Kritisieren – aber richtig

Es ist ja normal, d. h. gesund, üblich und (außer von autoritären Personen) gerechtfertigt, dass man Kritik übt, wenn einem etwas nicht gefällt – wenn es der eigenen Weltanschauung – Religion und Parteizugehörigkeit mitgemeint – widerspricht oder gar eigene Werte verletzt. Man sollte sich allerdings bewusst sein, dass es immer auch gegensätzliche wie auch neutrale, also beides im Blickfeld behaltende, Positionen gibt.

In den Ausbildungen in Mediation – die auch ich anbiete, allerdings zusätzlich mit erweitertem Inhalt dessen, was ich als Mesoziation benannt habe (s. www.salutogenese.or.at) – liegt der methodische Schwerpunkt genau darauf, wie man schwierige Sachinhalte so formulieren kann, dass sie als korrekt empfunden und angenommen werden (wohl wissend, dass dies immer eine Entscheidung der angesprochenen Person bedeutet: Wenn die nicht will, geht meist gar nichts weiter in Richtung Verständnis oder Einigung). Die Grundformel dabei lautet, die Beziehungsebene von der Sachebene zu trennen – oder anders formuliert: Mit dem „Sachohr“ zuzuhören und zu entschlüsseln „Was will mir die andere Person mitteilen?“ – anstatt mit dem “Beziehungsohr“, das Kritik grundsätzlich mit Respektlosigkeit gleichsetzt und entweder zurück „keift“ oder überhaupt auf Tauchstation geht und die andere Person keiner Antwort würdigt. (Alles nachzulesen bei Friedemann Schultz von Thun, „Miteinander reden 1“.)

In unserer heutigen Konkurrenzgesellschaft „spielen“ viele ohne viel nachzudenken oder gar sinnerfassend zuzuhören flugs die Machtspiele „Wer hat Recht?“ und „Wer ist Sieger?“ und orientieren sich dabei an Kabarettisten oder anderen Helden der Showbühne, ohne zu bedenken, dass das Agieren dort nicht alltagstauglich ist. Die meisten lachen dann – aus Schadenfreude oder aus Hilflosigkeit, weil sie zwar spüren, dass der verbale Schlagabtausch nicht O. K. war, aber keine Methode kennen, wie sie sich abgrenzen könnten. Mit der subjektiven Wahrheit, empfehle ich (steht auch bei Schultz von Thun! – Selbstoffenbarung nennt er dies) und das bedeutet ernsthaft und respektvoll. „Aber das klingt dann ja so hart!“ höre ich oft von meinen Klienten (meist männlich!), und korrigiere dann „Nicht butterweich oder anbiedernd zu säuseln bedeutet noch lange nicht hart – da gibt es viele Zwischen-Töne!“ und genau die braucht es, wenn man jemand Gewalttätigen in die Schranken weisen will: Genau umreißen, worauf man sich konkret bezieht, sachlich korrekt (ohne zu attackieren oder zu spotten) die eigene Position beschreiben (auf die man ein Recht hat! Meinungsfreiheit ist bei uns in Österreich ein verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht!) und dann klar zu sagen, was man vom Anderen will.

Davor sollte man aber jedenfalls nachfragen, ob das, was man vermeintlich verstanden hat, auch das war, was die andere Person mitteilen wollte.