Kopfbedeckungen

Die glückliche Mutter des Wiener Neujahrbabys war mit dem traditionellen muslimischen Kopftuch abgebildet – und erntete deswegen einen Shitstorm an Hasspostings und ihr kleines Mädchen sogar Todesdrohungen.

Was hat die Hater so aufgestachelt? Das Kopftuch – oder das Liebesglück der Mutter? Ist es also „nur“ Neid?

Der deutsch-israelisch-amerikanische Soziologieprofessor Amitai Etzioni (* 1929) weist in seinem Klassiker „Die Verantwortungsgesellschaft“ darauf hin, dass es der Mangel an „positiven Bindungen“ ist, der das „soziale Selbst“ an seiner Entfaltung hindert und dadurch das „unsoziale Selbst“ wachsen lässt. Dem Wiener Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner ist daher hohe Anerkennung auszusprechen, dass er eine positive „Abwehrform“ für all diese „Flüche“ gefunden hat: den „flower rain“. Vorbildlich. Eine sichtbare Ehrung wäre fällig …

Gleichzeitig fand eine andere Kopfbedeckung Eingang in die Medienberichterstattung: Das Nudelsieb, mit dem sich der Ex-NEOS-Abgeordnete und Medienunternehmer Niko Alm (* 1975) vor Jahren auf seinem Führerscheinfoto ablichten ließ – mit der Ansage, dies gehöre zur „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“, einer aus den USA stammenden „Religionsparodie“ als „Persiflage der kreationistischen Pseudowissenschaft Intelligent Design“ (Wikipedia). Aktueller Anlass war gegenwärtig das Ansuchen dieser Gruppierung mit derzeit rund 500 Mitgliedern in Österreich beim Kultusamt um Anerkennung als Bekenntnisgemeinschaft, was aber erfolglos war. Das „Dritte Gebot“ des „Evangeliums“ dieser auch Pastafarianismus genannten „Bewegung“ lautet: „Mir wär‘s wirklich lieber, du würdest Leute nicht nach ihrem Aussehen beurteilen oder was für Klamotten sie anziehen, oder wie sie reden [ – ] …“ Da wurde wieder einmal eine Solidaritätsgeste verabsäumt.

Worum es aber immer geht, ist der Versuch, Meinung zu machen – nicht nur zu haben (und zu ihr zu stehen, aber das würde Ernsthaftigkeit bedeuten). So betonte auch Schwertner, wie wichtig es sei zwischen Meinungsfreiheit und Gewalt zu unterscheiden (Kurier, 5. 1. 2018). „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“ heißt es bei Goethe im „Torquato Tasso“: Betont sei dabei der Hinweis aufs Fühlen, denn die verborgenen – oder unbewussten – Motive und Ziele kann man zwar kognitiv nach Checklist abfragen und nach Wahrscheinlichkeit erraten. Sicher macht einen aber nur das subjektive Empfinden der Inkongruenz von Inhalt und Form (Mimik, Gestik etc. gegenüber den verbalen Äußerungen) und Entschlüsseln nach dem eigenen Repertoire an Emotionen – und das erfordert Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Von Goethe stammt auch der Satz „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.“ (Zahme Xenien, Kapitel 3). Abgewandelt könnte man daher sagen: Wär nicht in uns auch ein Hasser oder Schelm (den wir kennen und kontrollieren), wir könnten Hasser und Schelme nicht erkennen.