Schande

Als 2010 die Katholische Kirchen mit massiven Vorwürfen wegen sexueller Ausbeutung von Heranwachsenden konfrontiert war, wies ich in vielen Vorträgen und Publikationen (z. B. meinem Buch „Missbrauch: Kirche – Täter – Opfer“, LIT Verlag Berlin) darauf hin, dass nicht nur die Institution beschädigt würde sondern alle, die ihr zugehören oder sich mit ihr verbunden fühlen, weil sich so ein Schandfleck ausbreitet.

Jetzt ist die SPÖ mit solch einem Schandmal befleckt – und damit ebenso alle, die sich ihr verbunden fühlen oder verbunden waren. Dazu gehören auch diejenigen, die sich schon immer daran delektierten, Mitbewerber zu „schänden“. Was auf der Kabarett-Bühne noch als satirisch durchgehen mag, gehört in den sozialen Medien vor den Strafrichter – und zwar nicht, weil es die Ehre beleidigt oder unmoralisch wäre, sondern weil es die Gesundheit schädigt.

Wenn in den Sprüchen Salomos (26,27) von der listig angelegten Grube die Rede ist, in die man selbst hineinfällt, oder dem Stein, den man wälzt und der auf einen zurück kommt, so kann man diese Warnung auch so interpretieren, dass man mit Aggressionen (und seien sie noch so subtil als Spaß getarnt) ein Klima schafft, dem man auch selbst nicht entkommt. Dass jetzt primär nach (realen wie virtuellen) Schuldigen gesucht wird, hat vor allem in der SPÖ Tradition: Ich erinnere an ein mitgehörtes Telefonat des damaligen Zentralsekretärs Peter Marizzi an die Nationalratsabgeordnete Waltraud Schütz, die in Eva Rossmanns Buch „Unter Männern“ anonym von einem sexuellen Übergriff des damaligen Sozialministers Josef Hesoun berichtet hatte (er hatte ihr in den Klubräumen ins Dekolleté gegriffen) – jedes Mal wurde sofort nach den „Verrätern“ gesucht, aber das Inhaltliche übergangen. (Mag. Waltraud Schütz, der ich ein ehrendes Andenken bewahre, verlor in Folge ihr Mandat und starb mit nur 48 Jahren.)

Ich erinnere aber auch daran, wie Bruno Kreisky Josef Taus davor warnte, dass sein wahlkampftaktisches Krankjammern der österreichischen Wirtschaft dieser im Ausland schade – und an den Schaden für Österreich, den die Spindoktoren von Fred Sinowatz mit der „Waldheim-Campaign“ auslösten. Da wurde nicht über den Tellerrand hinaus gedacht.

Ich fühle mit: Keinem Feind wünsche ich solch ein schockierendes Erleben, wie es jetzt auf die SPÖ zurückfällt. Bosheit liegt mit fern. Ich habe zuviel davon am eigenen Leib ertragen müssen und weiß zu genau, wie sich solch Hochstress – noch dazu im Blickpunkt zahlloser Aufmerksamkeiten – anfühlt.

Schockierende Erlebnisse werden in Phasen verarbeitet: Zuerst ist man wie gelähmt (und neigt zu unüberlegten „Kurzschluss“reaktionen). Dann folgt die Phase des Nichtwahrhabenwollens – da sucht man nach Schuldigen und auch nach Erklärungen, wie es anders gewesen sein könnte, d. h. man ringt um die Bewahrung der bisherigen eigenen Identität und – „agiert“. Dann folgt eine Phase tiefer Depression – die Kraft ist weg, man nähert sich immer mehr einem Tiefpunkt, will nur mehr Ruhe haben – bis in der vierten Phase die Kräfte wiederkehren und man imstande ist, ernsthafte Schritte gegen die tatsächlich Schuldigen zu setzen und auch eigene Anteile wahrzunehmen. Jede Intervention „von außen“ wie gut gemeinte Ratschläge, auch wenn sie von Profis (z. B. PR-Beratern oder Rechtsanwälten)  stammen, behindern den zeitaufwändigen eigenen „Heilungs“prozess. Aber in der heutigen Mediengesellschaft, in der Journalisten im Konkurrenzkampf um die neuesten Stories rennen (müssen), bleibt kaum Zeit zum Nachdenken – man muss daher „intuitiv“ – aus der eigenen Ethik und Wesenstiefe – handeln, auch wenn man sich dabei von sich selbst in der Vergangenheit distanzieren muss. Das Wort dazu heißt Reue. Sie hat reinigende Kraft – und ist mehr als eine Entschuldigung (daher halfen die päpstliche Entschuldigungen den Traumatisierten nicht).

Klimawandel ist angesagt: Stopp den viel zu vielen Fernsehdiskussionen (die nur anstacheln, „Gegner“ zu „besiegen“), Plakaten, Aktionen (Was wäre der „Pizzabote“ ohne mediale Dokumentation?) und stattdessen Rückkehr zur Sachlichkeit: Für jederman zugängliche Diskussionsveranstaltungen mit Zählkarten und Eintrittsgeld zugunsten von Sozialprojekten – dann wird sich jedermensch überlegen, was ihm das wert ist. Und um Werte sollte es ja auch gehen – oder?