Sozialporno

„Sozialporno“ nannte heute der Kameramann von Servus-TV, der mich dazu gefilmt hatte, die Berichterstattung mancher Medien über den angegebenen Erstickungs-Tod eines acht Monate alten Säuglings und den Selbsttötungsversuch seiner Mutter mit der Verknüpfung zu einem vermuteten Sexualdelikt in der Familie.

Es liegt nahe, in der Konfrontation mit solchen dramatischen Einzelheiten nach der einzigen Ursache zu suchen. „Juristisches“ Denken fragt nach einem Schuldigen, einer Kette von Schuldverknüpfungen oder auch unterlassenen Hilfestellungen: Er ist schuld heißt dann auch, wer wird bestraft bzw. wer muss für den Schaden aufkommen. Die Kunst der Rechtsanwälte besteht darin, Schuld zu behaupten oder abzustreiten und „umzuverteilen“ – den Tatsachen entsprechen muss das aber deshalb noch lange nicht. „Systemisches“ oder „komplexes“ Denken hingegen fragt nach viel mehr beteiligten Faktoren – vor allem auch nach Beziehungen und Befindlichkeiten.

Der Redakteur von Servus-TV, der mich heute zu dem „Fall“ interviewt hat, hat mich demnach auch gefragt, wie dieses tragische Geschehen hätte verhindert werden können.

Meine Antwort war eine „komplexe“: Zuerst sollten alle Menschen im Biologieunterricht erfahren, wie man welche leibseelischen Zustände bei sich wie bei anderen erkennt – eine fehlende Aufgabe für die nur mit Messungen und Impfungen beschäftigte Schulärzteschaft!

Des Weiteren braucht es in jeder Abteilung der nunmehr „Gesundheits- und“ Krankenhäuser genannten Einrichtungen patienten-nahe MitarbeiterInnen – das sind üblicherweise die Krankenpflegepersonen! – die dann auch in dieser Psychodiagnostik kompetent seien sollten und „betreuen“ dürfen. Es reicht eine Kurzausbildung in Defusing und Debriefing, wie sie üblicherweise FlugbegleiterInnen haben (sollten), die ja auch damit rechnen müssen, dass man plötzlich „die Fassung verliert“ (siehe auch mein Buch „Als Pfarrerlehrling in Mistelbach“, Seite 21) in Verbindung mit einer von mir entwickelten Methode, die ich „Spesifikation“ (mit s, abgeleitet vom lateinischen spes, Hoffnung), benannt habe.

Man braucht keine Fachleute aus Psychiatrie und Psychologie – die diese Methoden ja meist auch weder universitär noch in der Praxis vermittelt bekommen haben, außer sie haben spezielle Zusatzausbildungen absolviert – um „menschlich“ und zugleich „professionell“ handeln zu können. Man braucht nur Vorbild und Anleitung und – Zeit! Daher braucht es drittens ein zugestandenes „Zeitfenster“, um die Befindlichkeit – Stimmung und Antrieb – zu erkunden und dann zu begleiten (oder Begleitung zu organisieren – ein mögliches Praxisfeld für Psychotherapie Studierende!) und nicht durch den Zeitdruck die Humanität verkümmern zu lassen, weil man sich zwischen Pflegearbeit und Hilfsdiensten für Ärzte, sowie Dokumentationspflichten und Angehörigenbetreuung zerspragelt.

Wenn jemand in dem Zustand ist, das Leben nicht mehr aushalten zu können oder zu wollen, braucht er oder sie einen Beistand mit belastbarer „holding function“: Jemanden, der einen „hält“ und aushält – so lange bis die Krise durchgestanden ist – und nicht nur „niederspritzt“. Wie man das macht, das gehört medial vermittelt – und nicht das Spekulieren über mögliche „Schuldige“, das alle in einer Familie samt Nahumfeld beschädigt.