Organmandat der Sprachpolizei

Da lese ich heute in orf.online „Die ÖVP gibt sich weiterhin über die Verhaftung des bisherigen SPÖ-Beraters Tal Silberstein entrüstet“. Leider steht kein Name dabei, wem diese tendenziöse Formulierung – bewusst oder unbewusst, aber auch dann für die geistige Einstellung symptomatisch – in die Tasten geflossen ist. Mit dem Wörtchen „gibt“ wird ja ausgesagt, dass es sich nur um eine Pose handle und nicht um eine echte Haltung. (Korrekt wäre die Wortwahl „zeigt sich“ gewesen.)

Außerdem wird mit dieser Formulierung der Fokus auf die Verhaftung gelegt – und nicht auf das inkriminierte Verhalten, das ja erst bewiesen werden muss. Wer auch immer diesen Satz zu verantworten hat – er oder sie braucht dringend eine Sprachschulung (gerne bei mir in meiner Akademie für Salutogenese und Mesoziation (ASM)).

Hingegen besagt das Wort „entrüstet“, dass man sich der Rüstung entledigt hat – also anderen ohne Bedeckung, Maske oder Schutzhülle gegenüber tritt. Ich denke: Egal welcher Partei jemand zugehört – man muss schon von Schadenfreude triefen um nicht von Mitgefühl gepackt zu werden, wenn plötzlich jemand, dem man vertraut hat, schwerer Vergehen beschuldigt wird. Da denkt doch jedermensch spontan „Oh Gott – so was hätte auch uns/ mir passieren können!“ Denken wir nur an die Spitzensportlerin, deren Lebensgefährte plötzlich großer Betrügereien beschuldigt wird, und die glaubwürdigerweise von seinem Doppelleben keine Ahnung hatte. Denn selbst wenn sie vielleicht Verdacht geschöpft hätte, zeigen analoge Erfahrungen mit Müttern, denen intensive männliche Zuneigung zu ihren Kindern Sorgen macht, oder mit Eltern, die fürchten, ihre Tochter könne einem Heiratsschwindler aufsitzen – alles Beispiele aus meiner psychotherapeutischen Praxis wie auch der online-Beratung von www.haltgewalt.at – wenn einem dieses Misstrauen kraftvoll ausgeredet wird, „gibt“ man sich geschlagen.

Sich als etwas zu geben bedeutet, dass man das nicht ist.

Sich als etwas zu geben bedeutet aber auch nicht, dass man das nicht doch ist.

Sich gegen etwas Vermutetes auszusprechen, bedeutet nicht, dass man sich nur so gibt. Damit spreche ich Finanzminister Schelling an, dessen Sorge um geplante Umgehungen des Parteienfinanzierungsgesetzes im oben zitierten „Bericht“ (für mich ist er um als Bericht zu gelten viel zu tendenziös!) – immerhin gehört das zu seinem Job! – unsachlich mit dem Wort „Schmutzkübelkampagne“ verknüpft wird, welches SP-Bundesgeschäftsführer Niedermühlbichler aufgebracht hat. Wenn man etwas behauptet oder wie in diesem Fall interpretiert, wird es nicht wahrer, auch wenn man es immer wieder betont. Nicht nur ich mag mir diese Verbaltorpedos nicht mehr „geben“, sie sind für mich gerade bei der Partei, der ich bisher nostalgisch die Treue gehalten habe, ein fast schon unvermeidbarer Grund zum fremdschämen.

Aber vielleicht aktivieren wir die Sprachpolizei, die es einst im ORF Hörfunk gegeben hat? Quasi „in eigener Sache“?