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"Zukunft Schule"
Univ. Profin. Drin. Rotraud A. Perner
Expertinnen-Interview


Frau Prof. Perner, Sie beschäftigen sich nun seit Jahren intensiv mit Gewaltprävention u.a. speziell im schulischen Bereich, wie beurteilen Sie aus Ihrer Sicht die tatsächliche Lage? Werden die Kinder/Jugendlichen wirklich immer schlimmer und gewaltbereiter?

Ich sehe schon eine Zunahme von Gewaltbereitschaft und zwar nicht nur der verbalen Gewalt, wie sie etwa von den teilnehmenden Lehrkräften meiner Stress-Studie 2007 beklagt wurde. Wir erwerben nämlich unser Verhaltensrepertoire von Vorbildern, und die stammen nicht nur aus der Familie, die ja nicht immer "heil" ist, sondern viel viel mehr aus dem Fernsehen. Dass vielfach Brutalszenen nachgespielt werden, zeigen die Erfahrungen polizeilicher Einvernahmen.

Kann man sagen dass sich das Problem verstärkt weil Lehrer mit der Situation und den Anforderungen nicht umgehen können?

Ja – auch das kann man sagen. Ich habe ja seit Mitte der 1990er Jahre "Didaktik der Gewaltprävention" am Zentrum für die schulpraktische Ausbildung (Institut für Erziehungswissenschaften) der Universität Wien unterrichtet und dabei effiziente Modelle zum Umgang mit Gewaltsituationen vermittelt. Zuerst haben die StudentInnen – darunter etliche HauptschullehrerInnen, die auf den Magistergrad aufgeschult haben – gezweifelt, dann haben sie meine Anregungen ausprobiert, und dann haben sie rückgemeldet: es funktioniert!!!

Aus Ihrer Erfahrung an den Schulen und durch Ihre Forschung: wie nehmen die Lehrkräfte selbst diese Tatsache wahr?

Sie nehmen ihre eigene Gewalttätigkeit kaum wahr – nur die der anderen. Dabei geht es vor allem darum, selbst-sicher auf Gewaltlösungen verzichten zu können und Vorbild für alternatives Verhalten abzugeben. Heute suchen viele die Lösung in Mediation – aber nur innerhalb der Schülerschaft. Vielleicht auch noch mit den Eltern. Aber sich selbst sehen sie nicht als Teil innerhalb eines Mediationsprozesses. Das ist meiner Ansicht nach ein Fehler. Es geht nämlich um das Grundprinzip: Mediatorische Geisteshaltung sollten wir alle praktizieren, immer und überall, als "Technik" hilft Mediation nur bei Konfliktlösungen, die nicht rasant gehen müssen. Mediation ist halt heute modern – sozusagen als Hoffnung ... dabei haben wir, Harald Picker, Max Kompein, Klaus Rückert und andere, darunter auch ich, bereits 1975, da gab es das Wort noch lange nicht, bereits Intensivers als nur Mediation unter "Psychoanalytische Sozialtherapie" entwickelt ... Für die "Überraschung" braucht man nämlich die daraus folgende von mir entwickelte Methodik der PROvokativpädagogik. Die unterrichte ich mit KollegInnen ab Mai an der Donau Universität ((www.donau-uni.ac.at/provokativpaedagogik).

Was raten Sie Lehrkräften zu tun?

Eine Anpassung ihrer Aus – und Weiterbildung an die veränderte Schülerschaft einzufordern! In meiner Studie 2007 ist deutlich herausgekommen, dass sich Lehrer inhaltlich und methodisch, was den Stoff betrifft, gut ausgebildet fühlen, aber praktisch gar nicht für den Umgang mit kritischen, aufmüpfigen bis verhaltensoriginellen SchülerInnen.

Sind Ihrer Erfahrung nach PädagogInnen überhaupt bereit sich diesbezüglich schulen zu lassen?

Aber ja – sehr sogar. Die große Nachfrage nach dem Lehrgang an der Donau Uni hat uns selbst sehr überrascht.

Eine Frage an Sie als Sozialforscherin mit einem offensichtlich sehr ausgeprägten Sinn für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen: wie können wir uns die Zukunft vorstellen wenn nicht begonnen wird jetzt nachhaltige präventive Maßnahmen zu setzen?

Als Kampf jeder gegen jeden, steigende Kriminalität einerseits und zunehmende psychische Störungen bis Erkrankungen andererseits. Zu letzteren zähle ich auch die Alexithymie – die Fühllosigkeit. Gefühle, vor allem Mitgefühl, lernt man nur "in Beziehung". Da krankt es heute am meisten.

Wo wünschen Sie sich persönlich Unterstützung für innovative und kreative und vor allem zukunftsträchtig nachhaltige Lösungen?

In Niederösterreich bin ich sehr zufrieden – unser Landeshauptmann Dr. Pröll und der Vorsorgelandesrat Mag. Sobotka, selbst Pädagoge, unterstützen die zusätzlichen Fort- und Weiterbildungen von PädagogInnen aller Ebenen – also auch KindergartenpädagogInnen und UniversitätsbesucherInnen vorbildlich. Der Tag sollte nur 48 Stunden und die Woche 12 Tage haben ... Es wäre halt schön, wenn auch der Bund unsere Pionierarbeit zur Kenntnis nehmen würde ...

Zum Nachlesen:
Rotraud A. Perner (Hg.), "Lust & Lernen", Löcker Verlag 1998
Rotraud A. Perner (Hg.), "Mut zum Unterricht" (ISS – Studie über das Stress-Erleben von Lehrkräften in Niederösterreich), Aaptos Verlag 2007 (Buch-Auslieferung: Dr. Hain)


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