende Person wird noch einmal vergewaltigt und gedemütigt, nämlich durch Sprache. Die dritte findet dann oft in der Hauptverhandlung bei Gericht statt. Das erklärt, weshalb vergewaltigte Frauen von einer fachkundigen Frau befragt werden wollen und nicht von einem Mann, dem man nur zu oft im Gesicht ansieht, welche obszönen Gedanken er kaum unterdrücken kann.
Schockierende Erlebnisse werden in Phasen bewältigt: auf eine Zeitspanne der Lähmung folgt die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens, in der hektisch versucht wird, sich zu beweisen, dass alles ohnedies nicht oder nicht so stattgefunden haben kann. Dann erkennen Überlebende die Wirklichkeit des Geschehens und reagieren mit Depression, Rückzug. In dieser Phase bleiben vor allem viele Frauen „hängen“ und können sich nicht zur folgerichtigen „Rachephase“ aktivieren, in denen ihre Kraft zurück kehrt und damit auch die Potenz, sich zu wehren – beispielsweise anzuzeigen. Daran hindert sie nämlich die – leider oft berechtigte Angst – sich Zweifel, Ermahnungen oder gar Witze unzulänglich ausgebildeter Beamter anhören zu müssen.
Rotraud A. Perner
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