Radikalisierung

Halt! Gewalt!

Frei nach Marx und Engels könnte man formulieren: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Radikalisierung.“

Das Wort Gespenst leitet sich von dem althochdeutschen „spanan“ – reizen bzw. anspannen – ab. Entkleidet man den Begriff seiner bildlichen Vorstellung, so zeigt er sich als Auslösereiz für Furcht oder Angst oder umgekehrt für Neugier und Entdeckerlust.

Ähnlich ergeht es den meisten mit dem „Gespenst“ Radikalisierung: Die einen wählen aus Angst „Ranghohe als Fluchtziel“ (Irenäus Eibl-Eibesfeldt) – beispielsweise machtdröhnende Politiker – die anderen meinen, die generelle Analyse der Entstehungsgeschichte reiche, Schlüsse und Handlungen daraus sollten wiederum andere – Politiker – ziehen. Sinnvoll ist aber vor allem, individuelle Genealogien „in Beziehung“, d. h. im Dialog, auf Gemeinsamkeiten zu vergleichen und Präventivstrategien zu entwickeln. Das ist die zeitaufwändigste Methode. Sie hat aber den Vorteil, dass damit Vorbildverhalten für den Alltag entwickelt und für viele „Nachbarbetroffene“ nachvollziehbar gemacht werden kann.

Die Geschichte – vor allem unsere mitteleuropäische des vorigen Jahrhunderts – hat deutlich gemacht, wer für Radikalisierung besonders anfällig ist: Sehr junge Männer ohne Vision, wie sie sich zu geachteten (!) Mitgliedern der Gesamtgesellschaft entwickeln könnten, und ältere, die diese Visionen verloren haben. (Frauen erweisen sich als Mitläuferinnen aus Liebe oder Angst.) Beide Gruppen bilden die Zielgruppe für quasi militaristische Vereinigungen, in denen sie sich durch Anpassung und Gehorsam hierarchisch „hinauf“ arbeiten und damit endlich „erhaben“ fühlen können. Auch wenn solche „mentalen Auffanglager“ aus Sicht des Staates anarchistisch scheinen, zeichnen sie sich intern durch klare Herrschaftsform (archein heißt im altgriechischen herrschen – vgl. Monarchie, d. i. Einzelherrschaft) aus und streben insgeheim wie auch in Medienbotschaften deklariert nach Herrschaftsübernahme (Errichtung eines „Gottesstaats“ ähnlich dem germanischen Führerstaat in der  NS-Zeit). In Dürrenmatts Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ erklären die beiden Zündler auch offen ihren Quartiergebern, dass sie die gesuchten Feuerteufel sind … aber die halten das für einen Scherz, bis ihr Heim in Flammen aufgeht (eine retrospektive Metapher zur politischen Genese des Nationalsozialismus).

Was also tun in Zeiten verbriefter Meinungsfreiheit, wenn man nicht in die seinerzeitige Blockwartmentalität verfallen will? Lehrkräften wie gleichsam der Müllerstochter im Märchen vom Rumpelstilzchen die Last aufbürden, aus Stroh Gold zu machen? Abwarten, bis es hinreichend genug Studien gibt, wie oben angeführt? Alle „Gefährder“ präventiv einsperren (was dem Rechtsstaat mit seinem Anspruch auf Freizügigkeit der Person widerspricht, sofern diese nicht nachweislich oder durch Indizien verdächtig das Strafgesetz gebrochen habt)?

Aus sozialtherapeutischer Sicht gilt es, Menschen so früh wie möglich Achtung, Beachtung und Hochachtung zu geben – im Elternhaus, in den Erziehungseinrichtungen, im behördlichen Umgang, vor allem aber auch in den Medien.

Ächtung ist kontraproduktiv – sie drängt nur in den Untergrund und verstärkt die Attraktion von Subkulturen. Es braucht anziehende Alternativen zum Heldentod (wie auch zum sozialen Tod). In der psychoanalytischen Sozialtherapie, wie sie im Wiener Modell der 1970er Jahre entwickelt wurde, wurde auf Kunst und Sport gesetzt. Ich selbst habe in der von mir darauf basierenden entwickelten Methode PROvokativpädagogik noch einige andere Betätigungsfelder einbezogen. (Die Methode kann derzeit nur bei mir gelernt werden s. www.salutogenese.or.at). Vielleicht sollte ich doch mit meinen Erfahrungen und Konzepten antichambrieren gehen – aber das widerspricht meinem Stolz. Und genau deswegen bin ich sensibel dafür, den Stolz anderer Menschen nicht zu verletzen.