Das Krampus-Syndrom

Halt! Gewalt!

Sprache hat Suggestivkraft. Sie kann behübschen, verniedlichen, dramatisireen, dämonisieren. Verwirren und verdummen.

Denken wir beispielsweise an die Worte Sexualstraftaten oder Sexualstraftäter. Sie konstruieren Trugbilder. Es gibt sie nämlich nicht. Es gibt nur Gewalttaten an oder mittels der Genitalien. Wenn es eine wirkliche Sexualstraftat geben soll, dann ist es die, Sexualität bestrafen zu wollen.

Bestrafen sollte man nach europäischem Rechtsverständnis aber nur Verhaltensweisen.

Was am Kölner Hauptbahnhof vorgefallen ist oder inszeniert wurde, werden wir erst wissen, wenn es Selbstdarstellungen der Täter gibt – oder präzis beobachtbare Wiederholungen – und da wir in Europa in demokratischen Rechtsstaaten leben, haben Täter das Recht auf Verteidigung, daher werden die studierten Strafverteidiger zu beweisen versuchen, dass die „armen unbeweibten“ Männer nicht anders konnten, wenn sie, aus Burka-Ländern stammend, aus ihrem Verständnis „entblößte“ und „enthemmte“ Weiblichkeit für Selbstbedienungsoptionen hielten – auch finanzielle – die man maßregeln musste.

„Züchtige Hausfrauen“ so dichtete schon Friedrich Schiller in der „Glocke“, walten „drinnen“. Kontrolliert. Eingesperrt. Wenn frau sich „hinaus ins feindliche Leben“ wagt (wie der Mann muss, so fantasierte jedenfalls Schiller, der dies für sich gut zu vermeiden wusste), ist sie nach dieser Logik selbst schuld, wenn sie „der Hetz“ – eine klassische Behübschung – zum Opfer fällt.

Ich nenne das Krampus-Syndrom. Bei der gezielt auf Frauen losschlagenden Teufelsgestalt wird Gewalt gegen Frauen als Folklore verteidigt und verleugnet, dass es um einen veralteten Brauch zur Einschüchterung geht. Und auch um Festlegung einer Hierarchie von Herr oben und pflichtgemäß devoter Dienerin unten. Folgt frau nicht, wird frau bestraft. Ich erinnere mich an einen hochangesehenen Steuerberater, der seine Freundin, eine Wirtschaftspädagogin,  bei sich einsperrte, ihr Auto- und Wohnungsschlüssel und auch das Mobiltelefon wegnahm und das als sein gutes Recht ansah – „weil sie freiwillig nicht geblieben ist“. Solchen Terror kennen auch die Kolleginnen aus den Frauenberatungsstellen, aus den Interventionsstellen gegen Gewalt, Scheidungsanwältinnen, Seelsorgerinnen … Männer empören sich oft erst, wenn es die eigenen Tochter getroffen hat.

Sich empören ist ein energetischer Wachstumsprozess, durch den jedermensch stärker, größer und damit sichtbarer wird. Bei Frauen ist er traditionell „unerwünscht“ – besonders in fundamentalistischen Weltanschauungen, egal ob diese sich auf die Natur oder Gott berufen. Frauen soll klein bleiben, sprachlos,  unterwürfig und grundsätzlich ängstlich. Der triviale Terrorismus des Alltags lautet noch immer: Nur nicht den Angehörigen „Schande bereiten“ weil aus dem traditionellen Frauenrollenbild gefallen … und dadurch womöglich aus der sozialen Gemeinschaft ausgestoßen werden. Aber genau dagegen brauchen Frauen Courage und Wehrkraft, und die gehört von klein auf trainiert. Nur Nein-Sagen ist zu wenig. Das kennen die Täter schon längst. Es braucht Nahkampftraining. Nicht nur für ExekutivbeamtInnen. Auch für alle Frauen, egal wie als und fit sie sind. Die  Trainingsprogramme gibt es längst. Man muss sie nur promoten.

Es gilt, kriminelle Verhaltensweisen als das zu bezeichnen, was sie sind: Strategien um bestimmte Ziele zu erreichen. „Antanzen“ gibt es auch durch Frauen, meist solche aus osteuropäischen Ländern, die mit Handlesen bei Frauen oder Spontanküssen bei Männern die Nähe zur Brieftasche inszenieren. Das alles gibt es schon lange, nur nicht so massenhaft synchron – und wie es scheint als Flashmob geplant.

Strategien brauchen Gegenstrategien. Härtere Strafen bringen erfahrungsgemäß keinerlei Erfolg. Härteres Durchgreifen im Akutfall schon. Alle vermutlichen Täter sofort aus dem Verkehr ziehen und ausführlich und intensiv überprüfen. Auch die Krampusse. Gleichbehandlung fängt mit Selbsterkenntnis und Abbau von Privilegien an.