Positionierungen

Heute muss oft detailliert und ganz konkret erklärt werden, was man aussagen will, weil nicht nur sinnerfassendes Lesen sondern auch sinnerfassendes Zuhören immer seltener praktiziert wird. Keine Zeit – und manche Sinngebungen zeigen sich erst nach mehrmaligem Durchlesen. Das hat sich an der Aussage von Bundespräsident Alexander Van der Bellen erwiesen, als er vage in den Raum stellte, dass es noch so weit kommen könnte, dass man zu Solidaritätsaktionen aufrufen müsste um Diskriminierungen hintan zu halten.

Mich hat das an eine Interviewaussage von Rudolf Kaske, damals noch Chef der Dienstleistungsgewerkschaft, erinnert, der seinerzeit befürchtete – so habe ich es empfunden – es könne „die Republik brennen“ (oder so ähnlich formuliert), wenn einmal ein Arbeitslosenheer marschiere. Sein emotional gesprochener Satz wurde sofort als Drohung interpretiert und heftig zurück gewiesen. Als eine ähnliche Verzerrung deute ich die heftigen Reaktionen auf die Zukunftssorge Van der Bellens: Jedermensch unterstellt das, was er oder sie bekämpfen will – ganz im Sinne der Geschichte der Entstehung des Hosenbandordens: „Honi soit qui mal y pense“ („Beschämt sei, wer Schlechtes dabei denkt“ sagte der englische König Eduard III im 14. Jahrhundert, als er das Strumpfband seiner Geliebten aufhob, das ihr beim Tanz herabgefallen war, und sich selbst ums Knie band).

Heute wird offensichtlich in den Parteizentralen nur darauf gelauert, ob irgendein Politiker einer anderen Partei als der eigenen etwas sagt oder tut, das man für eine Skandalisierung verdrehen kann, und sofort bilden sich zwei „Heerlager“ von Angreifern und Verteidigern – aber niemand fragt nach, um welche Position es eigentlich geht. Ich meine: Es geht nur um die Position der Dauerpräsenz in den Medien, aber nicht um einen Dialog, was nun Diskriminierung bedeutet und was nicht.

Wenn jemand, egal ob durch Aussehen, Kleidung, Sprache oder – wie in der Bundesverfassung als mögliches „Vorrecht“ von Geburt, Geschlecht, Stand, Klasse, Bekenntnis oder Nachteil wegen einer Behinderung ausgeschlossen – wegen ethnischer oder religiöser etc. Eigenschaften aus der jeweilig anwesenden „Mehrheit“ als „anders“ hervorsticht, zieht er oder sie Aufmerksamkeit auf sich. Medien haben die Macht der positiven oder negativen Bewertung solcher Unterschiedlichkeit und viele Menschen folgen lieber dem Mainstream, als sich selbst ein Urteil zu bilden – gar nicht so sehr aus mangelndem Mut, sondern eher aus mangelnder Zeit und Gelegenheit. Außerdem bietet  es vielen ein Gefühl von Sicherheit, sich inmitten einer lautstarken Mehrheit geborgen zu wissen – und genau diese Mechanismen gehören aufgezeigt. Es erfordert Mut und hohe Selbstsicherheit, sich nicht einem verspürten Gruppendruck zu unterwerfen, sondern das Risiko auf sich zu nehmen, als „AbweichlerIn“ aus der sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.