Unterrichtspflicht

Halt! Gewalt!

Die der extremen Rechten zugezählte französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen will Schulbildung auf Inländer einschränken, lese ich heute auf www.orf.at/#/stories/2370273/ , denn „die nationale Solidarität“ müsse sich „gegenüber Franzosen äußern“, und: Ausländer sollten nicht erwarten können, dass „ihre Kinder umsonst ausgebildet werden“.

Der Wiener Arzt und Sozialreformer Julius Tandler (1869–1936) hingegen wusste: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.“ Wo immer man auf Probleme trifft, hängen diese mit fehlender Bildung zusammen – und wenn dies nur darin besteht, keine anderen Verhaltensoptionen zu kennen als gewalttätige, kriminelle, pathologische oder wie auch immer sozial unerwünschtes Verhalten bezeichnet wird. Ohne ein Minimum an Bildung landet man im Out – in der Arbeitslosigkeit, im Gefängnis oder bestenfalls in der psychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxen, aber auch dort braucht man ein Miminum an sinnerfassendem Hören (!), nicht nur Lesen.

In Österreich haben wir keine Schulpflicht, sondern Unterrichtspflicht (darf das also auch im trauten Heim absolvieren) – man muss allerdings deren Erfolg den staatlichen Einrichtungen gegenüber nachweisen, und das ist gut so. Diese noch von Maria Theresia stammende Regelung bedeutete ein Entgegenkommen gegenüber den damaligen Lebensverhältnissen auf einschichtigen Bauernhöfen oder laufenden „Stationswechseln“ von „wandernden“ Familien. Das gilt heute nicht mehr.

Heute hoffen vor allem Sozialarbeiter_innen auf die in Österreich nächstes Jahr in Kraft tretende Ausbildungspflicht, denn noch immer gibt es viele Konflikt vermeidende Eltern, die erfreut sind, wenn Sohn oder Tochter daheim stets zur Verfügung steht (oft auch Schule und Lehrkräfte schlecht machen) und nicht an deren Zukunft und ihre eigene Sterblichkeit denken, wenn sie ihren Nachwuchs nicht mehr finanzieren können. Ich erfahre in der Supervision von Sozialarbeiter_innen immer wieder, wie sehr diese versuchen, die gegenständlichen Eltern zu motivieren, dass sie die Notwendigkeit von Bildung vermitteln bzw. unterstützen und nicht als „Holschuld von Schule oder Jugendamt“ von sich wegschieben.

Wen wundert es also, dass Österreich schon wieder kein gutes PISA-Zeugnis erhalten hat?

Bildung beginnt dort, wo die Kleinen singen, tanzen, bauen, malen, schauspielern und – lesen! Damit werden die sogenannten Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte gefördert – nur werden diese „musischen“ Fächer laufend vermindert (auch im Ansehen, leider!). In den 1970er Jahren, als es noch Schulfernsehen gab, gab es auch im ORF noch Eltern informierende Sendungsserien wie „Spiel – Baustein des Lebens“ oder „Buch – Partner des Kindes“ samt Begleitbuch und Gruppenabenden in Volkshochschulen. In den 1990er Jahren erkannte zumindest Walter Schiejok – selbst Pädagoge – den Mangel an Elternunterstützung und bat mich um ein Konzept (das noch immer in meinen Schubladen schlummert, weil er als Hauptabteilungsleiter vor der Verwirklichung ausschied). Deswegen vermittle ich ja auch in der von mir erfundenen PROvokativpädagogik Methoden (nicht zu verwechseln mit der Imitation Provokationspädagogik meiner Epigonen), wie Lehrkräfte heute in Konkurrenz gegenüber bildungsfernen Fernsehhelden reüssieren können …

Nun hat Österreich einen höchstgebildeten Mann zum Bundespräsidenten gewählt. Ich wünsche mir, dass er sich als erster nicht nur in Sonntagsworten sondern als Vorbild in  Person immer wieder für Lust auf Bildung, und da vor allem für das Lesen einsetzt!