Pizzabotendienst?

Bundeskanzler Mag. Christian Kern lässt sich mit Untertitel „Versteckte Kamera“ als Pizzabote im (vermutlich) Gemeindebau ablichten. Als ich das Video mit Absende-Adresse Georg Niedermühlbichler SPÖ zugespielt bekam, war ich sehr verwundert, ja sogar befremdet: Das ist nicht der Stil, den ich von einem seriösen Politiker erwarte, dachte ich (nicht einmal im Wahlkampf).

Wäre diese Aktion am Faschingsdienstag gelaufen, hätte ich gelacht und das als gelungenen Gag empfunden (auch wenn, wie nun aufgedeckt wurde, der Empfänger der Pizza ein SPÖ-Funktionär und Kandidat mit überraschend wohlaufgeräumter Wohnung ist).

Als Witwe eines Journalisten und PR-Beraters weiß ich klarerweise, dass es bei solchen Aktionen nur darum geht, in die Medien – vor allem auch in die sozialen Medien – zu kommen, und als heuer das 50-Jahr-Jubiläum begehendes SPÖ-Mitglied, davon 15 Jahre als Mandatarin in Wien Favoriten, vermute ich auch wohl zu wissen, wie die Parteibasis (sofern sie nicht ohnedies schon längst zur FPÖ gewechselt ist) jubeln wird … während die „von des Gedankens Blässe angekränkelten“ Intellektuellen solche Aktionen immer schon peinlich gefunden haben: Ich erinnere mich an die Kommentare zu Fred Sinowatz und Franz Vranitzky, als sie im Wahlkampf mit Showstar Marlene Charell Can Can-artig Beinchen schwangen (und Vranitzkys gequälter Gesichtsausdruck zeigte deutlich, wie unangenehm ihm diese „Pflichtübung“ war!), oder Erwin Lanc als Indianerhäuptling im Magazin „Basta“ oder Michael Ausserwinkler auf Rollerblades in den Gängen des Gesundheitsministeriums (aber das hatte wenigstens einen sachlichen Bezug zur Gesundheitsförderung).

Was mich diesmal stört, ist die Ignoranz der Arbeitsbedingungen von Pizzaboten.

Ignoranz ist auch eine Form von Gewalt – sie vermittelt die Botschaft: Du bist nicht wichtig genug, dass man sich um dich kümmert, und diese Botschaft schädigt die Selbstachtung und damit die Gesundheit. Und schlimmer noch ist es, so zu tun, als ob man sich kümmert und das dann nicht zu tun.

Fahrradboten gehören zu den ausgebeutesten Werktätigen, die bei jedem Wetter (andernfalls verdienen sie ja nichts) und mit eigenem Fahrrad zu einem Hungerlohn bedienen – weiß das denn der Kanzler nicht? Oder denkt er nur an Studenten, die bei Schönwetter spaßhalber Botenfahrten machen? Oder an Familienbetriebe von Migranten, wo alle zusammen halten (müssen).

Wo bleibt der Aufschrei der Arbeiterkammer, der Gewerkschaft? Oder kommt der nur bei Unternehmerinnen wie der medial so genannten Waxing-Lady (und ehemaligen Schönheitskönigin), die immerhin etliche Arbeitsplätze geschaffen hatte, wenn die sich gegen bürokratische Schikanen wehrt?

Enttäuscht bin ich daher auch von Kerns PR-Beratern: Wären diese sozialdemokratisch kompetent, hätten sie zu Ende des Videos eine Solidaritätsansage des Kanzlers mit all denen, die ihre Existenz durch Fahrradbotendienst zu sichern versuchen, platziert.