Projektionen

In der Psychoanalyse bedeutet Projektion die „Abwehrform“, eigene Seelenanteile oder Verhaltensweisen in jemand anderen „hinein zu werfen“ (so die lateinische Bedeutung von „proicere“). Abwehrformen sind unbewusste Versuche, unangenehme Selbstwahrnehmungen zu vermeiden – wie es ganz ähnlich schon in der Bibel heißt: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)

Derzeit können wir solche Projektionen beobachten, wenn der türkische Präsident und seine Minister vor allem Deutschland (und Österreich mitgemeint) immer wieder als Nazis oder Angela Merkel sogar als „Frau Hitler“ bezeichnen.

Ich benenne derartige Namensgebungen als „Anspucken“ – frei nach einem Satz des weltberühmten österreichischen Kommunikationswissenschaftlers und Psychotherapeuten Paul Watzlawick, der in etwa lautet: „Immer wenn ich etwas von mir gebe, gebe ich etwas von mir.“ Egal, was man sagt – die eigenen Seeleninhalte sind mit dabei. (Wenn ich also jetzt über Projektionen schreibe, verdeutliche ich damit, worauf ich augenblicklich konkret reagiere, was also für mich Bedeutung hat – im Zusammenhang mit Projektion beispielsweise, was andere Leute in der Vergangenheit in mich hineininterpretiert haben – was also mit deren eigenen Phantasien zu tun hatte, aber nichts mit meinem tatsächlichen Leben und Erleben, und was mir weh getan hat … denn hätte es mich nicht emotional betroffen gemacht, wäre es mir egal …).

Beim Anspucken schlazt ja auch jemand etwas Eigenes auf eine andere Person – nur ist das (außer bei Babys) absichtlich um zu verletzen.

Worte und insbesondere Namensgebungen schaffen Wirklichkeit, das heißt: Sie sollen das nicht nur tun, sondern sie wirken tatsächlich, und das vor allem, wenn sie immer wieder repetiert werden. Dass in der Türkei derzeit Menschen, die es wagen, die Regierung zu kritisieren, eingesperrt werden wie seinerzeit Dissidenten in Nazi-Deutschland (oder zeitgleich in Russland, oder immer wieder auch in anderen diktatorisch regierten Staaten), von anderen Menschenrechtsverletzungen (oder „ethnischen Säuberungen“) ganz zu schweigen, sollte eigentlich allen deutlich zeigen, dass es sich hier um bewusste Strategien und Taktiken handelt, von eigenem „Nazi-Verhalten“ abzulenken (und damit auch Feindbilder aufzubauen und Deutschtürken gegen ihre neue Heimat und deren Bewohnerschaft aufzuhetzen). Aber wer sich mit der Geschichte des vorigen Jahrhunderts auskennt, weiß das ohnedies …

Projektionen sind jedoch leider auch tagtäglich in der österreichischen Innenpolitik zu beobachten: Wenn eine der regierenden Parteien der anderen Show-Bedürfnisse unterstellt, oder wenn reine Machtbestrebungen vorgeworfen werden – wo es ja der Sinn von Politik ist, Macht zu erlangen und zu erhalten, um die eigenen Ziele verwirklichen zu können – oder fachliche Inkompetenzen (wo doch jedermensch wissen sollte, dass hinter jedem Ministervorschlag intensive Arbeit der Spitzenbeamtenschaft des jeweiligen Ressorts liegt).

Mich hat vor einigen Tagen in der Diskussion nach einem meiner Abendvorträge (siehe www.perner.info) ein Mann aus dem Publikum gefragt, wie man sich vor den laufenden parteipolitischen Manipulationsversuchen schützen könne – vor allem auch, weil sie doch medial unkritisch verbreitet würden. Ich antwortete: Indem man sich immer die zu Grunde liegende Konkurrenzmethodik bewusst macht und wer damit welchen Vorteil gewinnen will. Und: Dieses kritische Überprüfen kann man bereits in der Familie einüben!

Wir alle haben das Recht auf Misstrauen! Es wird uns nur oft schon von klein auf untersagt.

Ich meine, es sollte doch genügen, einfach sachlich zu verdeutlichen, wo, wie und weshalb man andere Positionen vertritt – in der Familie daheim, wie auch in der Familie Staat und auch in der Familie Staatengemeinschaft.