Wahlkampf-Nausea

Halt! Gewalt!

Nausea ist mehr als nur Brechreiz. Wo dieser sofort vorbei ist, sobald man das Unverdauliche aus sich heraus-gedrückt hat und einem Gefühl sauberer Leere Platz macht, dauert Nausea lang an: Man fühlt sich vergiftet, geschwächt, wund.

Das Wort stammt vom griechischen naus, das Schiff (vgl. Nautik, Schifffahrtskunde), und wer schon einmal seekrank war, weiß, dass diese Form von Übelkeit im Gehirn (durch eine Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans infolge widersprüchlicher Sinneseindrücke) und nicht primär vom Magen her hervorgerufen wird.

Das Wort „Schwindel“ passt gut dazu – und, wenn ich an die Reaktionen denke, die viele Menschen bei den letzten Wahlkampfdebatten der beiden Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten auswiesen, tut er das sogar im seinem Doppelsinn! Genauso wie bei den Hasstiraden von Donald Trump merken strategiesensible Menschen, dass ihnen auf diese Weise eine Giftrede gleichsam wie Holzteer aus der Pechnase der mittelalterlichen Festungen drübergeschüttet wird.

Da geht es nicht mehr um ruhige und verständliche Darlegung von Sachinhalten, sondern nur mehr darum, eine bestimmte Wirkung zu erzielen: Wie Donald Trump wiederholt auch Norbert Hofer das Wort Lügner – und genau dieses Etikett soll geistig hängen bleiben. Der Unterschied zwischen den beiden ist nur, dass Trump sein Gesicht nicht so maskenhaft beherrschte wie Hofer, und dass Hillary Clinton besser trainiert ist, auf solche Untergriffe souverän zu reagieren als der authentische, aber sichtlich überforderte Alexander van der Bellen.

Mich erinnert das an einen TV-Auftritt, den ich vor vielen Jahren (müsste in meiner Arbeitsdokumentation nachsuchen, wann in den 1990er Jahren das war) in RTL live gemeinsam mit der deutschen „Sex-Tante“ Erika Berger (1939–2016) zu absolvieren hatte. Nach der Sendung sagte sie in entwaffnender Ehrlichkeit zu mir: „Frau Doktor – Sie haben in der Debatte doch überhaupt keine Chance gegen mich! Sie sind eine Psychotherapeutin – Sie denken über alles, was ich sage nach und wollen eine seriöse Antwort geben! Ich aber bin eine Fernsehjournalistin – mein Ziel ist nur, dass ich gut über den Bildschirm komme, ich brauche daher gar nicht nachzudenken, was ich sage – das ist total egal, ich muss nur so agieren, dass Sie doof dastehen!“

Auf die Idee war ich – naiv! – noch nicht gekommen. So eine Taktik finde ich gesundheitsschädlich – sie verletzt das Selbstwertgefühl – und unethisch.

Einige Jahre später hielt ich dann ein zweitägiges Seminar für die Mitarbeiterschaft des Pressedienstes der SPÖ Wien, um ihnen  die Grundtechniken des NLP (Neurolinguistisches Programmieren) beizubringen. Alle (!) lehnten diese Methoden pauschal als unethisch ab – dabei ist es ja nur das Ziel, das unethisch ist, die Methoden selbst sind neutral.

Ich jedenfalls habe gestern, Donnerstag, die Sendung von Ingrid Turnher abgeschaltet, weil ich gemerkt habe, dass mir bei den laufenden subtilen Untergriffen von Norbert Hofer, dem untrainiert-wehrlosen Märtyrertum von Alexander van der Bellen  und auch der unzureichenden Interventionen der Moderatorin nicht nur geistig sondern auch körperlich schlecht wird.

O tempora o mores! Wenn man sich an die Wahlkämpfe mit den vorbildlichen späteren Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger und Heinz Fischer erinnert, merkt man, dass wir auch hier den „american way of life“ des medialen Schaukampfs serviert bekommen … aber wollen wir diese Verwirrtechniken? Ich bin für die Bewahrung europäischer Werte – und dazu gehört Aufklärung. Ein kompetenter NLP-Faktencheck wäre überfällig.