Vorwärts in die Vergangenheit?

Halt! Gewalt!

Nach meiner Erinnerung begann kein Jahr so voller Gewalt wie 2016 – aber wird Gewalt auch als solche wahrgenommen?

  • Die Ermordung der neu gewählten Bürgermeisterin von Temixco in Mexiko, Gisela Mota, einen Tag nach Amtsantritt, erinnert an Filmszenen, die weit weg, im Wilden Westen, und im 19. Jahrhundert spielen,
  • die Ermordung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr in Saudi Arabien erinnert an die Protestanten-Hinrichtungen im 16. Jahrhundert und die von Ur-Christen im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt.
  • Aber auch die Absetzung von Höchstrichtern und die Erlassung eines Gesetzes zur direkten Einflussnahme – Zensur – in Radio und Fernsehen in Polen sind Gewalt – sie verletzen Grundrechte und damit die leibseelische Sicherheit und Unversehrtheit. Das erinnert an den Gesinnungsterror des Dritten Reichs und kommt zeitlich sehr nahe … aber wird das auch als Gewalt erkannt?

Viele Menschen sind mit dem Begriff der “strukturellen Gewalt” nicht vertraut: Darunter versteht man Gesetze oder andere “Ordnungsregeln”, die zur Potenzialverminderung bestimmter AdressatInnen führen – und auch führen sollen. Dazu zählen auch Zensuren.

Der Begriff der strukturellen Gewalt, den der norwegische Friedensforscher und Träger des Alternativen Nobelpreises, Johan Galtung (* 1930), geprägt hat, umfasst beispielsweise das Vorenthalten von lebenswichtigen Informationen, Einschränkungen der persönlichen Freizügigkeit, Kleidungsvorschriften und auch Gehaltsdiskriminierungen – sofern keine vertraglichen Einigungen oder akute Notwendigkeiten solche Regeln rechtfertigen – und es Möglichkeiten für deren Kontrolle und Aufhebung gibt.

Strukturelle Gewalt liegt aber auch dort vor, wo unausgesprochene Spaltungen der Gesellschaft in Anständige (denen man mit – wenn auch gespielter – Wertschätzung begegnet) und Unanständige (denen gegenüber man sich alles erlauben kann) als “ortsüblich” oder “naturgegeben” verteidigt werden. (Das Naturargument, so der in den 1990er Jahren vielgelesene deutsche Psychologe und Jurist Volker Elis Pilgrim, wird vor allem dann angeführt, wenn etwas nicht kritisch betrachtet werden soll.)

Der Linzer Wirtschaftsprofessor Walter Ötsch hat in seinem Buch “Haider light” nachgewiesen, dass der Erfolg von Demagogien (wie er besonders am Beispiel des Nationalsozialismus zu beobachten ist) auf dieser Spaltung der Gesellschaft in “die WIR” und “die Anderen” beruht: Hier die “Anständigen und Tüchtigen” – dort die “Sozialschmarotzer”, hier die “Herrenmenschen” (deren Namensgeber Friedrich Nietzsche sprach von der “blonden Bestie”) – dort die “Untermenschen”.

Wenn man die bisher unvorstellbaren Massenattacken auf Frauen in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof ins Auge nimmt, zeigt sich eine Spaltung in “WIR machttrunkene Männer” und “freche Frauen, die wagen, abends aus dem Haus zu gehen, wo sie doch hingehören”. Das, was sich vielfach daheim im Verborgenen abspielt, ist plötzlich offensichtlich: die Geisteshaltung der Respektlosigkeit gegenüber dem daraufhin erzogenen “schwachen Geschlecht”.

Auch wenn verständlicherweise viele ihre Angst und ihre Wut über diese Verbrechen – und es sind Verbrechen, denn Gewaltüberlebende sind vorerst einmal traumatisiert, d. h. an Geist und Seele und daher auch körperlich gestört, verstört, daher beschädigt, und erst die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob diese Gewalterfahrungen biographisch stärkend integriert werden können oder verdrängt und irgendeinmal wieder hochkommen werden – gegen tatenlose Polizei und “tatsachenblinde” Regierende loslassen (was zumindest gesundheitlich kurzfristige Entlasung bringen mag): Das Grundproblem bleibt, dass Frauen noch immer nicht als Gleichberechtigte und gleich zu Respektierende angesehen werden.

Es täuscht, wenn man sich und anderen mit Hinweis auf die dunkle Hautfarbe der Gewalttäter weismachen will, dass es sich hier “nur” um Nordafrikaner und Orientalen gehandelt hätte. Jedermensch, nicht nur die aus der Exekutivbeamtenschaft, der nur zu- oder wegschaut, der Hilfeleistung unterlässt (übrigens auch ein Straftatbestand! Vgl. § 95 StGB) und die Augen vor den massiven Gesundheitsfolgen solcher Attacken verschließt, beweist mangelnde oder verweigerte Wahrnehmung, von Mitgefühl überhaupt zu schweigen.

Gut, dass die Gewaltüberlebenden – ein Fachbegriff, der vom toten(!) “Opfer” abgrenzen will – nicht in Scham und Selbstvorwürfen erstarrt sind sondern angezeigt haben! Denn wie die Erfahrung zeigt, hören Frauen oft bei Anzeigen über erlittene Gewalt, d. h. Gesundheitsschädigung, Vorwürfe (“Warum sind Sie überhaupt dort hingegangen?”) oder gar Ironie und Retraumatisierung (“Na so fesch wie Sie sind, ist es doch logisch, dass sich ein Mann da nicht zurückhalten kann!”). Das sind alles Zitate!

Was also tun? Dass Gesetze gegen Gewalt vor allem Appellcharakter besitzen, Straftaten aber nicht verhindern, zeigt ein Blick in die Chronik der Tagesberichterstattungen.

Die sogenannte Kriminalprävention ist zwar historisch verdienstvoll, weil sie ein Schritt weg von nur Straf- und Rachdenken war, vernachlässigt aber mit ihrer rein distanziert-sachlichen Sichtweise die Berücksichtigung der emotionalen Auslöser und Dynamiken (die hohe “Ansteckungsgefahren” in sich bergen!).

Gewaltprävention ist ein Bildungsproblem und betrifft uns alle!

Es braucht eine komplexe Verhütungsstrategie, und die besteht aus

  • Wahrnehmung von Geisteshaltungen aus historischer und sozialpsychologischer Perspektive (für alle, daher als “roter Faden” in allen Berufsfeldern, vor allem auch in den Medien)
  • UND pädagogischen Konzepten zu deren Anleitung und Umsetzung auf allen Unterrichtsebenen vom Kindergarten bis zur universitären Lehrtätigkeit (wie ich sie in meinen jahrelangen Vorlesungen zur “DIdaktik der Gewaltprävention” am Zentrum für die schulpraktische Ausbildung an der Universität Wien künftigen und aktiven Lehrkräften vermittelt habe),
  • INKLUSIVE der dazu zweckdienlichen professionell angeleiteten Selbsterfahrung – eine medienpädagogische Aufgabe!
  • UND auch inklusive Anleitung für gewaltverzichtende Kommunikation (GVK) – das ist mehr als die simple sogenannte gewaltfreie Kommunikation (GFK): Es gibt keine Gewaltfreiheit – allein der Anspruch auf eine solche beinhaltet schon wieder die Gewalt eines Machtanspruchs!
  • Selbstverteidigungstrainings im Schulunterricht! Diese Forderung habe ich bereits 1987, damals noch Favoritner Bezirksrätin und Landtagskandidatin, in meiner letzten Rede vor der Wiener Frauenkonferenz vor der Rücklegung meines Mandats erhoben und eine entsprechende Ausbildung von Lehrkräften der Leibeserziehung – heute heißt das Fach verkürzt nur mehr  Bewegung und Sport – gefordert. Geschehen ist bisher nichts.
  • Ebenso empfehle ich Intuitionstrainings zur frühzeitigen Erkennung von Gefahrenpotenzialen statt einseitiger Appelle zu mehr Wehrhaftigkeit und Kampfkraft – sie hilft nicht gegen geplante, oder auch “absurde”, Gewaltstrategien. Was in den sogenannten östlichen Kampftechniken grundlegend ist, sollte auch im Westen anerkannt und übernommen werden.
  • Außerdem empfiehlt sich ein gewalthemmender Wohnhaus- und Städtebau. Die Konzepte dazu gibt es – von Fachfrauen.

Es sollte jeder Mann und jede Frau über Wissen und Können verfügen, situationsspezifisch schnell reagieren zu können. Deswegen braucht es die gesammelten und bearbeiteten Erfahrungen von Gewaltüberlebenden wie GewalttäterInnen. Hier wäre eine Schwerpunktsetzung bei der Vergabe von Themen für Bachelor- und Masterarbeiten in den Bereichen Anthropologie, Ethnologie, Pädagogik, Psychologie und Soziologie sinnvoll.

Literaturhinweis: Das lange Jahre vergriffene Buch “Schaff’ dir einen Friedensgeist – Gewaltprävention im Alltag” von Rotraud A. Perner ist endlich wieder unter dem Titel “Gewaltprävention im Alltag” als Taschenbuch (aaptos Verlag, € 15,40) erhältlich – mehr Info auf www.perner.info.