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Wolfgang Wilhelm:
Zum Umgang mit dem Phänomen Homosexualität in Unterricht und Beratung

Homophobe Beschimpfungen sind auf Schulhöfen keine Seltenheit, dennoch sind LehrerInnen mit dem Thema der sexuellen Orientierung oft überfordert. Die Konferenz „Mit Vielfalt umgehen“ schafft Abhilfe und hilft so lesbischen und schwulen SchülerInnen, die es ja bekanntlich in jeder Klasse gibt ...

Für Jugendliche ist die Definition der eigenen Identität ein ganz wichtiges und zentrales Lebensthema. Die Frage der sexuellen Identität spielt dabei eine bedeutende Rolle, Fragen wie Welche Gefühle habe ich? Wer bin ich als geschlechtliches Wesen? Wie will und wie soll ich sein? Wie nehme ich mich selbst wahr? Wie will ich von anderen wahrgenommen werden? beschäftigen alle Jugendlichen, oft sind diese Überlegungen sogar jahrelang quälende Gedanken.

Jugendliche sind heute zwar von tausenden medialen Impulsen ausgesetzt, dennoch sind längst nicht alle ihre Fragen nach dem eigenen biologischen, sozialen, psychischen Geschlecht und ihrer eigenen sexuellen Orientierung vorurteilsfrei angesprochen, geschweige denn zufriedenstellend beantwortet.

Seit der sexuellen Revolution gibt es eine neue Elterngeneration, die sich vorgenommen hat, offener und toleranter zu sein als ihre eigenen Eltern es gewesen waren. Seit den ersten deutschsprachigen Studien zur Entwicklung von Lesben und Schwulen aus retrospektiver Sicht in den 1980er Jahren, die enorme psychische Belastungen und hohe Suizidgefahr für junge Lesben und Schwulen aufgezeigt hatten, hat sich manches, aber längst nicht alles gebessert, wie aktuelle Befragungen uns immer wieder zeigen. Die Gesellschaft als tolerante Gemeinschaft, in der jede und jeder so leben und so lieben darf, wie sie/er das möchte, ist immer noch eine unerreichte Utopie.

Fast 90% aller jungen Lesben und Schwulen fühlen sich spätestens in der Pubertät „anders“, die Hälfte von ihnen hat zu diesem Zeitpunkt keinerlei oder ausschließlich negative Informationen über Homosexualität. Die Schule sehen sie nur sehr selten als gute Informationsquelle an. Gerade über weibliche Homosexualität und lesbische Lebenswelten wird so gut wie nie im Unterricht gesprochen. Als unterstützend im Coming-out erleben die meisten Lesben und Schwulen ihren Freundeskreis, positiv reagieren auch Geschwister, MitschülerInnen und vereinzelt LehrerInnen. Immerhin 15% sind jedoch negativen Reaktionen ihre LehrerInnen ausgesetzt. Viele LehrerInnen werden als gleichgültig und an dem Thema nicht interessiert erlebt. Manche Diskriminierungen in der Schule gehen gar von LehrerInnen aus, etwa, wenn ein schwuler Junge auf Klassenfahrt im Einzelzimmer schlafen muss. Auch abwertende Bemerkungen durch LeherInnen sind leider keine Seltenheit.

Um dieses Problemfeld zu bearbeiten und die Lebensbedingungen von jungendlichen Lesben und Schwulen zu verbessern, hat die Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen seit 2001 gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen, der niederländischen Schorer-Stichting, Empowerment lifestyles Amsterdam, Arci-Gay Bologna und ProChoix Paris das EU-Projekt „Triangle-Transfer of Information to Combat Discrimination Against Gays and Lesbians in Europe“ realisiert. In Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und den Niederlanden haben wir umfangreiche Bedarfsanalysen bei LehrerInnen, BeraterInnen und in der Jugendarbeit Tätigen durchgeführt und abgestimmt auf die Ergebnisse dieser Analysen ein Handbuch für LehrerInnen und BeraterInnen entwickelt, das nun vorliegt und im Rahmen der Fachkonferenz „Mit Vielfalt umgehen. Sexuelle Orientierung und Diversity in Erziehung und Beratung“ vorgestellt wird.

In unseren Befragungen zeigte sich, dass es in Erziehung und Beratung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht immer einfach ist, mit den Themen Sexualität und sexuelle Orientierung umzugehen. Da gibt es eigene, ganz persönliche Vorbehalte, da gibt es jede Menge Vorurteile und vor allem gibt es nur selten die Bereitschaft der Jugendlichen selbst, offen über Sexualität, sexuelle Orientierung und Gefühle zu sprechen.

Ein wichtiges Ergebnis unserer Befragungen ist, dass sich 65% der LehrerInnen und JugendarbeiterInnen mehr Informationen zum Thema sexuelle Orientierung wünschen und an didaktischen Fragen und praktischen Methoden, wie das Thema im Rahmen des Unterrichts behandelt werden kann, interessiert sind. Viele LehrerInnen wünschen sich, besser mit homophoben Äußerungen im Klassenzimmer umgehen zu können.
Das Hauptproblem in der Beratung von lesbischen und schwulen Jugendlichen ist, so ergaben unsere Bedarfanalysen, oft  mangelndes Vertrauen der Fachleute unterschiedlichster Disziplinen in ihre eigenen Kenntnisse über Homosexualität ganz allgemein und besonders über Lesben und Schwule, die kulturell-ethnischen Minderheiten angehören und so oft Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt sind. Für viele psychosoziale BeraterInnen ist es schwierig,  Probleme im Zusammenhang mit homosexueller Orientierung adäquat zu erkennen und anzusprechen.

Die Konferenz erörtert diese Fragen und unterstützt LehrerInnen, PädagogInnen und BeraterInnen in unterschiedlichen Einrichtungen, diese wichtigen Themen im Unterricht, in der Jugendarbeit und in der Beratung in professioneller Weise anzusprechen und zu bearbeiten. Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der ethnischen Herkunft oder Kultur basiert auf ähnlichen Prinzipien, nämlich der Furcht vor dem „Anderen“, d.h. vor allem, was einer nur scheinbar homogenen Mehrheit scheinbar fremd ist. Die Konferenz zielt darauf ab, Diskriminierung in einer multikulturellen Gesellschaft zu bekämpfen und wird von Stadträtin Sonja Wehsely und Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl eröffnet. Als Vortragende konnten wir u.a. Arthur Lipkin (Boston), Lela Lähnemann (Berlin) und Volker Moritz (Amsterdam) gewinnen. Zahlreiche Workshops runden die Konferanz ab und ermöglichen eine persönliche Auseinandersetzung u.a. mit den Themen Sexualität und Coming-out, den Möglichkeiten der Thematisierung von (Homo-)Sexualität im Unterricht, Genderaspekten und dem Spannungsfeld Sexualität, Religionen und Kulturen.

Konferenz „Mit Vielfalt umgehen“, 13.10.2005, 9-17 Uhr, PI-Wien, Programm und Anmeldung unter www.pi-wien.at .

Mag. Wolfgang Wilhelm ist Antidiskriminierungsbeauftragter für gleichgeschlechltiche Lebensweisen der Stadt Wien, Initiator und wissenschaftlicher Leiter der Konferenz „Mit Vielfalt umgehen“


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