Sprachkompetenz

Seit Jahren klagt die Pädagogenschaft über den zunehmenden Mangel an „sinnerfassendem Lesen“.

Ich beobachte zunehmend auch sinnerfassendes Zuhören.

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an die beiden TV-Spots, wo in dem einen die Steckdose hoch oben an der Wand abgebracht war und sich der Elektriker mit „Aber Sie haben doch 30 cm gesagt!“ verteidigte – nur war diese Maßangabe eben von unten gemeint – und im anderen befand sich das Urinal zwischen Kochherd und Spüle und der Wohnungsmakler sagte in etwa „Ist doch praktisch – da kann man die Essensabfälle gleich wegspülen!“

Es geht aber nicht nur um sinnerfassendes Lesen und Zuhören – es geht auch um sinnklares Sprechen.

Gestern etwa war ich eingeladen an einer Oe24-Diskussion zu „Frauen im Wahlkampf“ teilzunehmen (die heute um 21.30 gesendet wird) – übrigens die erste mediale Diskussionsrunde, die Raum für die bisher fehlenden (!) Frauenthemen bieten wollte – denn immerhin stellen Frauen die Mehrheit der Bevölkerung. Leider war ich die einzige, die versuchte, die mangelnde Teilhabe der Frauen zur Sprache zu bringen (bei wirtschaftlicher Teilhabe steht Österreich nur an 84. Stelle!) – auch eine Form von Gewalt!

Gegen Ende der Gesprächsrunde betonte ich die Wichtigkeit von „Bildung“, wenn man Gewaltprävention ernst nehmen will – aber die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin der FPÖ und nunmehrige Spitzenkandidatin der Freien Liste Österreichs (FLÖ), Barbara Rosenkranz fiel mir ins Wort, es ginge nicht um Bildung sondern um „Erziehung“. Leider konnte ich aus Zeitmangel nicht mehr replizieren, daher tue ich es jetzt:  Bildung ist der umfassendere, weitere Begriff. Erziehung ist eine Unterform – und zwar eine subtil gewalttätige!

Frau Rosenkranz hat nach der Matura kurzfristig Geschichte und Philosophie (offenbar fürs Lehramt) studiert, ehe sie ihre zehn Kindern gebar und aufzog. Sie sollte also eigentlich sensibel für diesen Unterschied der Begriffe sein – außer man hat damals – sie hat 1976 maturiert – in der Einführung in das philosophische Denken darauf keinen Wert gelegt. (In meinem Erststudium der Rechtwissenschaften 1962–1966 übrigens auch nicht – jetzt aber im Theologiestudium 2010–2015 sehr wohl!). Oder sie benutzt bewusst den Begriff Erziehung, weil sie Strenge und Härte für die richtige Form hält, Kinder auf soziales Miteinander und Gewaltverzicht vorzubereiten.

Bildung bedeutet neuronale Vernetzungen anzuregen. Allerdings sind diese Erkenntnisse der heute computergestützten Gehirnforschung und ihre allgemein verständliche Versprachlichung  jung – gerade einmal zwanzig Jahre alt. Wer in den 1970er Jahren studiert hat, konnte davon nichts erfahren – lebenslange Weiterbildung – Bildung! – wäre daher dringend angesagt. Aber leider lassen sich Politiker(innen) lieber ideologisch briefen als sich selbst, was die Sozialwissenschaften betrifft, umfassend und kritisch zu bilden – oder zumindest respektvoll nachzufragen, was jemand anderer (in dem Fall ich in meiner Kompetenz als Hochschullehrerin) meint.