Zampanismus

Halt! Gewalt!

In dem italienischen Kultfilm „La Strada“ von Federico Fellini aus dem Jahr 1954 spielt seine Ehefrau Giulietta Masina die kindlich-naive Gelsomina, die als Ersatz für seine verstorbene Frau dem Publikum als quasi Adjutantin den Kettensprenger Zampano, gespielt von Anthony Quinn, anzukündigen hat: „Jetzt kommt der große Zampano!“ Mehr darf sie nicht – und schlecht behandelt wird sie überdies.

Auch wenn dieses erschütternde Melodram wie viel Filme des italienischen Verismo heute kaum mehr gespielt wird, hat sich der Name Zampano trotzdem verselbständigt.

Bruno Kreisky wurde in Parteikreisen teils bewundernd teils ironisch als großer Zampano tituliert und ebenso Helmut Zilk. Beide waren aber keine Pseudoathleten wie der Namensgeber im Film, sondern hatten „Gewicht“: Man kannte ihr Denken – nicht nur ihre „Ansichten“ – und man wusste, dass es ihre eigenen waren, nicht die irgendwelcher Vordenker. Sie „ließen“ nicht denken, sie dachten noch selbst – wenn auch im allseits bekannten Austausch mit Fachleuten wie den beiden allzu früh verstorbenen Ökonomen Herbert Tieber oder Egon Matzner. Sie waren selbst genug Fachleute, um ihre Adjutanten nicht verstecken zu müssen, im Gegenteil waren sie allen zugänglich. Und alle hatten noch die dazu nötige Zeit …

Heute wird Zeit knapp: Durch die elektronische Kommunikation wähnen wir, immer mehr Leistung in immer weniger Zeit erbringen zu können. Das funktioniert auch dort, wo technische Hilfsmittel die Quantität Zeitverlust vermeiden helfen; es funktioniert dort nicht, wo kreative oder soziale Leistungen erforderlich sind – dort, wo man offen und entspannt phantasieren und fühlen muss. Ich war eine unter den 1.400 Experten, die 1978 ein neues Parteiprogramm entwickeln halfen. Wir saßen immer wieder in wechselnden Kombinationen beisammen (das Haus der Begegnung in der Gatterburggasse ist mir da noch in lebendiger Erinnerung) und tauschten aus, was wir in vielen kleineren Treffen in privater Atmosphäre erarbeitet hatten. Wir waren einander nahe und beflügelten uns von Angesicht zu Angesicht – und genau das bewirkte auch den Zampano-Effekt: Wir gaben einander Applaus – wir waren jede und jeder unser eigener Zampano.

Heute gibt es das Angesicht als Selfie über Face Book, und selbst im Chat wird kaum mehr beflügelt, sondern es werden eher die Flügel gestutzt.

Die konspirative Gemeinschaft gibt es mehr in den Kleinparteien als in den ehemals großen – und im Wort Konspiration steckt „Spirit“ drin – Geist, und neue und auch kluge Ideen entstehen eben dort, wo man sich und andere beGEISTert.

Sich wie ein Heldentenor auf einer Plateaubühne zu präsentieren, auf der die Anwesenheit eines anderen total deplatziert wäre, und dann zwei Stunden Vorhaben zu referieren (die das Back Office erarbeitet hat), hat zwar Unterhaltungswert und bringt den Applaus derjenigen, die sich mit dem Star auf der Bühne identifizieren, gibt aber keine Inspiration weiter (auch wenn dann die Parteimitglieder per mail aufgefordert werden, die Inhalte der Rede unters Volk zu bringen).

Was hat das mit Gewalt zu tun, wird jetzt vielleicht der eine oder die andere fragen? Die Antwort findet sich in der Transaktionsanalyse: Es findet keine Kommunikation auf Augenhöhe statt. Denn auch wenn das Publikum, in Rängen sitzend den „Guru“ umringt und sich damit vielleicht erhaben fühlt, sind sie nur zur Konsumation bestimmt, nicht zum Kommentar. Sie werden nicht eingeladen, mitzudenken – das haben schon andere für sie erledigt. Ihr eigenes Potenzial einzubringen, ist nicht vorgesehen. Sie werden keine Ketten sprengen – sie werden nur davon erzählen können, dass sie zugehört haben, wie ein anderer davon geredet hat, dass er in Zukunft Ketten sprengen will.

So entsteht aber keine „Bewegung“.
So entsteht Hierarchie.