Selbstermächtigung

Eigentlich wäre Selbstermächtigung ein Verhalten, dass darauf verzichtet, sich immer einer Elternfigur zu unterwerfen, die „erlaubt“, was man möchte — oder eben nicht. Also ein Ausstieg aus den Sado-Maso-Spielen, wie sie in dem „Witz“ thematisiert werden, in dem der Masochist devot den Sadisten anbettelt „Quäle mich!“ und der grinst sadistisch (wie denn anders?) und sagt „Nein!“

Eigentlich wäre Selbstermächtigung daher ein wohlüberlegtes Aufrichten aus zögerlicher Kindlichkeit weil man vertraut, dass die Eltern alles schon besser wissen werden; sie wäre ein Weg, selbst die nötigen Kompetenzen zu erwerben, um keine „Besserwisser“ mehr zu brauchen sondern nur mehr korrekte Vorbilder, vor allem aber eine Sprache, die auf Gewalt verzichtet.

Diese vermisse ich, wenn ich heute in den Tageszeitungen lese, die SPÖ werde im Nationalratswahlkampf mit dem zentralen Slogan „Ich hol mir, was mir zusteht“ die Plakatwände voll kleistern (lassen).

Für mich ist das eine unterschwellige Aufforderung zu Diebstahl, Raub und Vergewaltigung — die durch die Ich-Form der Aussage direkt auf unbewusste Identifikation mit den abgebildeten Personen zielt: dem lachenden Bauhelm-Träger, dem lachenden Kleinkind samt Mutter und der lachenden alt-alten Pensionistin. (Mit „alt-alt“ übersetze ich „old olds“ — d. s. gebrechliche GreisInnen, nach den Zukunftsforschern 85 + — im Gegensatz zu „young olds“, körperlich und geistig regen SeniorInnen von 60 aufwärts, die es übrigens gar nicht mögen, wenn sie auf ihr historisches Alter angesprochen werden, weil für sie ihr biologisches zählt!)

In Mark Twains „Huckleberry Finn“ nimmt dessen übergriffiger Vater dem Sohn „schnapp-dir-das“ dessen kargen Verdienst weg, begleitet mit dem Satz mit „Ich brauch das!“ Er braucht das Geld wirklich — um den Schmerz des Alkoholentzugs zu beseitigen. Ich habe diesen Satz in meiner mehr als vierzigjährigen Beratungstätigkeit immer wieder gehört, oder auch „Ich konnte nicht anders!“ Beide Sätze sind unwahr und nur Versuche, Misstrauen, Widerstand, Protest zu ersticken.

Natürlich kann man seine Bedürfnisse und seinen Bedarf auch anders füllen als mit kriminellen Handlungen — es braucht halt meist etwas länger, daher Geduld und — den Willen und die Fähigkeit zu reden bzw. zu verhandeln und den Verzicht auf Manipulation (auch eine Form von Gewalt). Ich wünsche mir mehr Bild- und Sprachsensibilität bei Plakatmachenden.