Strafangemessenheit

Der Pädagoge, der seine Sexualität mit Schülerinnen ausleben mochte (vgl. „Brief“ 128), ist – nicht rechtskräftig – zu zwei Jahren unbedingter Haft (unter Anrechnung der Untersuchungshaft) verurteilt worden.

Viele, die das jetzt aus den Medien erfahren und auch die Erwägungen des Gerichts, einerseits das reumütige Geständnis und den bisherigen untadeligen Lebenswandel des Beschuldigten – aber ist Letzteres nicht eigentlich selbstverständlich, überhaupt für einen Pädagogen, also jemand der Kinder und Jugendliche aufs Leben vorbereiten soll – als strafmildernd zu berücksichtigen, andererseits hingegen die lange Dauer und die Vielzahl der Übergriffe (samt zumindest visueller Dokumentation) als erschwerend zu bewerten, mögen dieses Urteil als zu hart empfinden.  Ich vertraue da auf die Richterschaft: Sie haben den exakten Überblick über die Fakten und konnten die an dem Delikt aktiv wie passiv Beteiligten wahrnehmen – „wahr“ nehmen. Sie mussten sich ja als Vertreter des Staates innerhalb der Bandbreite von „Folge Deinen emotionalen Impulsen!“ und „Sei achtsam, dass Du anderen keinen Schaden zufügst!“ positionieren – so wie wir alle auch.

Dass sich aus dieser Polarität ergebende Dilemma wird klar, wenn man bedenkt, wie leicht ein Erwachsener die Unerfahrenheit, die Gefühlsstürme und das Bedürfnis, sich als bereits „erwachsen“ zu gerieren, für seine eigenen Zwecke und Phantasien ausnutzen kann. Ich habe in meiner fast fünfzigjährigen Berufserfahrung als sowohl Juristin und Sozialtherapeutin wie auch Psychoanalytikerin immer wieder Sätze gehört wie „Ist es nicht das Beste, wenn der Vater die Tochter in die Sexualität einführt?“ (von einem steirischen Religionslehrer!) oder „Ist doch besser, ein Erwachsener ist der Erste das als irgend so ein dahergelaufener Bursch!“ (niederösterreichischer Gendarm) oder Zitat einer Tochter: „Da hat mir der Papa als ich sechzehn war seinen Penis in die Hand gedrückt und gesagt, ,Jetzt wird es Zeit, dass Du lernst, wie man damit umgeht!‘ “ Hinter all diesen Aussagen steht ein narzisstisches Selbstverständnis, man(n) selbst sei der beste und daher einzige Hobby-Sexualpädagoge und die Zauberkraft des eigenen Unterleibs der wahre Weg zum Glück (und diese Selbstüberschätzung gibt es umgekehrt auch in weiblicher Form).

Solange sich der jüngere, an Wissen und daher Macht unterlegene Teil dieser ungleichen Beziehung nicht seelisch weiter entwickelt, scheinen solche „schiefen“ Symbiosen auch zu funktionieren – bis durch einen Reifungsschritt eine altersmäßig und damit auch im Lebensstil passendere Partnerperson attraktiver wird und Unterschiede wie Schuppen von den Augen fallen.

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass bei erwachsenen Paaren mit großen Altersunterschieden oft Jahre der Gewissenserforschung vergehen, bis der gegenseitigen Anziehung wohlüberlegt nachgegeben wird. Wird hingegen der jugendliche Teil solch einer Paarung erwachsen, kommt ihm plötzlich der Ausbeutungsaspekt zu Bewusstsein – verstärkt, wenn die ältere Person versucht, ihren Verlust an Einfluss und Macht zu verhindern. Aus diesem Grund finde ich das Straferkenntnis vor einigen Tagen, mit dem der Stiefvater eines jungen Mannes wegen einer mehrjährigen sexuellen Beziehung mit „Treuevertrag“, d. h. der Stiefvater würde mit der Mutter des Jugendlichen nicht mehr koitieren und der Stiefsohn müsse auch treu sein, zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt wurde, als unangemessen milde (wobei mir das Wort „milde“ unpassend erscheint, aber mir fällt augenblicklich kein besseres ein).

Was mir aber unverständlich ist – aber vielleicht fehlt hier etwas in der medialen Berichterstattung – ist, dass in beiden Fällen keine Psychotherapieverpflichtung ausgesprochen wurde. Wer die sexuelle Selbstbestimmung von Jugendlichen manipuliert, dem mangelt es an nicht nur an Wissen über die Folgen (auch Spätfolgen), sondern vor allem an Fürsorglichkeit, Einfühlung wie auch Selbstregulation. Das disqualifiziert nicht nur für pädagogische Berufe sondern für alle, die Einfluss auf Menschen ausüben (daher quasi alle). Will man Resozialisierung ernst nehmen – und Manipulation ist wie alle Formen von Gewalt und seien sie noch so gering und subtil (ausgenommen Selbstverteidigung) asozial bzw. dissozial – dürfte man auf diese Chance einer Selbstverbesserung nicht vergessen.