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"Das dialogische Prinzip – ein Ansatz zum Gewaltverzicht"
Univ.Lekt. Dr. Michael Benesch
Der amerikanische Physiker David Bohm schreibt: "Wir schlagen vor, gemeinsam zu erkunden, was jeder von uns sagt, denkt, fühlt, darüber hinaus aber auch die tiefer liegenden Beweggründe, Annahmen und Glaubenssätze, die dieses Sagen, Denken, Fühlen bestimmen".
Dieses Zitat trifft in aller Kürze das, was den "Dialog" – eine Kommunikationsform und vielmehr Kommunikationshaltung – so, wie ihn auch der Religionsphilosoph Martin Buber verstanden hat, ausmacht: Ein gemeinsames, von einer erkundenden Haltung bestimmtes miteinander Sprechen, bei dem es nicht um Überzeugen und Beeinflussen geht. So, dass ein ehrliches Aufeinanderzugehen möglich ist, und in dem (verbaler) Gewaltverzicht gelebt wird, trotzdem Emotionen – auch heftige – im Raum stehen! Und so, dass subjektive Annahmen und Bewertungen, die zumeist unerkannt und unbemerkt das eigene Denken bestimmen, ins Bewußtsein gerückt und dadurch entschärft werden können.
Das Wort "Dialog" ist heute ein Modebegriff – alle sind im Dialog, im öffentlichen wie im privaten Leben. Wenn sich Menschen im Zweiergespräch oder Institutionen über deren Vertreter austauschen, findet ein "Dialog" statt. Das dialogische Prinzip im Sinne von David Bohm und Martin Buber ist etwas anderes. Es ist eine Gesprächshaltung, die sich in der Praxis bewähren muss und bewährt, eine Gesprächshaltung und Gesprächsform, die gelernt werden kann und funktioniert, weil sie unter bestimmten Rahmenbedingungen abläuft und unter Anwendung persönlicher Fähigkeiten passiert, die von den DialogpartnerInnen trainiert wurden und ständig trainiert werden.
Ein Beispiel aus der Praxis:
In einem Dialog-Seminar sitzen 11 Menschen in der Runde und führen "Dialog". Einer der Gesprächspartner spricht stets vernünftig und mit nachvollziehbaren Argumenten, erntet immer wieder zustimmendes Nicken oder Äußerungen von anderen. Es geht um ein Thema, das fast alle emotional berührt, dass ihnen wichtig ist. Nach etwa einer halben Stunde macht sich in eine der Teilnehmerinnen, nennen wir sie Andrea, eine Art Unmut breit. Sie denkt: "Er spricht wie der Autor eines Sachbuches, distanziert und wohlüberlegt. Ich kann alles nachvollziehen, aber darum gehts doch gar nicht, es geht nicht um so vernünftige Argumente. Ich bin grantig und sauer und zornig. Ich will keine vernünftigen Argumente mehr hören, ich will losschreien und meinem Ärger Luft machen!!!!".
Während sie so gedankenversunken ihr inneres Gespräch führt, spricht plötzlich ein anderer Dialog-Teilnehmer genau das aus: Der "Vernunftsmensch" soll doch mal von diesem hohen Ross der Rationalität heruntersteigen und über sich selbst reden, was ihn berührt und wirklich betrifft! Andrea fühlt sich bestätigt und irgendwie erleichtert, auch darüber, dass sie diesmal nichts sagen musste wie sonst immer. Es entspinnt sich eine heftige Auseinandersetzung zwischen einigen TeilnehmerInnen, bis plötzlich jemand das Redesymbol in die Hand nimmt und für einige Minuten um ein "gemeinsames Schweigen in der Runde" bittet.
Dieses gemeinsame Schweigen, diese Entschleunigung, wird als sehr wohltuend erlebt und gibt die Möglichkeit, in sich zu gehen und die eigenen Emotionen, Bewertungen, Vorannahmen zu hinterfragen. Ohne sie in Form von Wortmeldungen nach außen tragen zu müssen, wie es sonst immer alle gewohnt sind. Andrea fällt jemand aus ihrer Verwandtschaft ein, jemand, der auch immer rationalisiert und wenig bis gar nichts über seine eigene Befindlichkeit, seine eigenen Emotionen äußert. Jemand, den sie und ihre Familie immer schon als sehr gehemmt und verschlossen erlebt haben – das ist ihr mentales Modell über diese Person, ihre subjektive Sichtweise, natürlich ohne jeglichen Anspruch auf "Objektivität", die es nicht gibt.
Ähnlich ergeht es ihr während dieser Schweigezeit auch mit dem "vernünftigen Gesprächspartner", und indem sie über all das nachdenkt, findet sie nun auch wieder Zugang zu ihm und seiner Wahrnehmungswelt. Sie kann ihm plötzlich wieder "zuhören"...
Dieses Beispiel zeigt einige der wesentlichen Elemente der dialogischen Kommunikation nach Bohm und Buber: Das Hinterfragen eigener Sichtweisen und Annahmen, das Nicht-Reden-Müssen nur um des Beitrages willen, die Entschleunigung im Gespräch. Dadurch wird eine Qualität des Austausches möglich, die zu praktischen "Mehrwerten" führt, wie beispielsweise dem gemeinsamen, kollektiven Denkprodukt, das entstehen kann (aber nicht muss!), weil wir als "Dialogiker" nicht an die kompetitiven Beschränkungen von Diskussion und Diskurs gebunden sind.
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