Vergessen

Halt! Gewalt!

Der von mir unlängst hier („Eliten“, 25. 11.) zitierte Reginald Földy, mit dem ich gemeinsam „Die starken Zweiten – Träger des Erfolgs“ geschrieben habe, kam nicht mehr dazu, sein geplantes Österreich-Buch „Glücklich ist, wer vergisst – das Operettenlibretto als Staatsräson“ zu schreiben. Schade. Er hätte heute viel dazu zu sagen, wenn Bundespräsidentschaftskandidaten des Vergessens geziehen werden (kommentiert von  Viktor Hermann in den Salzburger Nachrichten, 30. 11.).

Vergessen gehört zu nach Sigmund Freud zu den Fehlleistungen: Man vergisst, woran man nicht gern erinnert wird – aber man weiß zumindest, dass man es einmal gewusst bzw. sicher nicht gewusst hat (wie einer meiner Klienten die Vornamen seiner one-night-stands, weil ihn die nicht interessiert hatten und die Person selbst auch nicht). Im Gegensatz zum Verdrängen, bei dem keinerlei Erinnerungsspur mehr verfügbar ist.

Man vergisst auch, wo man nicht von ganzem Herzen dabei war – denn bei „Halbherzigkeiten“ sind ja beide Anteile gleich präsent. Deswegen lohnt Lügen nicht – man muss sich dann ja alles genau merken – und wie die meisten Juristen wissen, erkennt man eingeübte Phrasen gerade an der Perfektion des ohne viel Nachdenkens schnellen Herunterschnurrens von Informationen.

Nachdenkende Menschen sind eher langsam und zögerlich – so wie der letzte Bundespräsident Heinz Fischer, und das ist gut so.

Es gibt aber auch das Stressvergessen. Die meisten Menschen kennen das so ab dem 40. Lebensjahr: Man geht aus dem Zimmer etwas zu holen und vergisst auf dem Weg was es war – und geht zum Ausgangspunkt zurück und weiß es wieder und startet neuerlich und schon wieder ist das Ziel verflogen … Oft braucht es zwei bis drei Wiederholungen … Ich vergleiche das gern mit einem übervollen Koffer, in den man noch etwas hineinpacken will und es rutscht immer wieder heraus … aber wenn man sich auf den Koffer drauf setzt (also mit Gewalt!) gelingt das Hineinpressen manchmal doch.

Alexander van der Bellen – wie ich 72 Jahre alt – gibt also erfrischend ehrlich zu, dass er vergessen hat, wie er zu Zwentendorf abgestimmt hat. Ich weiß es auch nicht mehr.

Gerade bei Menschen, die geistig arbeiten (und insbesondere wissenschaftlich und auch up to date bleiben wollen), aber auch allen, die mit einem übervollen Arbeitsleben zurechtkommen müssen, wird „triagiert“; Triage ist ein Begriff aus der Notfallsmedizin für Situationen, in denen mehr Patienten zu versorgen sind, als die Anzahl der Ärzte und Pflegepersonen schaffen kann. Dann wird gedrittelt in die, die überleben auch wenn sie nicht sogleich versorgt werden und die, bei denen Behandlung voraussichtlich das Leben nicht verlängert, und man konzentriert sich deshalb auf das dritte Drittel in der Mitte dazwischen. Auch wenn es grausam klingt – es ist die Vorgehensweise, bei der am meisten Menschen überleben können.

Ebenso muss man gerade als geistig Arbeitender die eigene Arbeitskraft portionieren – und entscheiden, wo man in die Tiefe arbeiten will und wo nur oberflächlich hinweg eilen. Das ist wichtig, um nicht gegen sich selbst gewalttätig zu sein.

Ich beispielsweise triagiere immer – sonst würde ich mein immenses Arbeitspensum nicht bewältigen. Ich wehre oft ab mit „So genau will ich das nicht wissen“ (das hab ich von einem Lied vom Ostbahn-Kurti abgeschaut bzw. abgehört!) oder „Bitte belasten Sie mich nicht mit Unwichtigem!“ (das hab ich von meinem verstorbenen Ehemann, der, wenn jemand mit „wichtig“ drängte, nicht „warum?“ fragte sondern „für wen?“ Was für mich unwichtig scheint, vergesse ich gleich – auch auf die Gefahr, dass man das mit voller Diskriminierungsabsicht meinem Alter zuschreibt und mich damit aus dem Weg für die nachdrängende Konkurrenz (die meine Qualifikationen und Kompetenzen gar nicht haben kann) schieben will. Immerhin will laut Standard vom 21. 11. jeder fünfte Jugendliche Ältere in die Arbeitslose schicken. Besser wäre mit ihnen zu teilen und von ihnen zu lernen.