Rache süß?

Es ist nicht Rache an irgendwem, der einen gemobbt hat – es ist Rache an einem Leben, das einem den Erfolg versagt, der in Film und Fernsehen vorgegaukelt wird (vorausgesetzt man hat die richtigen Freunde, den richtigen Job und kauft die richtigen Produkte). Mobbing, Beschimpfungen, grobe Kritik oder einfach nur Ignoranz – all das kann zum Auslöser werden, wenn das Fass der Demütigungen schon übervoll ist. (Deswegen sollte nachgeforscht werden, ob so etwas in den letzten Tagen vor dem Eklat vorgefallen ist – aber vermutlich wird es abgestritten.)

Seelische Verletzungen unterscheiden sich in ihrer Wirkung auf das Gehirn nicht von körperlichen Schmerzen, wie der Freiburger Psychoneurologieprofessor Joachim Bauer in seinem Buch „Schmerzgrenze“ aufzeigt. Es sollte eigentlich bekannt sein, dass man sich als Laie verletzten Tieren nicht nähern soll, weil sie einen anfallen – und bei menschlichen Lebewesen ist es nicht viel anders. Deswegen heißt es ja auch, dass angeschlagene Boxer die gefährlichsten sind – weil sie dann nur mehr animalisch reagieren; es ist egal, worauf das geschieht – es reicht, wenn es unbewusst als bedrohlich empfunden wird.

Was Joachim Bauer noch betont, ist, dass es beim Menschen zu „unverständlichen“ Zeitverzögerungen kommen kann, wenn man keinen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Auslösereiz und dem Versuch, seine Selbstachtung wieder zu gewinnen, erkennt. Es sind aber die „Braven“, die Gewalterlebnisse stumm runter schlucken, die irgendwann explodieren und alle wundern sich dann, wieso – „der war doch immer so unauffällig“ – während die „Schlimmen“, d. h. Ich-Starken, die sich zu wehren versuchen, selten als Experten für vermiedenes Opfertum ernst genommen werden. Dabei sind sie es, die aufzeigen könnten, was so alles an alltäglicher Gewalt abläuft.

Abläuft. Jede Gewalttat hat eine Geschichte. Wie diese ausgeht, hängt vor allem auch davon ab, welche Vor-Bilder des Handelns man im Laufe der Zeit erworben hat. Gebote oder Verbote sind nicht zielführend – zielführend ist, was man sieht, und diese Bilder sprudeln nur so aus den Fernsehapparaten, Computern und Handys und werden als Wirk-lichkeit im Gedächtnisapparat eingespeichert … und wenn sie beim Betrachter Wohlgefühle von Macht auslösen, gewinnen sie eine Sogwirkung ähnlich dem Blick in die Tiefe. Der Kriminalpsychologe Thomas Müller zitiert deshalb auch immer wieder Friedrich Nietzsche mit dessen Aussage, man solle nicht zu tief in einen Abgrund blicken denn irgendwann blicke der Abgrund zurück.

Sich in eine filmreife Inszenierung hinein zu steigern ist eine der Möglichkeiten, sich von depressiven Ohnmachtsgefühlen zu befreien. Der schwarze Trenchcoat ist dann nur eine quasi Filmrequisite – entscheidend ist das „Drehbuch“, dem wie in Trance gefolgt wird – außer es gibt einen „Filmriss“. Letzthin bestand der in der Ladehemmung. In Winnenden in Deutschland war es seinerzeit der Professor am Gang, der den Schützen mit Namen ansprach „Robert, was machst du denn da?“ Wichtiger ist aber Prävention – und die besteht vor allem in aufrichtiger Achtsamkeit und Wertschätzung, in Protest und Beistand, wenn jemand gedemütigt wird – auch wenn die „Täter“ sogenannte Autoritäten sind.