Wahlkämpfe und Tiefenpsychologie

Halt! Gewalt!

Das altgriechische Wort „diabellein“ bedeutet „auseinander schleudern“ oder auch „verwirren“. Es steckt in unseren Begriffen „diabolisch“ drin oder auch in „Diavolo“ – Teufel. Er ist der, der trennt – „spaltet“ – und verwirrt.

Spalten kann man horizontal: Zwischen Jungen und Alten, Frauen und Männern, Einheimischen und Fremden, Menschen die fit sind und solchen mit Behinderungen … und immer wieder zwischen angeblich Linken und Rechten. Der Linzer Wirtschaftsprofessor und NLP-Master Walter Ötsch nennt diese Methode in seinem Buch „Haider light“ die Teilung in die „WIR“ (die immer Recht haben)  und die „Anderen“ (die weg gehören).

Es gibt aber auch vertikale Spaltungen zwischen oben und unten. Im vergangenen Bundespräsidentschaftswahlkampf hieß dies „das Establishment“ oder „die Eliten“ und oppositionell dazu „das Volk“ – wie wenn das Volk nicht alle wären (außer man grenzt aus – und genau das versuchen ja die diabolischen Spalter). Schon Jörg Haider beliebte „die da oben“ zu attackieren – obwohl er mit seinem Bärental ja selbst genau zu diesen „Oberen“ gehörte, sowohl was sein Einkommen, seinen Grundbesitz, seine Eigenschaft als Mitglied gesetzgebender Körperschaften und darüber hinaus seiner internationalen Beziehungen (ohne jetzt Muammar Gaddafi und Saddam Hussein bewerten zu wollen) betraf.

Transaktionsanalytisch (vgl. das Buch „Spiele der Erwachsenen“ des Gründers dieser psychotherapeutischen Schule, Eric Berne), entspricht dies dem Agieren aus dem „rebellischen Kindheits-Ich“ gegen ein als tyrannisch oder korrupt bezeichnetes „Eltern-Ich“; im „Erwachsenen-Ich“ hingegen würde nicht randaliert sondern ruhig, ernsthaft und sachlich argumentiert. Aber das wäre wohl vielen zu anstrengend, weil man da die kleinen grauen Zellen aktivieren muss, und das ermüdet, besonders wenn man es nicht gewohnt ist.

Psychoanalytisch kann es als Versuch des Vatermordes gedeutet werden: „Der Alte stört“ – vor allem, weil er meist weiser ist als die Jungen und die Gefahr besteht, dass er ihnen ihre trotzige Unerfahrenheit oder riskante Leichtsinnigkeit vorhalten oder gar beweisen könnte. Jeder Mensch, der in seiner Jugend unter einem verbietenden Vater gelitten hat, ist wohl für diesen Vergleich anfällig und wird sich je nach Lebenssituation mit dem aufbegehrenden Jungen identifizieren – oder aber mit dem Vater, vor allem wenn er oder sie aktuell daheim von einem pubertierenden Nachwuchs Stress gemacht bekommt.

Solang man noch klein (und abhängig) ist, schaut man aus der Froschperspektive auf den oder die „Obrigkeit“. In der Reifezeit so um das 15. Lebensjahr herum, haben sich die Größenverhältnisse geändert. Augenhöhe ist angesagt – für beide! Und die wäre auch in Wahlkämpfen erforderlich, vor allem um ein Vorbild abzugeben, wie man Uneinigkeiten respektvoll darstellen kann – denn in einem Konkurrenzkampf geht es ja nicht um Einigung.

C. G. Jung, der Schöpfer der analytischen Psychologie, würde diese Konstellation zu den Archetypen – den Urbildern der Seele – zählen. Deswegen faszinieren uns diese „Schaukämpfe“ auch. Wären sie nämlich nicht archetypisch, würden sie uns langweilen – und genau das tun sie ja auch bei den Menschen, die sich mit ihren Eltern bereits „ausgesöhnt“ haben. (Da steckt das Wort „Sohn“ drin – ein Zeichen, dass Macht und Machtkämpfe männlich gedacht wurden).

Und genau solche, die Erfahrung im Versöhnen haben, braucht es in den Spitzenpositionen.