Toni Erdmann

Halt! Gewalt!

Logischerweise erfüllt es eine/n mit Nationalstolz, wenn ein österreichischer Schauspieler in Oscar-Nähe rückt, und aktuell: Peter Simonischek ist ein wunderbarer Mime.

Dennoch halte ich meine Kritik an der „Tragikkomödie“ „Toni Erdmann“ – wie auch in meinem Buch „Heilkraft Humor“ — aufrecht. Schon der Wortteil „Tragik“ lässt ahnen, dass es gar nicht lustig zugeht. Und der Wortteil „Komödie“ weist darauf hin, dass irgendwelche Leute veräppelt werden – im Gegensatz zu einem Lustspiel, wo es „lustig“ zugeht, wenn „gespielt“ wird.

Andere Personen mit selbstdefiniertem Humor zu bedrängen, wie es die Titelfigur Herr Erdmann im Film nicht lassen kann, ist nicht humorvoll sondern ziemlich gewalttätig.

Das beginnt schon in der Anfangsszene, in der er dem Postboten – und Postboten stehen ziemlich unter Zeitdruck! – mit Flunkereien unnötig aufhält, haha.

Dass er kurz darauf große Sehnsucht nach seiner Tochter bekommt, wurzelt offensichtlich darin, dass sein alter Hund das Zeitliche segnet. Er hat „Entzugserscheinungen“ – verständlich, wenn plötzlich die nächste Bezugsperson, in diesem Fall eine tierische wie bei vielen alten Menschen – verstirbt. Also  macht er sich auf nach Rumänien oder Bulgarien, genau habe ich mir das nicht gemerkt, und platzt unangesagt in das Leben seiner Tochter, die – auch unter Zeitdruck – zwischen Meetings und Auftragsakquise pendelt und ihre Freizeit lieber mit Freundinnen und (so scheints, weniger gerne mit einem Lover) verbringt als mit dem Fremdkörper Papa.

Der hat zu viel Zeit – und das bringt bekanntlich auf dumme Gedanken.

Statt sich anzupassen, versucht er zu blockieren.

Dass er es mit falschem Namen, falschen Zähnen und falschen Haaren inszeniert, zeigt, dass er des offenen Gesprächs nicht mächtig ist. Außerdem finde ich dieses „Outfit“ ziemlich unappetitlich. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden …

Er findet das Leben seiner Tochter nicht richtig – vor allem, weil er darin keinen Zufluchtsort in seiner neuen Einsamkeit findet. Dass sie sich durch seine Brutalspäße „anstecken“ lässt und dann erst ihren Freund, dann ihre Freundinnen und Kollegenschaft „lustig lustig“ vergrault, sehe ich nicht als psychische Weiterentwicklung, sondern als Rückfall in die anal-sadistische Phase der Kindheit (zwischen 2 und 3!). Was soll bitte lustig daran sein, den liebeslustigen Lover zu zwingen, auf ein petit four zu ejakulieren und dies dann vor seinen Augen – statt Geschlechtsverkehr! – scheinbar genüsslich zu verzehren? Das ist vielleicht lustig für Zuseher, die dabei ihre sadistischen Seelenanteile ausleben können – aber für den Liebhaber?

Im heutigen Kurier wird die Tochter als „verbissen“ bezeichnet. So habe ich sie nicht erlebt. Nur weil die Darstellerin „schmale Lippen hat (und diese nicht überschminkt wie so manche andere)? Und als „karrierebewusst“, wo sie einfach um ihren Job bangt? Dahinter versteckt sich doch die Forderung, Töchter haben anmutig, sanft und lieblich zu sein, um Papa die fehlende Partnerin zu ersetzen und überhaupt grundsätzlich Freude zu bereiten!

Dass das alles und noch viel mehr nicht leicht zu (schau)spielen ist, und dass es gelungen ist, soll anerkannt werden. Aber die rückschrittlichen Tendenzen in dem Film gehören auch thematisiert – und nicht, sich nur unkritisch den guten Rezensionen der Filmkritiker (männlich) anzuschließen, ohne die geheimen Botschaften zu erkennen (unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ablehnung von Frauenarbeit), die mittels des Films möglicherweise enttarnt werden sollten.